170. Zusammenkunft am 23. September 2010
im Haus für Mozart in Salzburg/Österreich


 

1. Tischrede - Dr. Manfred Osten

Exzellenz, Frau Präsidentin, meine Herren,

verzeihen Sie mir bitte, wenn ich Ihre zwanglosen Gespräche unterbreche. Ich tue es besonders ungerne, da es gerade diese Art der Gespräche war,  die der Vater  Friedrichs des Großen im Schloss zu Königswusterhausen in seiner Tabaksrunde, dem Vorbild unseres Bremer Tabak-Collegiums, gesellig gepflegt hat. Aber ich denke, dass diese gesellige Tradition heute Abend ohnehin durch das Humor-Thema  eine würdig-heitere Fortsetzung finden wird. In dieser geselligen Tradition steht vor allem aber  auch  der Referent des heutigen Abends. Denn  Alfred Brendel ist nicht nur ein weltberühmter Pianist,  sondern er hat vor allem durch seine Gedichte unter Beweis gestellt, dass er selber ein Meister des abgründig-schwarzen Humors ist. Er hat diesen Humor in einem Gespräch mit der NZZ erläutert mit dem Hinweis, dass ihn das Absurde in der Realität, das Groteske im Ernsthaften und das Unterwandern der Ordnung immer schon interessiert habe. So überrascht es denn auch nicht, dass Alfred Brendel zum Beispiel eines seiner Gedichte überschrieben hat mit dem Titel: „Störendes Lachen beim Jawort“. Womit er sich als ein würdiger Nachfahre Lichtenbergs erweist, von dem bekanntlich der für das Jawort bei Eheschließungen interessante Satz stammt: „Die Liebe macht blind, die Ehe stellt das Sehvermögen wieder her.“

Und da Alfred Brendel  am Klavier auch den berühmten Sänger Dietrich Fischer-Dieskau  begleitet hat, kennt er natürlich  den mit diesem Sänger verbundenen  schwarzen Humor im Reich der Musik, den ich Ihnen als ein weiteres Beispiel nicht vorenthalten möchte. Vom ebenfalls berühmten Dirigenten Otto Klemperer wird nämlich berichtet, dass der junge Fischer-Dieskau ihn indirekt während einer Probe der Johannes-Passion von J. S. Bach kritisiert haben soll mit der Bemerkung: „Maestro, stellen Sie sich vor, mir ist heute Nacht J.S. Bach erschienen. Er hat mir gesagt: „Das Tempo dieser Arie ist zu langsam!“.  Daraufhin soll am nächsten Tag Klemperer die Generalprobe unterbrochen haben mit der Bemerkung: „Herr Fischer-Dieskau, auch mir ist heute Nacht J. S. Bach erschienen. Er hat mir gesagt, er kenne Sie gar nicht.“

Umgekehrt wissen wir aus sicherer Quelle, dass kürzlich der Große Kurfürst, der Vater Friedrichs des Großen und der Gründer des Tabak -Collegiums, Alfred Brendel erschienen ist. Er hat ihm die Erlaubnis erteilt, dass heute Abend nach dem Essen im Karl-Böhm-Saal eine Ausnahme von einer Regel des Tabak-Collegiums statuiert werden darf. Wir sind nämlich alle herzlich gebeten, während des Vortrags mit Beispielen am Klavier  ausnahmsweise nicht zu rauchen. Dem Großen Kurfürsten war natürlich bekannt, dass diese Ausnahme von der Raucher-Regel im Widerspruch steht zu einem Gedicht Alfred Brendels, das ich Ihnen vorlesen möchte, da es jenes Instrument betrifft, das Sie alle heute hören werden.

Klaviere

Dass man Klaviere
nicht nur kochen
sondern auch räuchern kann
hat erst kürzlich
ein purer Zufall
ans Licht gebracht
Ein Kellerbrand
im lokalen Klavierhaus
förderte überraschend zutage
dass geräucherte Flügel
nobler klingen als gekochte
In riesigen Kaminen
hängen sie nun
die musikalischen Freudenspender
wie schwarze Schinken
bevor sie
rauchgrau und würzig
den Kenner zufriedenstellen


