170. Zusammenkunft am 23. September 2010
im Haus für Mozart in Salzburg/Österreich


 

2. Tischrede - Dr. Helga Rabl-Stadler

Meine Herren,

“Nur die Kunst könne die vom Krieg gegeneinander gehetzten Völker zueinander bringen und die beste Form so ein Friedenswerk zu gestalten, wäre ein Festspiel…!“  

Davon war Hugo von Hofmannsthal, einer der Gründer der Salzburger Festspiele nach dem katastrophalen Ende des ersten Weltkrieges fest überzeugt. Und der ideale Ort ein solches Festspiel zu machen, sei Salzburg, denn, so formuliert von Hofmannstal unvergleichlich und für eine geborene Salzburgerin herrlich, „denn Salzburg liegt zwischen Nord und Süd, zwischen dem Heroischen und dem Idyllischen, zwischen der Schweiz und den slawischen Ländern, Salzburg ist das Herz vom Herzen Europas!“

Auch in diesem Sinne, sehr herzlich willkommen!

Ich freue mich, hier Gastgeberin zu sein, auch wenn mir klar ist, dass ich zwei schwere Startnachteile habe. Ich bin eine weibliche Hausherrin und ich rauche nicht. Ich habe mich informiert, das mit dem Rauchen ist nicht schrecklich, das steht nur im Namen. Das mit der Frau ist schon etwas grässlicher, aber nachdem ich gesehen habe, wie der gütige Herr Lampe diesen unverdienten Schicksalsschlag verdaut hat, dass hier eine Frau als Rednerin auftritt, war ich mutig genug, mich hierher zu stellen, zumal ich ja eine ganze Reihe von Herren kenne, von denen ich überzeugt bin, dass sie mir zur Seite springen…

Leider ist mir erst gestern aufgefallen, dass ich in absentis meinen Vater zum Zeugen anrufen hätte können, dass ich es wert bin, hier zu reden. Mein Vater, Gerd Bacher, der damals Generaldirektor des österreichischen Rundfunks in Deutschland besser bekannt als Kohls bekannter Berater, so zarte Sprüche wie: „Freiheit statt Sozialismus“ wuchsen aus seinem Textbuch. Er hat 1989 vor Ihnen geredet zum Thema: „Tourismus – Verhältniss Deutschland-Österreich“ und all die schönen Sprüche gebracht, wie „dass die Deutschen und wir Österreicher ja nur durch die gemeinsame Sprache getrennt sind….“.

Dann – was ich ebenfalls nicht wusste -  ist mein lieber Bruder Wilfried Stadler heute hier Gast, was mich im Sinne der Familienehre besonders freut. Gebracht hat ihn Felix Unger, Präsident und Gründer der Akademie der Wissenschaft und Künste, einer Vereinigung die auf‘ s Schönste den humanistischen Gründungsgedanken der Festspiele auf eine andere Art von Salzburg aus verbreitet. Felix Vater, Karl Unger war ein wichtiger Architekt und Künstler und hat bei der Gestaltung des großen Festspielhauses, das Sie leider nicht sehen, einen bedeutenden Anteil gehabt.

Natürlich freut es mich besonders, dass der Herr Botschafter Blomeyer-Bartenstein hier ist, weil er ist, wie jeder gute Diplomat, nicht bloß ein Botschafter seines Landes im Gastland, sondern ein guter Botschafter des Gastlandes in Deutschland, dafür danke ich Ihnen!

Naja und dann freue ich mich besonders- weil er hier eine ganz besonders hervorragende Rolle spielt - dass der kunst- und künstlererfahrene Peter Raue da ist. Peter hat einen großen Anteil daran gehabt, dass die vielen, vielen Terremoti also Erdbeben rund um die Osterfestspiele wieder gut geendet haben. Ich bin zwar nicht Präsidentin der Osterfestspiele aber als Salzburgerin sind mir diese Festspiele sehr wichtig. Danke, Peter für Deinen Anteil dran!

Und dass gerade ich begrüße, wenn ein Mann der Hauptredner ist, dem die Unterwanderung der Ordnung ein Anliegen ist, das passt doch gut, lieber Alfred Brendel, wenn ich als Frau jetzt diese Männerordnung unterwandere….

Alfred Brendel gehört zu jenen herausragenden Künstlerpersönlichkeiten, die den Festspielen den Ruf beschert haben, die besten Festspiele der Welt zu sein, die Wichtigsten! Dass das, was man bei uns hört und sieht, nicht ein kurzfristiger Event ist, sondern ein Ereignis, das lange in den Alltag nachklingt. Vor 50 Jahren spielte er das erste Mal bei den Salzburger Festspielen, fast siebzigmal ist er bei uns aufgetreten, wie es mein hinreißender Vorredner Osten bereits gesagt hat. Allein, dass ich Sie kennengelernt habe, da zahlt sich ja der Abend für mich schon aus, Herr Professor Osten!

