Jahresschluss-Collegium am 04. Dezember 2014 im
Alten Rathaus zu Bremen


 

1. Tischrede - Dr. Patrick Wendisch

Meine Herren,

im Bremer Tabak-Collegium galt für den Sprecher früher die Regel, bei Tisch nichts oder so wenig wie möglich zu sagen, am besten nur “Guten Appetit“. Das war eine Disziplin des Schweigens, über die sich stundenlang reden ließe. Als Kompromiss wurde dem Sprecher dann angesonnen, sowohl den jeweiligen Ort der Zusammenkunft, als auch die Bedeutsamkeit des Themas der Rede in der Collegiumsrunde zu preisen. Nicht, ohne den Gastredner entsprechend zu würdigen. Zwar kurz, aber erschöpfend.

Die Kürze des letzteren könnte heute Abend allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen, weshalb wir Ihnen beim Tabak-Collegium sinnfälligerweise zum Essen nur das auftischen, was nicht kalt werden kann. Denn ich hätte über Herrn Prof. Rürup so einiges zu erzählen, zum einen die Veröffentlichungen, die Beratungsfunktion der EU, der Bundesregierung, die Zeit als Vorsitzenden des Sachverständigenrates, der Vater des Einstieges in die kapitalgedeckte, gesetzliche Altersversorgung, bekannt als Rürup-Rente und natürlich nicht zu vergessen, die überragenden Doktorarbeiten, die unter seiner Betreuung entstanden. Das kennen Sie ja alles bereits. Zum anderen wäre da noch eine persönliche Verbindung. Wir kennen uns seit 1976, ich habe bei ihm studiert und promoviert. Das verbindet und schafft Redestoff für Stunden.

Lieber Bert, ich muss gestehen, wir hingen damals an Deinen Lippen im Seminar. Die Vorlesungen waren so nachhaltig, dass wir später vieles schon fast mitsprechen konnten. Ob es profunde Kenntnisse zur Renten-, Währungs-, oder Haushaltspolitik waren. Es waren herrliche Zitate, aus denen man eigentlich eine Aphorismensammlung machen müsste.

Wenn ich später im Fernsehen Interviews oder Talkrunden mit Deiner Teilnahme sehen und hören durfte, gelang es mir zur Verblüffung meiner Frau und meiner Kinder häufig, die Antwort, die Du zumindest mit einer Metapher verständlich für die Normaldenkenden machtest, vorwegzunehmen. Einige Kostproben: Als vorgeschlagen wurde, dass Alterungsproblem der gesetzlichen Rentenversicherung durch Zuzug von jüngeren Ausländern zu lösen, genügte zur ultimativen Desavouierung dieses Ansinnens Dein Satz: „ Auch Ausländer haben einen entscheidenden Nachteil. Sie werden älter.“ Damit war das Thema tot.

Als es um die Einführung der D-Mark in Ostdeutschland ging und viele eine graduelle und sukzessive Währungsumstellung befürworteten, gab es die kategorische Erkenntnis „Man kann auch nicht vom Linksverkehr auf den Rechtsverkehr umstellen und dann zunächst mit den Lastwagen anfangen.“

Das heutige Thema: „Wer hat, dem wird gegeben“ ist nicht nur brandaktuell, sondern auch – wie könnte es anders sein, wenn es womöglich um das eigene Geld geht – höchst widersprüchlich. Die Aktualität zeigt schon unser heutiges Datum 04.12.2014.

Vor nicht einmal 4 Wochen war der neue „Star“ der Umverteilungsökonomie, der französische Wissenschaftler Thomas Piketty bei Sigmar Gabriel und stellte seine Thesen offiziell im Wirtschaftsministerium vor. Die Kurzformel lautet: r>g. Also die Kapitalverzinsung ist immer größer als das Wachstum. Sinnfälligerweise findet Herr Gabriel die Politikberatung von Herrn Piketty willkommen, die des eigenen Sachverständigenrates eher nicht. Hat etwa der gute alte Sachverständigenrat ausgedient?

Ist es nur zu verlockend, wenn die Politik endlich mit akademischem Segen von Herrn Piketty freudig in fremde Taschen greifen kann und sich nicht ständig vom Sachverständigenrat anhören muss, wie instringent die eigene Politik ist. Die Überschrift des diesjährigen Sachverständigenrat Gutachtens spricht Bände. „Mehr Vertrauen in Marktprozesse.“ Und damit meint der Sachverständigenrat keinesfalls den Markt von strukturierten Finanzprodukten, die keiner versteht.

Bisher ist die Wirtschaftspolitik den Empfehlungen des Sachverständigenrates in der Nach-Rürup-Ära konsequent nicht gefolgt.

Entweder lag das an der Beratungsqualität von Prof. Rürup, denn in der Tat hat eine Umfrage der ‚Financial Times‘ ergeben, dass Prof. Rürup unter den wirtschaftspolitischen Beratern als derjenige mit dem größten Einfluss galt, oder später auch der Beratungsresistenz der Bundesregierung in entscheidenden Wirtschaftsfragen, die ja zugleich Finanz- und Wohlfahrtsfragen sind.
Denn ohne eine starke technologie- und exportorientierte Industrie und Wirtschaft kann sich die Bundesregierung auch jegliches außenpolitisches Gewicht „von der Backe putzen“.

