Jahresschluss-Collegium am 04. Dezember 2008 im
Rathaus der Freien Hansestadt Bremen


 

1.Tischrede – Dr. Patrick Wendisch

 

Meine Herren,
Herr Senator,
sehr geehrter Herr Professor Treusch,
 
man kann die Aktualität des Themas „Alles ist Energie“ unserer heutigen Collegiums-Runde von Herrn Professor Joachim Treusch wahrlich nicht besser platzieren, als zwischen den ca. 2.800 Kilojoule Energieinhalt des Fischganges und den 3.500 Kilojoule des Schinken- und Käseganges. Zusammen mit dem Mittelwächter und den Bieren, übrigens beides weitere echte Energierspender, haben Sie bereits fast Ihren Tagesbedarf an Energie gedeckt. Für die anstehende Collegiums-Runde ist dies aber gar nicht mal so schlecht, denn das menschliche Gehirn verbraucht ca. 20% der körpereigenen Energie, insbesondere beim Denken, obwohl es nur knapp 2% des Körpergewichts ausmacht. Also ein echtes Hochleistungsorgan, welches insbesondere mit Zucker zur Höchstform aufläuft. Wenn Sie allerdings, und ich möchte Ihnen bestimmt nicht den Appetit verderben, mehr energiereiche Substanz als nötig aufnehmen, werden Sie nicht größer, stärker, schöner oder womöglich klüger, sondern nur dicker und viel leichter krank.
 
Global betrachtet, hat die Menschheit allerdings eher das gegenteilige Problem und zwar unabhängig davon, ob es sich um chemische Energieträger in der Nahrung, wie zum Beispiel Fette, Kohlehydrate und Eiweiße, oder um fossile Vorkommen in Form von Gas, Öl oder Kohle handelt oder um physikalische Energieträger, wie die elektrische, kinetische, regenerative oder nukleare Energie. Die Frage lautet also, wie decken wir den Energiebedarf einer wachsenden Weltbevölkerung mit steigendem spezifischem Bedarf an elektrischer Energie und an nötiger Wärmeenergie?
 
In Abwandlung des Satzes „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles Nichts“, kann man auf dem sicheren Fundament des ersten und zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik diesen Satz in ein beherztes „Doch, Energie ist tatsächlich alles und ohne Energie ist alles Nichts“, abwandeln, denn es gibt ohne Energieverbrauch kein Leben auf der Erde.
 
Deshalb, meine Herren, sind die Fragen nach der Deckung unseres persönlichen Energiebedarfs, nach der Situation der Energieversorgung und der Weltenergievorräte so wichtig. Sie spielen die entscheidende Rolle für unsere gegenwärtige – aber noch viel wichtiger – zukünftige Lebensqualität.

Mit der Diskussion um die anthropogenen, also die vom Menschen gemachten, Klimaveränderungen, ist die Problematik der Deckung des steigenden Energiebedarfs einer wachsenden Erdbevölkerung mit drastischer Zunahme des spezifischen Energieverbrauchs, in das Bewusstsein der Menschheit gerückt.

Eine der spannendsten Zukunftsfragen wird sein, ob es der Genialität und der Innovationskraft der Menschheit gelingen wird, den Trade-Off zwischen dem steigenden Energiehunger der Menschheit einerseits und der Endlichkeit, der von der Natur uns geschenkten Energieträger, vornehmlich der fossilen Energieträger, andererseits, zu überwinden. Ich bin davon überzeugt, dass uns dies nur mit Hightech und nicht mit Lowtech gelingen wird. Aber, dass es uns gelingen wird, davon bin ich sehr überzeugt.

Ausgestattet mit diesem unerschütterlichen Optimismus, der uns mit meinem Beispiel einstimmt auf den mit Spannung erwarteten Vortrag von Herrn Professor Joachim Treusch, stelle ich auch einen Bezug zur aktuellen Situation der globalen Wirtschaft her.
Der Umweltminister hat jüngst darauf hingewiesen, dass durch den sich verstärkenden Abschwung der Weltkonjunktur keineswegs die ökologischen Klimaziele aus dem Blick fallen dürfen. Er hat wahrscheinlich an Berthold Brecht gedacht „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Die Diskussion über eine Relativierung klimapolitischer Ziele mit Zielen der kurzfristigen Überwindung konjunktureller Einbußen ist bereits im Gange.
 
Die Überwindung einer globalen Rezession ist langfristig kein Trade-Off zu einer zukunftsgerichteten Energiepolitik und Energiewirtschaft. Die Sicherung einer langfristig sicheren, zuverlässigen, berechenbaren, gleichmäßigen, umweltgerechten, bezahlbaren und Ressourcen-schonenden, und ich möchte hinzufügen ideologiefreien Energieversorgung der Menschheit ist vielmehr das höhere Gut, als die Abfederung einer sicherlich dramatischen, durch Finanzmarktinterdependenzen ausgelösten Konjunkturkrise in der Realwirtschaft.
 
