176. Zusammenkunft am 02. Oktober 2013
im Residenzschloss und im Albertinum in Dresden


 

1. Tischrede - Prof. Dr. Herwig Guratzsch

Meine Herren!

Die Gespräche zu unterbrechen, kann nur dann gut sein, wenn Sie sie nach dieser ersten Tischrede – eine zweite folgt dann vom Generaldirektor der Sammlungen, Herrn Dr. Fischer – mit dem von Bass und Bariton geprägten Geräuschpegel unmittelbar wieder aufnehmen. Sopranistinnen und Altistinnen sind nicht unter uns, womit eine Tradition aufrecht erhalten wird, die in der unangepassten Gesprächskultur ihre eigenen Reize, Anregungen und Wirkungen sucht. Gerade weil zunehmend die meisten Zusammenkünfte von Menschen – Zirkel, Clubs und Tischgemeinschaften – geschlechtervermischt stattfinden und damit den Gleichmachereitrends unserer quotengläubigen und quotenergebenen Zeit folgen, erweisen sich jene Traditionen als exklusiv, herausgehoben und überraschend, die ihre Anpassungsbereitschaft sinnvoll dosieren. Die weibliche Seite hat das mehr und mehr für sich erkannt, was sich in der vermehrten Gründung reiner Damenzirkel niederschlägt. – Ich will nicht leugnen, dass es für einen Herrn nach einem solchen damenlosen Abend ein wahres Vergnügen ist, Damen zu begegnen. Seine Mitteilungskraft ist wesentlich belebter und inspirativer, so dass der Geschlechterdialog zum erfrischenden Ereignis wird. Das begeistert die Damen.

Wir haben in der neuen Fürstengalerie des Dresdner Schlosses Platz genommen und sind von den dicht präsentierten Porträts der Kurfürsten und Könige Sachsens umgeben. Dabei fällt unschwer auf, dass es für schwache Fürsten ein Glück sein kann, von einem großartigen Künstler konterfeit worden zu sein. Umgekehrt darf es als Unglück gelten, wenn glanzvolle Fürsten von schwachen Künstlern ins Bild gebracht wurden. Beide Varianten lassen sich auch heute in der Wiedergabe von Politikern nicht leugnen, wenn Dutzende von Photographen 100 mal bei ein und demselben Motiv, in ein und demselben Moment abdrücken und uns am Folgetag nur ein enttäuschendes Konterfei aus der Zeitung anblickt, dann ist man oft fassungslos! – Ich verkneife mir, Ihnen in Gegenwart unserer Dresdner Freunde und Kenner Fürsten- und Königsnamen, bzw. Künstler zu nennen, für die man ähnliche Malheurs konstatieren müsste. Man würde auf lokalpatriotische Empfindlichkeiten stoßen und damit auf heftige Reaktionen. Herr Neidhardt ist unter uns. Gern weise ich aber auf beidseits geglückte Fälle hin, die wir hier sehen, auch wenn sie keinen Eingang in die attraktiven Porträts gefunden haben: An der Stirnseite in martialischem Outfit Kurfürst Moritz von Sachsen, der in den nur sechs Jahren seiner Regierungszeit zwischen 1547 - 1553 Europa umkrempelte. Zunächst ein Parteigänger Karl V., wechselte er kurz darauf in seiner kühnen Verschlagenheit die Fronten, wurde sein erbittertster Feind und rettete so den Protestantismus.

Das Werk an der gegenüberliegenden Seite stellt den Sohn August des Starken dar: Kurfürst Friedrich II, der hier im roten Mantel und mit der Haartracht des polnischen Königs August III. gezeigt wird. Der Propagandist des französischen dekorationsfreudigen Geschmacks Louis des Silvestre, man nennt ihn auch den Hyacinth Rigaud des sächsischen Hofes, hat ihn in Überlebensgröße mit rauschender Dominanz in einer leicht süßlicher Färbung wiedergegeben.

Mit Ernst Rietschels Porträt von König Johann in Gips von 1855 betreten wir eine andere Zeit und eine andere Psychologie. Dieses eher zarte und nachdenkliche Gesicht charakterisiert eine Persönlichkeit, die nicht nur in den Amtsgeschäften eines Königs von Sachsen aufging, sondern gelehrte Züge trägt. Im Volk nannte man ihn >Philalethes<, den ‚Wahrheitsliebenden‘. Unter diesem Pseudonym hatte er die Gesamtausgabe der Göttlichen Komödie von Dante übersetzt und kommentiert. Das Porträt Rietschels blieb nicht ohne Eindruck auf die große Arbeit seines Schülers Johannes Schilling, der 1877 das grandiose Reiterstandbild des Königs Johann in der Mitte des Theaterplatzes vor der Semperoper schuf.

Eine köstliche Alternative zu den hier versammelten Bildern und Skulpturen befindet sich übrigens in der benachbarten Auguststraße in Form des mehr als 100 Meter langen Fürstenzuges an der Rückwand der königlichen Ställe. Ursprünglich waren es Sgraffitomalereien, die Hans Walter zwischen 1872- 1876 geschaffen hatte, die dann vor 100 Jahren auf 25.000 Porzellankacheln gebrannt worden sind. Es gibt wohl keine Dresdner Stadtführung, die dort nicht interpretationsreich mit routinierten Vokabeln verweilen würde. Gäbe es die Möglichkeit, diesen Zug zu aktualisieren, würde man Verantwortungsträger der Neuzeit wählen, um sie angemessen zu verbildlichen. Die Dresdner Kunstakademie wäre zu animieren, den Fürstenzug als Zug vorbildhafter Bürger an anderer Stelle fortzusetzen. Auch wenn hinsichtlich geeigneter Persönlichkeiten zwischen 1933 und 1989 eine gewisse Durststrecke zu überwinden wäre, – die Komposition könnte fesselnd werden! Und es gäbe keine Diskussion, wenn man neben Kurt Biedenkopf Persönlichkeiten einbezöge, die wie Gret Palucca, Manfred von Ardenne, Rudolf Mauersberger, Peter Schreier, der leider eben abgesagt hat, weil es ihm nicht gut geht, und Christian Thielemann Dresdens Reputation bis in unsere Tage zu beispielhafter Resonanz gebracht haben und bringen.

