171. Zusammenkunft am 09. Juni 2011
im Rathaus zu Aachen und der Aula Carolina


 

1. Tischrede - Prof. Dr. Herwig Guratzsch

Sehr geehrte Herren!

Es gehört zum erprobten Ritual des Tabak Collegiums, der Freude am Bremer Abendessen und den Gesprächen mit unfreiwilligen Pausen durch Tischreden zu begegnen. Das Unterbre-chen von Individualgesprächen, deren Spannung sich dadurch leicht auflöst, ist belastend für den Sprecher am Katheter. Er kann sich der Aufgabe eigentlich nur dann mit Zuversicht ent-ledigen, wenn er neue Impulse zu vermitteln glaubt, die zur Bereicherung beitragen. Daß er sich dabei in der Regel gründlich überschätzt, entspricht Ihrer Erwartung, die Sie freundli-cherweise höflich zurückhalten.

Mit der scheinbar mühelosen Eingangsfloskel wurde keineswegs Knigge zitiert. Ich lasse in-dessen die Quelle offen, weil wir seit einiger Zeit, dank hochtrainierten Spürsinns, Herkunfts-analysen von Texten gern vornehmen. Die Identifikationsfreude beim Auffinden alter Text-fetzen, auf die sich etwas wörtlich beziehen könnte, - eine sonderbare Internet-Lust mit schnellem Heureka-Effekt -  wächst ins Unermessliche. Daß das mit schwindendem Vermö-gen eigener Originalität und Kreativität einhergeht, lässt sich nicht nur im politischen Diskurs leicht erkennen. Die Statements wichtiger Politiker ähneln mehr und mehr einander bei zu-nehmender Verkümmerung ihres Begriffsgutes. Wozu auch unsere Sprache in ihrer Vielfalt gebrauchen und genießen, wenn sich die „Denke“ – das Unwort nutzen nicht nur ein paar Linke – verknappen lässt, etwa auf Schrumpfbegriffe wie „Hallo“, „ok“,  „Alles klar“ oder auf das in den unzumutbarsten Zusammenhängen vorkommende „Kein Problem“.

Wir befinden uns in der >Aula Carolina<, die weitaus jünger als Carolus Magnus ist. Erst 1663 wurde sie als Katharinenkirche des ehemaligen Augustinerklosters gebaut und nach Jahrzehnten vollendet. In napoleonischer Zeit entstand eine französische Sekundärschule an ihrer Stelle, aus der dann das Kaiser-Karl-Gymnasium hervorging, das diesen, ursprünglich Gottesdiensten gewidmeten Raum, zur Aula umfunktionierte. Heute als Turnhalle genutzt oder – wie vor wenigen Tagen anläßlich des Karlspreises – als Festsaal für Empfänge. Durch die fünf toskanischen Säulenpaare, die Arkaden und die imponierende Höhe von 10 Metern ein prächtiger, wohlproportionierter und doch zugleich schlichter Raum. Daß Christliches weltlichen Nutzungen gewichen ist, zeigt, dass die Bedenkenlosigkeit, Sinnzusammenhänge zwischen Architektur und ihrer beabsichtigten  Funktion, ihrer bestimmten Aura, aufzulösen, nicht erst unseren heutigen, teilweise hanebüchenen Umnutzungspraktiken entspricht.

Die Namen aber >Aula Carolina< beziehungsweise Kaiser-Karl-Gymnasium erinnern an den genius loci. -  Wie, meine Herren, dürfen wir uns denn den Kaiser vorstellen?

Unsere geringe Wissenslage über Karl den Großen hat zu uferloser Legendenbildung geführt. Auch wenn ernstzunehmende Historiker unserer Tage blumenreiche Interpretationen auf ihren schmalen Sachstand zurückstutzen, der durch Bilder und Symbole, durch archäologisch ans Tageslicht gebrachte Spuren und Nachahmungen verlorengegangener Zeugnisse zusammen-gesetzt erscheint, unterliegen wir weiter Phantombildern. So gibt es beispielsweise kein au-thentisches Porträt Karls des Großen. Deshalb ist es zur Wucherung aller möglichen Vorstel-lungen über ihn gekommen. Drüben im Rathaus begegnen uns solche Karl-Porträts. Glaub-würdig ist keins, auch das von Albrecht Dürer nicht, das im Foyer des Rathauses begegnet. (Wir werden, wenn wir zum Krönungssaal gehen, auf die Kopie davon stoßen.)  Sein Phanta-sieprodukt entstand 700 Jahre nach Karl 1511/13, also vor einem halben Jahrtausend, im Auf-trag der Stadt Nürnberg. Nürnberg war damals noch der Ort der Aufbewahrung der Reichsin-signien, die dann nach Wien verbracht wurden, so dass wir heute auch davon nur die – aller-dings ausgezeichneten – Repliken im Krönungssaal betrachten können.