Die Nichtlösung des ersteren Problems würde der Entwicklung des Wohlstandes der Menschheit viel mehr entgegenstehen, als es die derzeitigen Medienberichterstattungen über die „realwirtschaftlichen Folgen der Finanzmarktkrise suggerieren“.
 
Ich habe den letzten Ausdruck bewusst gewählt, weil er so im Jahresgutachten des Sachverständigenrates steht. Hier lautet die Überschrift „Finanzkrise meistern, Wachstumskräfte stärken“.
 

Wenn Sie allerdings das Gutachten mit der Presseberichterstattung vergleichen, stellen Sie in der Wortwahl dramatische Differenzen fest, die nicht nur auf das journalistische Element zurück geführt werden können. So heißt es selbst in der FAZ: „Die größte Wirtschaftskrise der Geschichte. “ Der Spiegel bemüht die Metapher einer „Kernschmelze“. Selbst der Wirtschaftsweise Peter Bofinger meinte außerhalb des Gutachtens „Es geht ums Überleben!“ . Das Gutachten sagt allerdings: „Zu einer Weltwirtschaftskrise wie in den 30er Jahren wird es nicht kommen.“

Meine Herren, bei der Energiefrage geht es langfristig ums Überleben der Menschheit. Aber bei einer Wirtschaftskrise?

Lassen Sie mich anhand der Dramaturgie, mit der eine Krise, ein Problem oder eine Verwerfung mit Attributen zu einer Angst oder Panik hoch gebauscht wird, einige Bemerkungen machen. Woran liegt es, dass insbesondere Panik in der öffentlichen Berichterstattung Hochkonjunktur hat?
 
Über Generationen hat die Menschheit einen nie erreichten Wohlstand und sogar Überfluss aufgebaut. Nicht, um darin etwa Glück zu sehen und den erworbenen Wohlstand als Kapital für Innovation und Besseres zu begreifen. Denn er bietet ja gerade das sichere Fundament einer schnellen Krisenbewältigung. Vielmehr zerbricht man sich den Kopf über den möglichen Verlust desselben. Angst und Panik machen die Runde und gerne kann ich Ihnen in dieser Männerrunde auch den Unterschied zwischen Angst und Panik erklären, wenn Sie möchten.
 
In Zeiten, in denen wir im geschichtlichen Vergleich rational betrachtet eigentlich keine Angst haben dürften, herrscht dennoch Zukunftsangst.
 
Als die Lehman-Pleite die Gemüter zum Hochkochen brachte, waren unzählige Experten auf Sendung, die empfahlen sich schon einmal den Strick zu nehmen. Oder, wie 1928, am besten gleich aus dem Fenster zu springen.
 
In einem sehr klugen Moment sagte Finanzminister Steinbrück folgendes: „Es gibt keinen Grund für irgendeine Weltuntergangsstimmung. Man hat fast den Eindruck, dass man sich für solche Einschätzungen immer entschuldigen muss, weil man der Sehnsucht nach Sado-Maso-Neigungen nicht entspricht.“
 
Sein Mut, im Wehklagen einmal zu sagen, was Sache ist, ziert ihn.
 
Die Sache ist: Probleme rechtfertigen kein Gejammer, wir haben es nicht nötig, uns schon mal zu Tode zu fürchten. Der Gemütsbefund ist jedoch ein anderer. 1969 sang Janis Joplin „Freedom is just another word for nothing left to loose“, was heißt „Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat“. Also ist man erst frei, wenn man pleite ist.
 
Damit ist klar, gegen Zukunftsangst hilft am besten eine solide Katastrophe, ein anständiger Krieg, eine ordentliche Geldentwertung. Das hat auch die Politik übrigens seit Jahrtausenden bestens verstanden. Wenn man Retter in der Not sein möchte, dann braucht man auch die Not, ohne die man kein Retter sein kann.
 
Nur im - drohenden - Untergang lässt sich die Hoffnung auf bessere Zeiten als Politikstrategie verkaufen und lassen sich Wähler von der Notwendigkeit politischer Gängelung überzeugen. Nichts macht dies deutlicher, als der Erdrutschsieg des Hoffnungsträgers Obama. Wobei doch eigentlich jeder wissen sollte, dass auch er nur mit Wasser kocht und nicht zaubern kann, womit ich keineswegs Obama keine erheblich bessere Politik zutraue als seinem Vorgänger. Dieses Urteil fällt auch nicht so schwer.
 
Der Wahl entscheidende Einfluss von Heilsbringern in der Krise braucht die große kollektive Katastrophe – Jahrhundert-Hochwasser, Falklandkrieg, die Terroranschläge auf das World Trade Center. Anschließend immer große Wahlsiege der Führer aus der Krise.
 
Ich möchte damit nicht sagen, dass es sich hierbei nicht um durchaus ordentliche Probleme der Zivilgesellschaft handelt, und deshalb nicht dazu beitragen, diese Probleme zu bagatellisieren.
 
Nur, wer von Ihnen glaubt nicht, dass die Wahlstrategen in Washington, aber auch in Berlin, Paris oder London nicht die jetzige Krise als die Chance schlechthin begreifen, sich als Retter in der Not darzustellen, um damit die nächsten Wahlsiege für sich reklamieren zu wollen. Denken Sie nur an die unsinnige Diskussion über „Konsum-Gutscheine“. Damit dann zu Weihnachten Flachbildschirme aus Südkorea gekauft werden.
 
