173. Zusammenkunft am 14. Juni 2012
in der Abtei / Abbaye de Neumünster in Luxemburg


 

1. Tischrede - Wilhelm von Boddien

Meine Herren,

Wir hören nachher beim Tabak-Collegium eine Rede von Prof. Dr. Leisinger zum Thema „Menschenrechte und Unternehmen“, sicherlich in der heutigen Zeit ein Thema von größtem Interesse, gerade unter den Aspekten der Globalisierung.

Deswegen möchte ich vorweg – vielleicht um Sie, meine Herren, etwas neugierig darauf zu machen, unseren Referenten ein ganz wenig provozieren – aber in größter Höflichkeit, weil ich Sie viel zu sehr verehre, Herr Professor Leisinger. Sie kennen vielleicht diese Geschichte von Schopenhauer über die Rotte Stachelschweine, die sich in einem dunklen Wald befand, bei Eiseskälte und bitterlich fror. Aber die Schweine sind Warmblüter. So beschlossen sie, ganz dicht an einander zu rücken -  und das taten sie so heftig, dass  sie mit ihren Stacheln tief ins Fleisch eindrangen und quiekend vor Schmerz ganz schnell auseinander fuhren. Nun froren sie wieder. Dann rückten sie wieder zusammen und wieder auseinander. Das ging so lange hin und her, bis sie eine Entfernung gefunden hatten, wo sie sich schon ganz schön wärmten und nur noch wenig piekten. Diese Entfernung – so Schopenhauer – nannten sie seitdem  „Höflichkeit und feine Sitten“. Unter diesem Tenor möchte ich Sie bitten, meine kleine Ansprache zu verstehen.

Deswegen möchte ich vor der großen Rede von Prof. Leisinger ein wenig fabulieren, über menschliche Strukturen und Schwächen, von Gefühlen und Instinkten.

Der Mensch ist, wie Marc Twain schrieb, ein gottgewolltes Wesen und doch zunächst einmal seit Urzeiten vor allem aus dem Unterbewusstsein heraus instinktgesteuert. Instinkte sind für die menschliche Vernunft etwas Gefährliches, weil sie rational nur über reichlich Lebenserfahrung und zudem nur extrem langsam umzusteuern sind.

So haben unsere Haustiere ihren Fluchtinstinkt nach Jahrtausenden inzwischen weitgehend verloren, sehr zur Freude der seit einiger Zeit immer stärker über die Oder nach Deutschland eindringenden Wölfe. Neue Erfahrungen können sie, anders als in der Natur aber nicht weitergegeben, das ist einem toten Schaf kaum möglich. Aber die Artgenossen würden es bezeugen können, wenn nicht durch dauernde, von uns Menschen bedingte Veränderungen der Herde, die Kommunikation miteinander immer wieder gestört würde und damit verkümmert ist. Solche Mutationen dauern endlos lange, wenn sie überhaupt eintreten.

Die über 40 Millionen Jahre alte Tierart Igel hat seit der Erfindung des Automobils vor über 125 Jahren immer noch nichts dazu gelernt und rollt sich auf der Straße wie gewohnt ein, wenn ein Auto auf ihn zurast. Das ist ihre Schutzfunktion, die
 sie seit Jahrmillionen rettete gegen tierische Feinde. Der Igel wird es vielleicht nie lernen, sich anders zu retten. Was ihn aber realiter auf unseren Straßen platt macht.

Ein weiterer Instinkt ist der der Arterhaltung, daraus resultiert der überall – und auch bei uns Menschen - ganz besonders anzufindende Anspruch des Stärkeren auf Herrschaft über den Schwächeren - denken Sie nur an den Begriff „Alpha-Tier“. Und in der Natur sorgt in der Regel der stärkste Hirsch für den Nachwuchs, Schwäche wird von ihr eliminiert.

