174. Zusammenkunft am 27. September 2012
Schloss Wolfenbüttel/Herzog August Bibliothek


 

1. Tischrede - Dr. Dr. h.c. mult. Manfred Osten

Königliche Hoheit,
sehr geehrter Herr Professor Schmidt-Glintzer,
meine Herren,

ich bitte um Nachsicht, wenn ich das Bremer Abendbrot unterbreche. Ich tue es mit dem Zusatz, den Goethe gegenüber jener Dame äußerte, die in diesem Schloss geboren wurde, Großherzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar. Er lautet: „Wer länger als zehn Minuten redet, erregt den Widerwillen seiner Zuhörer.“ Ich will versuchen, mich daran zu halten. Derartige dynastische Verbindungen wie zwischen Wolfenbüttel und Weimar lassen sich leider zwischen Wolfenbüttel und Bremen nicht nachweisen. Immerhin lässt sich für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zum Ruhme Wolfenbüttels nachweisen, dass diese Stadt 1666, als sie noch Residenzstadt des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg war, durch kaiserliches Dekret zum Beschützer Bremens gegen die Schweden ernannt worden ist. Schon aus diesem Grunde freuen wir uns, dass Sie, Königliche Hoheit, heute bei uns sind.
Denn Wolfenbüttel gehört ja historisch zum ehemaligen Territorialbezirk des Welfenhauses in Gestalt der sogenannten Eigengüter Heinrichs des Löwen. Mit dem eben genannten Stichwort Weimar sitzen wir jedenfalls hier im Renaissancesaal des größten erhaltenen Schlossbaus Niedersachsens auch auf gesichertem klassischen Boden der deutschen Literatur. Zumal wir uns hier im Fürstenhaus selber dichtender Welfenherzöge wie Heinrich Julius und Anton Ulrich befinden. Kein Wunder also, dass die nach dem 30jährigen Krieg hier durch Herzog August geschaffene, größte damalige Bibliothek als das „achte Weltwunder“ gefeiert wurde. Und kein Wunder, dass Herzog Johann Friedrich schließlich keinen Geringeren als den Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz zum Bibliothekar dieses Weltwunders ernannte.

Womit wir schon beim Thema des heutigen Festvortrags sind: „Inspiration – Wie kommt die Kunst in den Kopf?“ Denn Leibniz gilt zu Recht als eines der größten Genies der Inspiration. Die Fülle seiner Geistesblitze reicht von binären Zahlen bis zum hochaktuellen Projekt einer Versöhnung der großen Kirchen. Sein berühmtester Geistesblitz aber fällt in die Zeit seiner Tätigkeit als hiesiger Bibliothekar. In seinem philosophischen Traktat über die „vernunftbegründeten Prinzipien der Natur und der Gnade“ gelangte er zu der Überzeugung, dass wir alle in der von Gott geschaffenen besten aller möglichen Welten leben.

Man hat allerdings bereits im 18. Jahrhundert diese Inspiration als Optimismus bezeichnet. Es war dann Karl Kraus, der Optimismus im 20.Jahrhundert definiert hat als „Mangel an Information“. Wie es heute um diesen Optimismus steht, verdeutlicht die Anekdote, wonach ein gläubiger Christ nach seinem Tode zwar immer noch in den Himmel kommt, dort aber an der Pforte nicht, wie es sich in der besten aller möglichen Welten gehört, von Sankt Peter empfangen wird, sondern von Luzifer, dem Teufel persönlich. Und zwar mit der Erklärung: “Auch wir haben hier längst fusioniert.“
Meine Herren, mit dem Stichwort der Inspiration möchte ich aber jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf das Thema des Festvortrags lenken. Wir werden diesen Vortrag hören in jener Bibliothek, die bereits Lessing gerühmt hat als „Schatzkammer aller Reichtümer des menschlichen Geistes“. Der Geist aber – und das wissen wir aus den Evangelien – weht bekanntlich, wohin er will und nicht wohin wir wollen. Das heißt, die Be-geistung, die Inspiration, als der wahre Quellgrund des Neuen in der Welt, das Schöpferische, entzieht sich dem Zugriff, dem Kommando des menschlichen Willens. Es bleibt sein Geheimnis, wie es in den Kopf eines Menschen kommt. Zum Beispiel in Gestalt der bahnbrechenden Bühnenwerke des bereits erwähnten Wolfenbütteler Bibliothekars, Gotthold Ephraim Lessing. Dieser faszinierend freie Geist in Lessings Kopf ist denn auch der Grund, warum Hofmannsthal – wie bereits erwähnt - Lessing definiert hat als „echten Charakter“ und nicht als einen „gemachten Charakter“. Und dies mit der wenig schmeichelhaften Behauptung, dass Lessings Bedeutung für die Nation in seinem Widerspruch zu ihr liege. Ein Widerspruch, der nach Hofmannsthals Ansicht offenbar in der Gefahr besteht, dass Lessings Nation vor allem „gemachte“, aber keine „echten“ Charaktere hervorbringt.