Trotz dieser Laudatio auf geräucherte Flügel hat sich Alfred Brendel im Dezember 2008 offiziell als Pianist zurückgezogen. Wir aber haben  dennoch das Glück, einen der großen Pianisten unserer Zeit heute Abend  hören zu dürfen mit am Klavier vorgetragenen Beispielen großer Klavierwerke im Lichte seiner Grundsatzfrage: „Kann absolute Musik komisch sein?“ Denn Alfred Brendel ist gottseidank nicht dem Beispiel des französischen Pianisten Francois René Duchable gefolgt, der 2003 den Abschied vom Konzertpodium feierte, indem er mit einem Hubschrauber seinen Flügel in einem See versenkte. Alfred Brendel  ist glücklicherweise auch nicht auf jene unnachahmliche Weise verschwunden, die er in dem folgenden Gedicht beschrieben hat:

Sie sind doch Woody Allen
sagt plötzlich jemand neben mir
eine Frau mit einem krummen Zahn

Nicht dass ich wüsste
sage ich
und mache mich unwillkürlich etwas kleiner
Mein Name ist Karl der Große

Unsinn sagt die Frau
und schiebt sich immer näher an mich heran
Mir machen Sie nichts vor

Also wenn Sie meinen
sage ich
und fühle wie ich weiterschrumpfe
bis ich so klein bin
dass sie mich
samt meiner Klarinette
in ihrer Einkaufstasche davonträgt


Glücklicherweise ist aber auch Bremen  auf besondere Weise mit dem musikalischen Humorthema unseres heutigen Tabak-Collegiums verbunden. Nämlich durch das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten. Sie haben Bremen als Stadt der Musik weltweit berühmt gemacht. Zum Thema des Komischen heute Abend gehört allerdings, dass die Bremer Stadtmusikanten nie bis Bremen gekommen sind. Aber, sie wussten schon mit Jean Paul, dass das Komische nichts anderes ist als das umgekehrt Erhabene. Sie haben in diesem Sinne denn auch das Komische praktiziert. Indem sie nämlich in ihrem eigenen Musizieren sich so weit vom Erhabenen entfernten, dass ihren Zuhörern sogar das Lachen vergangen ist und sie schließlich die Flucht ergriffen. Das allerdings kann uns heute nicht passieren, denn wir werden nicht nur einen Künstler erleben, der das Erhabene und das umgekehrt Erhabene kennt. Alfred Brendel ist vielmehr auch ein Künstler, der gerühmt wird als ein „Philosoph am Klavier“.  Der  Basler Schriftsteller Jürg  Laederach hat dies zum Vorschlag inspiriert, im Synonym-Lexikon das Wort „nachdenken“ durch das Wort „brendeln“ zu ersetzen. Zumal wenn man bedenkt, dass dieses „Brendeln“ sich immer auf einem doppelten Boden ereignet. Diesen doppelten Boden hat Alfred  Brendel selber erläutert mit den Worten: „Ein Sinn für Komik, das Absurde und Paradoxe (und) eine gesunde Portion Skepsis, damit man sich nicht zu ernst nimmt.“

Für alle diese Dinge ist der Karl-Böhm-Saal heute Abend natürlich das ideale Forum. Wenn Sie nach dem Bremer Abendbrot diesen Saal betreten, so finden Sie nämlich dort vor dem Kamin ein schmiedeeisernes Gitter mit dem für den heutigen Vortrag passenden Emblemen der Musik:  einen Violinschlüssel und eine Lyra. Und erst recht werden Sie in diesem Raum, der ursprünglich als Winterreitschule 1662 von Fürstbischof Graf von Thun erbaut wurde, ein modernes Gemälde zum Thema der Musik erblicken. Es trägt den Titel “Wie eine Sinfonie“. Dieser Titel  ist natürlich gemeint als eine  Hommage an Mozart, mit dessen „Weltwunder des Jeunehomme-Klavierkonzerts“ sich übrigens Alfred Brendel im Dezember 2008 in Wien als Pianist vom Konzertpodium verabschiedet hat. Es war dies Brendels eigene Hommage an Mozart als jenen Komponisten, der für ihn der Inbegriff der Musik für Pianoforte ist. Im Gegensatz zu jenen Pianisten, die das Klavier  als Fortepiano betrachten. Womit ich zum Schluss noch einmal auf jenen bereits  erwähnten großen Dirigenten Klemperer zurückkommen möchte, der wie Brendel überzeugt war von der Magie der leisen Töne, also des Pianos, als Qualität musikalischer Dynamik. Von Klemperer wird nämlich berichtet, dass er eine Probe der ersten Sinfonie von Brahms unterbrochen habe mit der Bemerkung: „Das vierte Horn ist zu laut.“ Als daraufhin allerdings der erste Hornist darauf hinwies, dass der vierte Hornist noch gar nicht erschienen sei, soll Klemperer geantwortet haben: „Macht nichts. Sagen Sie es ihm, wenn er kommt.“