Nun hat Gott dem Menschen einen Verstand gegeben, damit er ethisch denkt und aus der Selbstliebe und dem Erhaltungstrieb zur Nächstenliebe übergehen kann. Nur das funktioniert nicht so einfach, da der Mensch durch seinen Verstand auch zur Individualität neigt, die ihm im kontrollierten Wettbewerb mit anderen zumindest eine schützende Nische bieten soll. Das Schutzbedürfnis ist nach wie vor sehr ausgeprägt, obwohl der  Säbelzahntiger der Urzeiten längst ausgestorben ist. So beobachte ich immer zu gerne, wie sich ein leeres Lokal füllt: Der erste Gast geht in die der Tür gegenüberliegende Ecke, mit Blick zur Tür, der zweite geht in die nächste Ecke, wieder mit Blick zur Tür und so weiter. Mittelplätze werden erst besetzt, wenn die Randplätze vergeben wurden. Kluge Restaurantbesitzer haben das inzwischen verstanden und bringen Spiegel in Augenhöhe an den Wänden an, um das Unwohlsein, mit dem Rücken zur Tür sitzen zu müssen,  etwas zu kompensieren.

Das Unterbewusste hat also nach wie vor eine unglaubliche Macht über unseren Verstand, es kontrolliert - wie wissende Leute sagen -  immer noch 85 % unseres Handelns! Und damit auch unseres Wettbewerbsverhaltens, das letztlich, lieber Professor Leisinger,  auch Vorgabe für Ihr Thema am heutigen Abend ist.
Der Kant’sche Imperativ, nach dem das persönliche Handeln so angelegt sein soll, dass daraus Gesetze für die Handlungen aller anderen Menschen werden können, zeigt diese Schwierigkeiten. Er kam bislang nicht zum Durchbruch, wie auch die Thesen der Seligpreisungen im Neuen Testament immer noch darauf warten, von den Menschen als Weg zu einer guten Zukunft akzeptiert zu werden. Und das seit 2.000 Jahren.

Nun sind wir Deutschen, nicht weniger aber auch die Luxemburger und alle anderen Europäer durch die Globalisierung mit einem kaum noch kontrollierbaren Wettbewerbsverhalten von Menschen und Kulturen anderer Völker konfrontiert. Die kulturellen Unterschiede, bedingt durch die verschiedenen Weltreligionen und ihre Dogmen, durch verschiedene zivilisatorische Stufen, sind immer noch gewaltig – und damit auch das ethische, an unseren Grundsätzen gemessene Verhalten im Konkurrenzkampf.

1998, zwischen den beiden Irak-Kriegen gegen Saddam Hussein, war ich im Rahmen der Mission der UNO – „Oil for food“ in Bagdad. Ein Iraker hatte sich in Deutschland bester Beziehungen zum Regime gerühmt und mir von dem großen Bedarf des Landes an Landmaschinenersatzteilen berichtet. Ich war damals Landmaschinenhändler und fand das natürlich hochinteressant. Im Rahmen eines
EU-Tenders, so nannte man das, könne man dort gut Geschäfte machen. Naiv wie ich war, freute ich mich auf ein schönes Geschäft.

Nach drei Tagen wunderte ich mich, dass die Verhandlungen nicht so recht in Gang kommen wollten. Mein Bagdadaufenthalt ähnelte eher einem schönen Touristikerlebnis, allerdings ständig von Saddam Husseins Existenz in Form von Plakaten, Denkmälern und Geheimschlössern begleitet, man konnte seinem Bild nicht ausweichen. Er war überall, omnipräsent. Geschäftlich kam ich einfach nicht an die richtigen Leute ran – mein Informant schien auch unbekannt vor Ort.

Ich wohnte damals im Hotel Al Raschid, den Namen kennen Sie sicherlich noch aus den Fernsehsendungen, von dort berichteten die Journalisten während des ersten Krieges. In der Lobby lernte ich einen sehr zufriedenen Schweizer Kaufmann kennen. Er berichtete ganz entspannt, dass er gerade im Rahmen derselben Aktion Medikamente im Millionenwert für den Irak verkauft habe. Ich fragte ihn, wie er das wohl gemacht habe und berichtete von meinen frustrierenden Erlebnissen. Ein schallendes Gelächter war die Antwort:  „Sie haben alles falsch gemacht“, sagte er. „Sie müssen nämlich wissen, dass unter dem Einfluss Saddams der Irak nur mit „Freunden“ handelt. Und die Schweiz gehört nicht unbedingt dazu. Also habe ich meinen Kontrakt mit seinen Freunden in Moskau geschlossen, als ich hier zuvor den Bedarf geklärt hatte. Diese wiederum liefern die Medikamente an Importeure aus dem Freundeskreis Saddams, die wieder an entsprechende Pharmagrossisten, bis dann das Medikament einer Iraker Apotheke für die Bevölkerung bereit liegt. Erstaunlicherweise hat sich der Preis der Pillen auf dem Weg vom Hersteller über Moskau nach Bagdad verdreifacht, Bestechungsgelder sind natürlich nicht geflossen.“
Mein touristischer Aufenthalt im Zweistromland war dennoch sehr schön und aufschlussreich, ich fuhr weitergebildet und voller neuer Erkenntnisse über die regionalen Bräuche wieder nach Hause, aber ohne jeglichen Auftrag.

