175. Zusammenkunft am 07. Juni 2013
im Rathaus zu Krakau (Wielopolski-Palais)


 

1. Tischrede - Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Joachim Treusch

Meine Herren, verzeihen Sie mir, dass ich Sie zu so heftiger Bewegung animiere und noch dazu mit einer persönlichen Erinnerung in Ihre Unterhaltung einbreche. Sie hat, das wird Sie nicht wundern, mit Krakau zu tun, und sie ist tief in mein Bewusstsein eingebrannt.

Es war im Sommer 1977, als ich zum ersten Male Polen und Krakau besuchte – im Auftrag meiner Universität, das war Dortmund, als deren Prorektor. Ich wusste, wie viel Unrecht Deutschland Polen zugefügt hatte, ich wusste insbesondere von den schrecklichen Leiden Krakaus unter der Schreckensherrschaft des Generalgouverneurs Hans Frank. Ich wusste, dass nur der überraschend schnelle Einmarsch der russischen Armee Krakau vor der von den Nazis bereits komplett vorbereiteten völligen Vernichtung gerettet hatte.

Ich war beklommen und zugleich neugierig: Wie würde der Empfang sein? Hatte der Kniefall Willy Brandts eine Wirkung gehabt? Wie war das alltägliche Leben in dem Land, das wirtschaftlich und politisch, mit Streiks und Arbeiterunruhen 1977 in einer tiefen Krise steckte?

Die Herzlichkeit meines Gastgebers Andrzej, Physiker wie ich, löste meine Beklommenheit
schnell.
Gleich am ersten Abend besuchte er mit mir die Marienkirche. Vor dem wunderbar geschnitzten Altar des Veit Stoß sitzend ließen wir uns von einer Mozart-Messe überwältigen, die anlässlich einer Trauung gespielt wurde, in die wir zufällig geraten
waren. „Das ist Europa“, sagte Andrzej.

Später erzählte er mir, dass Boleslaw der Schüchterne, ein Ururenkel des bei der Begrüßung erwähnten Tapferen Boleslaw, nach dem ersten Mongolensturm von 1241- die Schlacht bei Liegnitz - Krakau nach Magdeburger Stadtrecht neu gegründet und so wieder aufgebaut habe, wie man es heute sieht. Er erzählte auch, dass die abgebrochene Trompetenfanfare, noch heute täglich vom Turm St. Mariens geblasen, an den tapferen Turmwächter erinnere, der vierzig Jahre später seine (erfolgreiche) Warnung vor dem zweiten Einfall der Mongolen mit dem Leben bezahlte (Der Pfeil drang ihm durch den Hals).

Am nächsten Tag besuchten wir die Universität. Von Kasimir I., dem letzten König Polens aus dem Stamm der Piasten, aus dem die ganzen Boleslawe stammen (da gibt es noch ganz wunderbare: der Schiefmäulige, der Kurzbeinige...aus diesem Stamme war Kasimir der Letzte) im Jahre 1364 gegründet, ist sie nach Prag die zweitälteste Universität Mitteleuropas.

Kasimirs Großnichte Hedwig bestieg 1384 den Thron und heiratete den litauischen Großfürsten Wladyslaw Jagiello. Das ist nicht nur deswegen wichtig, weil damit der Grund gelegt war für eine fast 200 Jahre währende glückliche Entwicklung Krakaus als Hauptstadt der polnisch-litauischen Union, einer der größten europäischen Mächte. Es ist auch wichtig für die Entwicklung der Universität. Hedwig, die schon mit 27 Jahren starb, hatte ihr gesamtes persönliches Vermögen der Universität vererbt. Beispielhaft! Das war jetzt ein Insider-Witz für Bremer!

„Plus ratio quam vis“ ist der Leitspruch der nunmehr Jagiellonische Universität genannten Hochschule. Das kann man in verschiedener Weise übersetzen. In Deutschland
würde man sagen: „Wir haben weniger Macht, als Verstand“ - gemeint ist aber wohl eher: “Verstand soll den Vorrang vor Macht haben“.