Meine Herren, die Dresdner unter uns werden es immer wieder erfahren, wenn Gäste der Stadt neben ihnen Platz nehmen, wie sie unaufgefordert ihnen gegenüber ihre Freude gestehen, diese Stadt an der Elbe zu besuchen. Von den reizvollen Hügeln, die Dresden von allen Rändern umfangen, erfasst man ihre Schönheit, und es entfaltet sich vor den Augen ein berührendes Bild. Seit Jahrhunderten spricht man von Elbflorenz. Man ist fasziniert vom Zwinger, diesem vorbildlosen, einzigartigen Bau, der in Stein geformten Musik, dem kongenialen Dialog des Baumeisters Pöppelmann und des Figurenschöpfers Permoser. Aber auch das Schloss in seiner verwickelten, irritierend eigenartigen und nicht immer harmonischen Geschichte bewegt die Besucher. Von ihm, von den Kurfürsten, die hier residierten, gingen die inspirierenden Impulse aus, die der Stadt ihren Charme schenken. Wer vom Neustädter Markt in Richtung Altstadt geht, begegnet dem vergoldeten Reiterbild August des Starken in Bronze. Mit verwegener Haltung kündigt er an, was dieses sächsische Fürstenhaus war und was es seinen Bürgern an Stolz und Begeisterungsfähigkeit in die Wiege gelegt hat.

Die Barockkultur erzeugte ein untrügliches Qualitätsgefühl bei den Bürgern, das sich seither jeder Art von Verstümmelung widersetze. Dank vieler Highlights, nicht zuletzt der verführerischen Kunstsammlungen, die zum wachsenden Magnet wurden, emanzipierte sich eine wache Rezeption. Sie entwickelte sich sukzessive, undogmatisch und profilsicher zu einem Geschmack auf hohem Niveau. Möglicherweise ist die allgemeine Wirkung, die die Kunstsammlungen hervorgerufen haben, nicht ganz unschuldig gewesen, eine Erscheinung, wie die Dresdner Romantik mit Caspar David Friedrich, Johann Christian Dahl und Carl Gustav Carus mit verursacht zu haben. Im Festvortrag von Florian Illies werden wir darüber deutlicher ins Bild gesetzt werden.

Dresden umgab seit dem 18. Jahrhundert ein Nimbus, der sich auch dann nicht verdunkelte, als die sächsischen Fürsten und Könige ihrer ehemaligen Rolle nicht mehr gerecht wurden und als Zerstörungen der Stadt furchtbare Wunden schlugen. Die Bombardements Friedrichs des Großen 1760, die Schleifung der Festung durch Napoleon verwundeten und veränderten Dresden sehr, aber es verlor nicht seine Strahlkraft. Im Gegenteil. Die Frauenkirche hatte den preußischen Kanonenkugeln standgehalten. Das steigerte die ohnehin in Gang gekommene Legendenbildung um diese prominenteste evangelische Kirche Deutschlands, potenzierte die Komplimente und die schillernden Elogen, ja sie führten dazu, der Kirche, der Stadt im Ganzen die Aura der >Unzerstörbarkeit< zu geben. Ein Verhängnis, wenn man daran denkt, wie in der vielleicht entsetzlichsten Kriegsnacht des II. Weltkrieges vom 13. auf den 14. Februar 1945, diese von Flüchtlingen überfüllte Stadt, die sich mit den Hunderttausenden Dresdnern sicher fühlten, zugrunde ging. Denn – das war die Meinung – wer würde, wer könnte sich an dieser Stadt, an diesem Paradebeispiel europäischer Kultur vergreifen, zumal keine merkbare Industrie hier zuhause war?

Aber nicht einmal diese grausamen Bombenangriffe, die die Stadt dem Erdboden gleichmachten, hat ihr ihre kolossale Wirkung geraubt. Denn schon kurz nach dem Zusammenbruch Dresdens, den der alte Gerhard Hauptmann bewegend beschrieben hat („Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens...“) begannen die kleinen und großen Reparaturen. Selbst in der Diktatur des DDR-Systems entwickelten sich Sensibilitäten für das, was Dresden war und was es nun wieder sein könnte. Die über 40jährige Indoktrination, mit der die Menschen der DDR bedrängt und passiviert wurden – mehr als das Dreifache der Zeitspanne des Nationalsozialismus – vermochten der Stadt mit ihrem feurigen Instinkt für Ästhetik ihre Seele zu nehmen. Das Gegenteil trat ein. Auch wenn der Weg äußerst entbehrungsreich, kompliziert, ja aussichtslos war – was hätte Fritz Löffler, was würden Heinrich Magirius und Ludwig Güttler hierzu mitteilen können! – zielte dieser Weg von vornherein auf Wiedererneuerung, auf Heilung der Wunden bis hin zur Heinrich Schütz Kapelle. Am renovierten Schauspielhaus steht ein Satz Goethes geschrieben: „Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasstes Neue“. Das ist die Botschaft, das ist der rote Faden, der die Dresdner infizierte. „Ältestes bewahrt mit Treue, freundlich aufgefasstes Neue“, – das nimmt auch uns heute in dieser Fürstengalerie gefangen.