Wie Gerhard Schröder schon sagte: „Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts.“ Womöglich ist die Krise des Kapitalismus eine Krise der richtigen Politikberatung. In der Naturwissenschaft, gilt der Satz: „Die Nachfrage der Politik nach gesichertem Wissen zwingt die Wissenschaft zu Aussagen, die immer stärker durch Nichtwissen gekennzeichnet sind.“ In der wirtschaftspolitischen Politikberatung gilt das Gegenteil.
„Das Angebot an die Politik von ökonomisch gesichertem Wissen ist immer stärker durch Verweigerung der Nachfrage geprägt.“

So kanzelte die Kanzlerin den Sachverständigenrat unter anderem mit dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ab.

Zu diesem Vorwurf greift man immer dann, wenn man wissenschaftlich nicht dagegen halten kann, zumal „unwissenschaftlich“ einen Wissenschaftler unter der Gürtellinie trifft.

Der US-Ökonom und Präsidentenberater Jared Bernstein sagte einmal:
„Politiker nutzen wissenschaftliche Erkenntnisse wie Betrunkene einen Laternenpfahl: Sie suchen Halt, nicht Licht.“ Sie wollen bestätigt werden, nicht erleuchtet, geschweige denn Kritik hören.

Das hat auch nichts mit der politischen Farbenlehre zu tun. Für Gerhard Schröder gab es keine linke oder rechte Wirtschaftspolitik, sondern nur richtige oder falsche. Der Erfolg der Agenda-Politik wird nur noch von Oscar Lafontaine bestritten, heute aber wieder von der Bundesregierung in vollen Zügen konterkariert.

Bisher fand ein beherztes Drehen an der Steuerschraube auf Einkommen und Vermögen seine Begrenzung in der Leistungsverweigerung und den internationalen Ausweichmöglichkeiten (damit ist ausdrücklich nicht der Gestaltungsmissbrauch gemeint) wie auch dem Mehrheitswillen der Steuerzahler. Vergleichbar einem Pareto-optimalen Zustand.

Deshalb waren Umverteilungsdebatten, also eine noch stärkere Umverteilung als bisher, niemals populär und haben Heerscharen von Volkswirten, Statistikern und Lobbygruppen auf den Plan gerufen. Das ist mit der heutigen Debatte anders. Oder bestätigt sich die Erkenntnis des italienischen Nationalökonomen Vilfredo Pareto, dass es nämlich für die Regierenden weniger eine Rolle spielt, ob eine Theorie richtig oder falsch ist, sondern vielmehr, ob sie ihnen nützt?

Ich vertrete bekanntermaßen die nüchterne ökonomische Nutzentheorie der Politik, die da lautet: „Das vorherrschende Interesse der Politik ist, wieder gewählt zu werden.“
Und wie geht das? Indem man sich der Gunst der großen Wählergruppen der Bevölkerung versichert.

Die Politik ist ein Meister darin geworden, Musik zu bestellen, die die anderen bezahlen, und dem vermeintlichen Wählerwillen hinterherzulaufen. Um es mit Talleyrand zu sagen: „Dort geht mein Volk, ich muss ihm hinterher, ich bin sein Führer.“ Was meinen Sie daher, was passiert, wenn die Anzahl der Wähler, die netto vom Staat mehr herausbekommen, größer wird als die Zahl derer, die netto einzahlen.

Dann geht es, egal ob links oder rechts, nicht mehr primär um die Lösung gesellschaftlicher Probleme und Missstände, oder womöglich um Wachstums-, Infrastruktur- und Technologiepolitik, sondern um ein Geschäftsmodell zur Optimierung der Wählerzustimmung unter dem moralischen Gerechtigkeitsanspruch. Das habe ich mir nicht ausgedacht. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat einmal auf ein Argument eines massenhaft umverteilenden Sozialhaushaltes gesagt: „Wir lassen uns doch nicht unser Geschäftsmodell kaputt machen“. Dummerweise honorieren die Wähler Wahlgeschenke nicht, was man an den Umfragewerten nach der Rente mit 63 sieht.
Piketty liefert jetzt etwas anderes, nämlich das ökonomische theoretische und empirische Rüstzeug, dass eine starke Umverteilung nicht nur als notweniges Übel zu begreifen ist, sondern bewusst und aktiv als Heilsinstrument zur Lösung von „kapitalistischen“ Wachstumsschwächen und Gefahren aus hochverschuldeten Staatshaushalten. Natürlich rief Piketty den Widerspruch der klassischen Nationalökonomenzunft auf den Plan mit unterschiedlichen Nuancen. Und wie Sie wissen, ist ja der Widerspruch das Ferment einer jeglichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Die einen griffen sofort die Datenbasis an, die anderen widersprachen seinem ökonomischen Modell oder der These, dass Kapital sich tatsächlich besser verzinst als Arbeit. Gegenwärtig ist es einzeln und global anders und unterschiedlich.

Die Aktualität der Debatte zeigt, dass auch und gerade die so nüchternen Nationalökonomen emotional an die Sache herangehen. Kein Wunder, es geht ums Geld, genauer gesagt, um Ihr Geld meine Herren Gäste des Bremer Tabak-Collegiums und da hörte von jeher der Spaß auf.

Zeitlos im Wandeln der Zeit zu sein und hin und wieder auch zeitgeistige Themen zum Gegenstand der Collegiumsrunde zu machen, ist das Markenzeichen des Tabak-Collegiums.
Ich hoffe, durch diese Einstimmung ist Ihnen nicht allzu flau im Magen geworden. Dagegen hilft bekanntlich das Bremer Abendbrot. Wenn Ihnen allerdings der Appetit vergangen ist, um wieder an den Anfang meiner Rede zurückzukehren, reicht auch nur der Mittelwächter oder der Chateau Bernateau als Trost. Prost!