Als Ehrengast der Universität (das kam daher - ich war damals, wie Sie sich wahrscheinlich ausrechnen werden, noch ein relativ junger Knirps, aber ich war halt
Prorektor an einer sehr jungen Universität. Das wussten aber die Polen nicht. Die dachten Prorektor, das muss schon ein würdiger Mann sein und hatten mir daher ein Ehrengastprogramm entwickelt, das vom Feinsten war) durfte ich in einer Sonderführung,
an einem Sonntag, 4 Stunden mit Museumsdirektor, Historikerin, Kunsthistorikerin durch das Collegium Maius, ich durfte die Originalinstrumente des Nikolaus Kopernikus berühren, sogar in seinem Hauptwerk „De revolutionibus“ (heute liegt die Kopie unter Glas) blättern, natürlich mit weißen Seidenhandschuhen. Mir als Physiker wurde da auf eine sehr emotionale Weise deutlich, dass das europäische Zeitalter der Aufklärung hier in Krakau eine seiner wichtigsten Wurzeln hatte.

Das zog natürlich nicht nur Studenten an (wie Kopernikus) sondern auch viele, insbesondere deutsche Künstler und Handwerker. Über 35% aller Stadtbürger Krakaus waren um 1480 deutschsprachig, in der Marienkirche wurde deutsch gepredigt, ihre größte Glocke stammte aus der Werkstatt Johann Beheims, neben dem berühmten Altar des Veit Stoß gibt es den von Hans von Kulmbach gemalten Johannes-Altar, Peter Vischer aus Nürnberg eröffnete eine Bronzegießerei in Krakau, Hans Dürer, der jüngere Bruder Albrechts, war Hofmaler bei König Sigismund.

Süddeutschland und Polen – gemeinsamer europäischer Kulturraum!

Zum Wohlstand trug im Übrigen auch das größte einheitliche Währungsgebiet des damaligen Europa bei, das Sigismund I. in seiner Münzordnung von 1528 begründete. Das ging von den baltischen Staaten bis zum Schwarzen Meer. Dass er dabei nicht allen Ratschlägen folgte, die Kopernikus in seinen Münzdenkschriften in seiner Funktion als Berater des Königs vorgelegt hat, ist eine Sache. Dass des Kopernikus Erkenntnis, dass „schlechtes Geld gutes Geld verdrängt“, noch heute als Gresham-Kopernikus-Gesetz zitiert wird, ist die andere. Dies mag manchem so unbekannt sein, wie es bei der aktuellen Diskussion über die Ein- und Zwei-Eurocent Münzen nützlich sein könnte. Die Aussage war, wenn Geld faktisch mehr wert ist, als sein Verkaufswert bedeutet. Wenn also das Kupfer in der Ein-Cent-Münze mehr wert ist, als ein Cent. Dann macht es keinen Sinn - dann werden es
die Leute horten, statt Kabel zu klauen. Das hat Kopernikus schon sehr früh deutlich klar gemacht und Sigismund hat zumindest daraus seine Schlüsse gezogen. Aber in Geld- und Währungsfragen steht „ratio“ halt nicht immer im Mittelpunkt!

Andrzej hat mir auch viele Krakauer Kirchen und umliegende Klöster gezeigt, großartige Zeugnisse vergangener Architektur - erhalten, weil seit dem Mongolensturm keine Zerstörungen mehr Krakau heimgesucht haben.

Zu meinem Erstaunen waren sie stets überfüllt, beredtes Zeugnis eines das polnische
Volk einigenden Glaubens.

So fand ich zwei Dinge, die im folgenden Jahr 1978 geschahen, einigermaßen folgerichtig:

zum einen, dass Krakau zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, da kann Bremen mithalten
zum anderen, dass der Erzbischof von Krakau, Kardinal Wojtyla, zum Papst gewählt wurde. Da kann Bremen nicht mithalten, zumal erschwerend hinzukommt, dass unser Bischof evangelisch ist.

Die Auswirkungen, die die Wahl Karol Wojtylas und die dieser Mann selbst auf die Entwicklung in Polen und in Europa haben würden, haben damals wohl nur wenige erahnt. Aber welche Symbolkraft, dass der Eiserne Vorhang just an einem 9. November fiel, dem beladenen deutschen Datum, dass der deutsche Bundeskanzler an diesem Tag in Polen weilte, um einen Kooperationsvertrag für die Wissenschaft zu unterschreiben, und dass dies dann tatsächlich am 10. November, einen Tag vor dem polnischen Nationalfeiertag, dem 11. November auch wirklich geschah.