Meine Herren, wie steht es heute um diesen Vorwurf, den Hofmannsthal hier erhebt gegen ein Bildungssystem zur Herstellung „gemachter“ statt „echter“ Charaktere? Können wir heute, 100 Jahre später, diesen schwerwiegenden Vorwurf als obsolet, als überwunden betrachten? Karl Valentin hat behauptet: „alle Menschen sind klug: die einen vorher, die anderen nachher.“ Sind wir Nachgeborenen inzwischen klug geworden? Dient unser Bildungssystem heute der Förderung des „echten“ und nicht des „gemachten“ Charakters? Dient es der Freisetzung des Schöpferischen im Sinne des Themas unseres Festredners „Wie kommt die Kunst in den Kopf“? Oder dient die Bildung heute einer Entwicklung, die schon Karl Kraus als Zeitgenosse Hofmannsthals Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Formel gebracht hat: „Das Niveau ist sehr hoch. Es steht bloß keiner mehr drauf“?

Meine Herren, die Antwort auf diese Frage hat Lessing selber schon vor über 200 Jahren hier in Wolfenbüttel gegeben. Es ist die Antwort eines Mannes, der schon damals fürchtete, daß die Kunst nicht mehr in seinen Kopf kommen könnte. Denn er fürchtete, daß sein Geist sich „im Bücherstaub verliert, der immer mehr und mehr auf meine Nerven fällt“.

Man ersetze das Wort „Bücherstaub“ durch das, was unser Bildungssystem heute hauptsächlich bezweckt. Nämlich die fast ausschließliche Vermittlung akademischen Wissens ohne Rücksicht auf Fragen der Charakterbildung. Und man setze anstelle von „Bücherstaub“ eine Bildung, die sich nicht mehr versteht als gedächtnisgestützte Urteilskraft, sondern als Bologna-Prozeß beschleunigter Erwerb von Zukunftskompetenz ohne Herkunftskenntnisse. Mit der Folge, daß sich bereits als Historiker verstehen kann, wer die Tageszeitung von gestern gelesen hat. Und dies im Zeichen jener drohenden digitalen Demenz, vor der schon Hans-Magnus Enzensberger gewarnt hat mit der lapidaren Feststellung: „Gespeichert, das heißt vergessen.“ Selbst Lessing hat bereits befürchtet durch den Brotberuf als Bibliothekar dies zu werden, was Hofmannsthal als „gemachten“ Charakter bezeichnet.

Hier Lessings selbstironische Klage: „Mit mir ist es vollständig aus; und jeder dichterische Funken, deren ich ohnedies nicht viel hatte, ist in mir erloschen.“ Es ist eine Klage, der wir uns – wie ich meine – nicht entziehen sollten. Es wird darin die Frage hörbar: Was können, was müssen wir tun, daß nicht die Inspiration in einer Gesellschaft erlischt, um deren Zukunft es ohne Inspiration herzlich schlecht bestellt wäre? Und deren Zukunft ohne Herkunft wahrscheinlich auf Sand gebaut wäre.

Wir danken daher schon jetzt Martin Mosebach, daß er sich heute Abend dieser dringenden Frage annehmen wird. Anlässlich einer Laudatio bei der Verleihung des Kleist-Preises 2011 hat Martin Mosebach bereits hingewiesen auf die Bedeutung der Inspiration. Er betrachtet sie nach wie vor als die eigentliche „Hauptaufgabe der Kunst“. Womit er an das erinnert, was Lessing den soeben erwähnten „dichterischen Funken“ genannt hat. Denn für Mosebach ist die Kunst die Fähigkeit, „die Gegenstände, die sie sich vornimmt, anzuzünden und zum Leuchten, zum Strahlen und womöglich gar zum Brennen zu bringen“.

Lassen Sie mich daher zum Schluß erinnern an eine Anekdote zum Thema geistreicher Inspiration. Es ist ein Beispiel für das hohe Niveau, das man kennen muß, um die Gegenstände „zum Leuchten“ zu bringen. Als der im Mai dieses Jahres leider verstorbene große Sänger Dietrich Fischer-Dieskau zum ersten Mal unter der Leitung des berühmten Dirigenten Klemperer Bachs Johannes-Passion sang, unterbrach Fischer-Dieskau die Probe mit dem geistreichen Hinweis, ihm sei heute Nacht Johann Sebastian Bach im Traum erschienen. Er habe ihm gesagt, das Tempo der zuletzt gesungenen Arie sei leider zu langsam. Daraufhin habe am nächsten Tag Klemperer an derselben Stelle die Generalprobe unterbrochen mit dem Hinweis, auch ihm sei heute Nacht Johann Sebastian Bach erschienen. Als Fischer-Dieskau sich neugierig erkundigte, was Bach denn gesagt habe, soll Klemperer geantwortet haben: „Er kennt Sie gar nicht.“

Meine Herren, Sie sehen, Klemperers Antwort ist jedenfalls „Geist-reich“ im ursprünglichen Sinne des Wortes. Weshalb ich denn auch an dieser Stelle abbrechen möchte, um dem Festredner nicht zuvorzukommen. Vorher aber wollen wir jetzt das Bremer Abendbrot fortsetzen. Ich wünsche hierzu guten Appetit und weiterhin inspirierende Gespräche.