Mehr als zwei Drittel der Menschheit leben in solchen, weitgehend totalitären Systemen. Eine Milliarde Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. In unseren Augen überholte Hierarchien, Oligopole oben und die tägliche Selbstbehauptung, der Überlebenskampf unten, bestimmen das Verhalten der Menschen in immer noch zu vielen Ländern der Erde.

Der Hunger der Großmächte nach Rohstoffen oder aber auch strategischen Ausgangsbasen zur Sicherung ihrer staatlichen Existenz, früher am Gegensatz der USA zur Sowjetunion im kalten Krieg erkennbar, wird nun auch noch verstärkt durch China, Indien, den Iran, und andere Schwellenländer, die immer mehr Bedeutung erlangen. Dies führt häufig zu kriegerischen oder terroristischen  
Ereignissen, die Tausenden von Menschen das Leben kosten, wie man gerade am immer heftiger werdenden Bürgerkrieg in Syrien sehen kann. Und es ist für mich immer noch unglaublich, wie der russische Außenminister Lawrow in diesem Zusammenhang behaupten kann, dass die gerade verkauften russischen Kampfhubschrauber natürlich nur für zivile Zwecke nach Syrien geliefert werden.  

In Mitteleuropa – das müssen wir einfach bedenken - leben wir doch erst seit 1945 friedlich zusammen, zum ersten Mal seit Menschengedenken. Bürgerkriege wie der in Jugoslawien gelten eher als Betriebsunfall unseres so „heilen“ Systems.
Was aber passiert, wenn die Eurokrise nicht mehr beherrschbar bleibt und externe Großmachtinteressen auch in Europa wieder zu wirken beginnen? Sind wir inzwischen wie die USA wirtschaftlich nicht immens abhängig geworden von China? Was ist uns dann lieber im Interesse unserer Bürger – ein stabiles, aber totalitäres System dort oder ein Chaos à la Jelzin wie am Anfang der Neunziger Jahre in Russland?

Wie ehrlich sind wir eigentlich noch mit uns selbst, bei der Beschwörung immer neuer „to do’s“  in Bezug auf die Machbarkeit im Sinne der „politischen Korrektheit“?

Marc Twain hat ein relativ unbekanntes Büchlein in seinem literarischen Erbe hinterlassen, die „Briefe von der Erde“.

Gott hat dort Ärger mit seinem frechen Lieblingsengel Luzifer, der ja eigentlich wörtlich  übersetzt „Lichtträger“ heißt, aber im Himmel allerhand Unheil stiftet, so dass Gott ihn auf Strafexpedition zur Erde schickte, zu den gottgewollten Wesen namens Mensch. Er soll jeden Tag einen Bericht über deren Verhalten schreiben – deswegen heißt das Büchlein „Briefe von der Erde“ -, also, was die Menschen so treiben und wie gottnah ihr Verhalten ist.

Schon der erste Brief lässt im Himmel die Alarmglocken schrillen, allerdings ist die Feuerwehr bis heute noch nicht ausgerückt, die Bibel verschiebt den Einsatz weise auf das Jüngste Gericht:

Luzifer schreibt:
Lieber Gott – ich zitiere jetzt nicht wörtlich – sonst wird es zu lang -  Dein von Dir geschaffenes Wesen namens Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Du hast ihn mit der Fähigkeit ausgestattet, zu sündigen. Und er versündigt sich heftig und in einem fort gegen Deine Zehn Gebote. Du hast ihn auch mit der Fähigkeit ausgestattet, die Sünde als solche zu erkennen – und alles zutiefst zu bereuen. Und er bereut, manchmal über Generationen hinweg, auch noch die Sünden seiner Vorväter.