Wir stehen tief in Ihrer Schuld, meine verehrten Freunde aus Polen und Krakau: als Schuldige, das ist hoffentlich für immer Vergangenheit, wenn auch nicht vergessen,
aber auch als Dankbare, und das ist Gegenwart und soll Zukunft sein.

Für beides möchte ich Ihnen im Namen des Bremer Tabak-Collegiums ein kleines Zeichen überreichen und auch dazu muss ich eine kurze, diesmal aktuelle Geschichte erzählen:

In Vorbereitung dieses Abends habe ich den Leiter des Bremer Staatsarchivs bitten lassen nachzuforschen, ob es historische Dokumente zu Kontakten zwischen Krakau und Bremen gebe. Immerhin hatte auch Bremen wie Krakau eine aus einer bischöflichen Lateinschule hervorgegangene Universität, wenn auch viel später und nur für 200 Jahre von 1610 bis 1810, das Gymnasium illustre.

Wir waren wie Krakau einige Zeit und davon 40 Jahre gleichzeitig Mitglied der Hanse,
wir waren während der Nordischen Kriege 1655 – 1660 gleichzeitig von den Schweden besetzt,
und wir sind nach der Befreiung von den napoleonischen Besatzungstruppen im Jahr 1813 durch den Wiener Kongress zur gleichen Zeit Freie Städte geworden.

Das Ergebnis der Suche war karg: im Jahre 1636 ist mit Christoph Szycovius der erste polnische Student aus Krakau in den Matrikeln des Bremer Gymnasium illustre nachweisbar.

Aber:
Im Sommer vor drei Jahren wurde im Bremer Staatsarchiv von einem anonymen Besucher eine Plastiktüte hinterlegt, die ein pergamentgebundenes Büchlein mit Goldschnitt enthielt, dessen Herkunft zunächst im Dunkel blieb. Es war ein liturgisches Werk für den katholischen Gottesdienst, 1740 in Wratislava gedruckt.

Sie erinnern: 1740 war das Todesjahr unseres friedfertigen Tabaks-Kollegen Friedrich
Wilhelm. Friedrich der Große hatte noch nicht zugeschlagen: Wratislava = Breslau gehörte noch nicht zu Preußen.

Angeregt von unserer Nachfrage hat Herr Professor Elmshäuser, der Leiter des Archivs noch einmal akribisch nachgeforscht - buchstäblich mit der Lupe - und den Stempel entziffert:

Biblioteka O.O.Franziskanow W Jasle

Er verweist auf die Bibliothek des Franziskanerkonvents im polnischen Jaslo (dt.
Jassel) unweit Krakau.
Da Jaslo in der Zeit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg schweren Zerstörungen
und sicher auch Plünderungen ausgesetzt war, kann man eine Verschleppung (das vornehme Wort für Diebstahl) des Buches in dieser Zeit vermuten. Die anonyme Abgabe im Staatsarchiv kann auf eine Rückgabe aus „schlechtem Gewissen“ verweisen, umso mehr, wenn es vom Anonymus gelesen worden sein sollte.

Ich zitiere heute nur aus der Einleitung, weil die gut sowohl zu unserem Essen wie zum Tabak-Collegium und seinem Anliegen überhaupt passt:

Habes, benevole Lector, Officiosa Pietatis Exercitia, e diversis quasi agris in manipulum
unum Tuo fervori comparata. ......... Varia dedimus, et diversa, vel ut, cum non omnibus eadem saepe placent, delectus esset; vel ut profusae multorum pietati hoc compendio serviremus.

Nimm, geschätzter Leser, die Officiosa Pietatis Exercitia (Übungen pflichtgemäßer
Frömmigkeit), die sozusagen aus verschiedenen Quellen zu Deiner Erbauung in einer Sammlung zusammengetragen sind. .. Wir bieten eine große Vielfalt an: zum einen, damit eine Auswahl da ist, da oft nicht jedem alles gefällt, zum anderen, um den weitgestreuten Ansprüchen so vieler mit Gewinn zu Dienst zu sein.


Hiermit lege ich dies Büchlein, Herr Kosmider,
restauriert vom Staatsarchiv
und zum künftigen Schutz mit einem Schuber versehen,
der zur Erinnerung an die Geschichte des Buches
das große Bremer Staatswappen trägt,
zurück in die Hände, in die es gehört.