Albrecht Dürer war Realist, ja verbissener Beobachter der wirklichen Züge eines Menschen. Er vergräbt sich geradezu in die Physiognomie, um zur psychischen Aussage vorzudringen. Er ist damit ein Pionier des Urgedankens der Renaissance, die Entdeckung des Individuums realitätsnah bis zur Schilderung der Gemütsverfassung hin zu treffen. Es muß diesen eindring-lichen Charakterisierer an der Schwelle zur Neuzeit entsetzlich gequält haben, ein Dreiviertel-figurenbild von Karl schaffen zu sollen, von dessen Aussehen, außer dass er sehr groß ge-wachsen gewesen sein soll (sieben Fuß groß), nichts überliefert war. So konnte er nur einer Traumintention nachgehen, nur fiktiv den Kaiser „erfinden“. Er tat es mit kontrollierter Lei-denschaft, glich sein Aussehen dem von Gottvatervorstellungen an, zeigte ihn mit langem Haar und weißen Bart und stattete ihn mit Ernst und feierlicher Würde aus. Dazu bildete er die ihm vertrauten Herrschaftssymbole ab, die er vom Original abgezeichnet hatte. So gelang es ihm, einen Realismus vorzutäuschen, der zum Pototyp für die enorme Nachwirkung wurde. Sie hat unsere bildliche Vorstellung von Karl dem Großen bis heute geprägt.

Unsere Vorstellung könnte durch ein weiteres, mit etwas Phantasie anzureicherndes Motiv belebt werden. Auch wenn wir wissen, dass die Herkunft des Bremer Tabak Collegiums auf die noble Runde bei Friedrich Wilhelm I. von Preußen in Königswusterhausen zurückgeht, ließe sich mit Karl dem Großen ein eindrucksvoller Vorbote definieren. Es gehört zur Über-lieferung seiner faszinierenden Wirkung, dass er das bedeutendste kulturelle Zentrum des Reichs hier in Aachen zwischen 794 und 798 etablierte. Er gründete eine Hochschule, in der die Sieben Freien Künste, die >artes liberales<, im Mittelpunkt standen. Damit erweckte er die Hochform antiker Bildung zu neuem Leben und versammelte um sich die geistige Elite seiner Zeit. Daraus destillierte sich ein Freundeskreis angelsächsischen, irischen, fränkischen, langobardischen und italienischen Ursprungs, der auf ritualisierte Floskeln und deren Korsett verzichtete. Zu ihm gehörten unter anderen Alkuin, Paulus Diakonus, Einhard, - Lichtgestal-ten abendländischen Denkens, denen in der Neuzeit mehrere Nobelpreise zugesprochen wor-den wären. Man gab sich Namen, um keine Unterschiede untereinander aufkommen zu lassen. So ließ sich Karl der Große David nennen. Bei der Entfaltung des Gesprächs im Schein der poetischen Maskerade stärkte man das Wissen um Dichtung, Rhetorik, Dialektik und Astro-nomie. Alles, bis auf das Rollenspiel, (das künftig vielleicht im Dialog des Kleinen Gremiums aufgegriffen wird) dürften auch heute die Bestandteile der Collegiumsgepflogenheiten sein. Die Intensität dieser Gesprächskultur muß bezwingend heftig gewesen sein. Einhard be-schreibt sie in einem Brief als „mitreißenden Wind“ und als „Sturm“.

Ein Letztes: ich muß Sie auf das Krönungsbild an der Fassade des Rathauses über dem Ein-gangsportal hinweisen, weil wir das beim Eintreten wahrnehmen können. Achten Sie bitte auf dieses Krönungsbild, das in der Mitte Christus zeigt, der die Krönung Karls durch Papst Leo III. als Majestas Domini lenkt. Wenn Sie Karls Aussehen auf sich wirken lassen, erkennen Sie die Gesichtszüge und den hochgezwirbelten Lippenbart des letzten deutschen Kaisers Wil-helm II.. Ist damit ein antizipatorischer Blick auf das Thema unseres heutigen Festredners Christopher Clark gemeint? Die Darstellung stammt von Johannes Müller, der sie im Zuge der Nachgestaltung der Rathausfassade 1901 geschaffen hat. 10 Jahre später, also vor genau 100 Jahren, besuchte Wilhelm II. nicht ohne Pomb und dem entsprechenden öffentlichen Beifall Aachen!

Ich wünsche Ihnen weiter Guten Appetit!