Dass heute selbst das keynesiansche deficit spending zur Nachfragestimulation wieder Konjunktur hat, liegt unter anderem daran, dass man in der jetzigen Rezession gerade auch die konjunkturelle Unterbeschäftigung als das am stärksten verletzte Ziel ansieht. In der Vergangenheit wurde Keynes allzu oft verteilungspolitisch missbraucht für den untauglichen Versuch, strukturelle Verwerfungen durch konjunkturelle Stimulation zu bekämpfen. Und das klappt nicht. Schade, dass Professor Hickel jetzt nicht zuhört.
 
Wie schwierig überhaupt in marktwirtschaftlich orientierten und medienbeherrschten Demokratien die Beeinflussung von Konjunkturzyklen durch Ausgabestimulanz des Staates ist, wissen wir aus 40 Jahre einigermaßen wirkungslos gebliebener Konjunktursteuerung. Nicht umsonst hat vor drei Jahren die Handelskammer Bremen noch gewitzelt „Aufschwung trotz Politik“ und sie werden mir zustimmen, dass viel Wahrheit in diesem Satz lag.
 
Sinnvoller wäre heute eine konjunkturgerechte Wachstumspolitik durch zielgerichtete Investitionen in die Infrastruktur und Bildung, so der Sachverständigenrat.
 
Wer erinnert sich nicht an Karl Schiller, der sagte „Man hat die Pferde zur Tränke geführt, saufen müssen sie selbst“, der damit sehr weise eingestanden hat, dass es sich bei einem konjunkturellen Downcycle in erster Linie um ein psychologisches Problem von mangelndem Vertrauen in die eigene Stärke handelt. Und genau das möchte ich ja mit meinen Ausführungen zur Psychologie der Angst und des Anbietens von Lösungen an verängstigte Menschen deutlich machen.
 
Die Angst der Menschen ist als Verlockung für die Politik gar nicht wegzudenken. Ein wenig Angst ist nicht einmal schlecht, sofern sie uns anstachelt, bessere Lösungen zu finden, Aufbruch zu erzeugen.
 
Wenn aber Angst die Überhand gewinnt und in Panik umschlägt, werden wir handlungsunfähig, lethargisch und machen dadurch die Krise insgesamt nur noch schlimmer. „Self-fullfilling prophecy“ ist hier das Stichwort. Anstatt sich klar zu machen „Du musst Dich anstrengen“  als einziger Weg aus dieser psychologischen Falle.
 

Und Sie werden mir Recht geben, dass die jetzt eingesetzte realwirtschaftliche Rezession ein zunächst psychologisches Problem ist, denn mit einem Mangel an Ressourcen, Energie oder mit Verwerfungen durch Kriege mit Unterbrechungen von Handelswegen hat die prognostizierte Minderung des Bruttoinlandsproduktes in 2009 um 0,8% nun wirklich nichts zu tun.

Angst und Abneigung zur Veränderung ist also dem Menschen immanent. Nur er weiß eigentlich auch, selbst als Zweckpessimist, dass es nur mit Mut und Veränderungsbereitschaft vorwärts geht. Die Ursachen eines latenten Zukunftspessimismus liegen vor allem darin begründet, dass Technologie mittlerweile zum Unwort geworden ist – ja technologischer Fortschritt selbst Zukunftsängste erzeugt, doch eigentlich die Lösung darstellt.

Aktuell, um aus der Rezession gestärkt hervor zu gehen und strategisch – und nun schließt sich der Kreis – aus der Tatsache, dass Leben gleich Energie ist, und nur der technische Fortschritt uns Energie zum Leben sichern wird.
  
Ich freue mich mit Ihnen zusammen auf die nachfolgende Collegiums-Runde und danke Herrn Professor Treusch für die Bereitschaft, die Diskussion über Energie zu führen, sozusagen das ewige Lebenselixier der Menschheit. Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, Vorsitzender der Helmholz-Gemeinschaft waren Ihre Stationen.
 
Heute als Präsident der Jacobs University Bremen ist es Ihnen gelungen, die Forschungsschwerpunkte dieser privaten Elite-Universität auf die entscheidenden Zukunftsfragen der Menschheit auszurichten. Damit hatten Sie den großen Gönner und Förderer der Jacobs University, Herrn Klaus Jacobs, dem diese Uni eine 200 Millionenspenden und heute ihren Namen verdankt, überzeugen können.
 
Lassen Sie uns als eine Geste an die Jacobs University, Herrn Klaus Jacobs, der am 11. September 2008 starb, einen Moment gedenken.
 
 
Vielen Dank.
 
Herr Professor Treusch, wir sind auf Ihre Ausführungen zu dem Thema „Energie ist alles“ gleich in der Collegiums-Runde sehr gespannt, gestatten uns jedoch, dass wir vorher unsere Gehirne noch ein wenig mit Energie versorgen.
 
Ganz herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.