Aber Du hast ihn mit der Unfähigkeit ausgestattet, die Sünde zu besiegen – und dafür bestrafst Du ihn.

Das ist schon eine Aussage: „…mit der Unfähigkeit ausgestattet, die Sünde zu besiegen – und dafür bestrafst Du ihn“.
Diese Geschichte hat, ohne das Marc Twain dies beschwört, noch eine Pointe: Seit vielen Jahrhunderten ist der Name Luzifers, des Lichtträgers, zugleich Synonym des Teufels.

Und dann kommt noch die Ideologie der ahnungslosen, ungebildeten Nabel-schauer, der Gutmenschen, hierzulande dazu.

Deswegen wird In Berlin demnächst im neu gebauten Schloss das Humboldtforum eingerichtet, dass seine Besucher auf besondere Weise faszinieren soll. Man könnte seinen Auftrag unter einen Ausspruch von Alexander von Humboldt stellen, der sagte:

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derjenigen Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“

Sie wissen, dass ich damit unsere deutschen Träumer meine.

Über die wunderbaren, riesigen  Sammlungen des Ethnologischen und des Asiatischen Museums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einer völlig neuen, den Besucher zur Interaktion reizenden Weise, sollen hoffentlich zahlreiche Besucher sehend gemacht werden, warum die Menschen der verschiedenen Kontinente aus religiösen, zivilisatorischen, klimatischen, Wohlstands- und Bildungsgründen so unterschiedliche Auffassungen haben.  Sie sollen das verstehen, um daraus Verständnis für fremde Kulturen zu entwickeln. Aus dem Verständnis resultiert dann die Verständigungsbereitschaft, an den Grundproblemen der Globalisierung mit zu arbeiten, dem Wassermangel, dem Hunger und der fehlenden Bildung in den ärmsten Ländern der Erde. Allenthalben steigern sich die Bemühungen der demokratisch verfassten Länder, Wege durch dieses Dickicht zu finden und Licht in das Dunkel in den Köpfen zu bringen.

Und dennoch konnten wir hochgebildeten, hochzivilisierten Menschen hier in der westlichen Hemisphäre in Zusammenarbeit mit gleichartigen Kräften anderer hochzivilisierter Länder im Bereich der G8 oder gar der G20 noch nicht einmal die Verwerfungen des Kapitalmarkts und der übermäßigen Staatsverschuldung verhindern, die durch einige mächtige Spekulanten oder schlicht aus kurzfristig gedachten Überlegungen des Machterhalts immer wieder in immer schnellerer Folge über uns hereinbrechen.

Sehr verehrter Herr Prof. Leisinger, wir hatten zur Vorbereitung des Abends in Basel ein wunderbares Gespräch. Ich hoffe, dass Sie es mir nicht verübeln, dass ich versucht habe, Sie mit diesen durchaus streitbaren Thesen angesichts Ihres so wichtigen und vor allem notwendigen Themas ein wenig zu provozieren – nicht aber ohne Sie meiner größten Bewunderung für das, was Sie tun, zu versichern.

Vielleicht habe ich auch ein wenig Spannung und zusätzliche Neugier bei den Gästen des Tabak-Collegiums in Erwartung Ihres Vortrags erzeugen können, das wäre mir sehr recht. Die Liebe zu unserem Land und zu seinen Menschen bringt mich dazu, Ihnen von Herzen zu wünschen, lieber Herr Prof. Leisinger, dass Ihre Arbeit wie die eines Herkules schließlich vom Erfolg gekrönt wird – und nicht als Sisyphusarbeit scheitert.

Meine Herren, nach mir wird Herr Bürgermeister Helminger sprechen und Ihnen sicher noch einige unbekannte Ergänzungen zu dem Thema Luxemburg und Bremen liefern, das ich bei meiner Begrüßung nur andeuten konnte, und vor allem auch von seinen großen europäischen Erfahrungen berichten.

Ich hoffe, dass wir Ihnen einen Abend bieten, der auch ein wenig zum Nachdenken anregt. Zunächst wünsche Ihnen jedoch weiterhin viel Vergnügen und gute Gespräche beim Bremer Abendbrot und vor allen Dingen, seien Sie gespannt auf die Rede von Prof. Leisinger nachher im Collegium zum Thema „Menschenrechte und Unternehmen“.