Alfred Brendel hat 2008 sein letztes Konzert hier gegeben; aber glücklicherweise als Denker und Schreiber zur Musik und als Lyriker ist er uns erhalten geblieben. Mit der Schule des Hörens hat er unsere Ohren geöffnet für das Erhabene  und das umgekehrt Erhabene, von dem Sie heute viel hören werden, also das Humorige in der Musik. Und wenn Sie das auf DVD hören wollen, dann hören Sie das bald. Denn Professor Brendel  macht momentan dazu Aufnahmen, ein kleines Geheimnis, worüber wir uns besonders freuen.

Ich gratuliere Ihnen zur Wahl Ihres Redners. Danke, Alfred Brendel, dass Du das machst!

Ja, jetzt typisch, dass die, die von außen kommen, immer mehr über die Stadt wissen als die, die da sind. Professor Osten hat alles über diese Räume gesagt, aber trotzdem möchte ich noch kurz etwas dazufügen.  Sie sind hier inmitten des Festspielbezirkes. Einer der großen Anziehungspunkte Salzburgs ist diese räumliche Enge zwischen den Stadtbergen, wo sich alles an italienischer Baukunst zusammentürmt, was man sonst verstreut in verschiedenen Städten sieht. Das  Faistauer Foyer war 1926 – Teil des ersten Festspielhauses. Da war eigentlich das Kleine Festspielhaus solange es kein Großes gab – nämlich bis 1960 - einfach d a s Festspielhaus!

Ich habe 2006 die Gunst der Stunde genützt – das Mozartjahr! Da habe ich Geld gesammelt, damit wir uns ein neues Haus bauen konnten. Denn das Kleine Festspielhaus war mehr ein Musikgefängnis, es gab kein einziges Fenster. Da sah niemand, warum Reinhardt und Hofmannsthal  geglaubt haben, die Stadt sei so schön, das man da bauen muss. Jetzt haben Sie - Sie haben es zuerst auf der Terrasse genossen - in Augenhöhe gesehen, was die Anziehungskraft der Stadt ausmacht. Gleich gegenüber finden Sie eine weitere Festspielstätte, nämlich die Kollegienkirche von Fischer von Erlach erbaut, in der es bereits seit 1922 Aufführungen gibt. Damals von Hofmannsthal „Das Große Welttheater“. Unmittelbar gegenüber dem Festspielhaus und neben der Kollegienkirche ist die alte Benediktiner Universität, in der Mozart das erste Mal auf der Bühne stand. 1761 trat er in der Rolle eines tanzenden Pagen auf. Vier Jahre später hat er dann selbst seine erste Oper aufgeführt „Apoll und Hyazinth“. Wir konnten auch die Aula als Festspielstätte zurückgewinnen. Lieber Alfred Brendel, Du hast hier auch einen Teil der „Schule des Hörens“ gemacht.

Noch eine andere Kirche spielt im Festspielgeschehen eine schöne Rolle. Das ist
St. Peter. Dort gibt es seit 1927 immer gemeinsam mit der Stiftung Mozarteum die
 „c-Moll-Messe“. Für viele Leute ein fixer Bestandteil des Festspieljahres. Begonnen aber hat alles auf dem Domplatz, vor dem schönsten Bühnenbild der Welt, der Domfassade, mit dem „Jedermann“ am 22. August 1920. Jenes Stück von Hofmannthal, das in Berlin seine Uraufführung hatte und dort mittelerfolgreich war, war in Salzburg von Anfang an ein Riesenerfolg. Das „Sterben des reichen Mannes“, ein nach wie vor aktuelles Thema. Auch den größten Zyniker ergreift es, wenn ihm vor dem Dom vor Augen geführt wird, Geld kann man nicht mitnehmen, das nützt nichts in der letzten Stunde. In dieser Mischung, haben der Domplatz, Salzburg und die Festspiele eine besondere Anziehungskraft!

Sie gehen dann in den Karl-Böhm-Saal, Gott sei Dank haben Sie Prof. Osten gesagt, wie politisch unkorrekt man damals war, mit dem Fresko, dem „Türkenkopfstechen“. Auch in diesem Saal hat man am Anfang Theater gespielt, in den zwanziger Jahren. Aber dann wurde er das Foyer für das sogenannte Kleine Haus und für die Felsenreitschule. Unter der amerikanischen Besatzung war er ein Kino und eine Bar. Er wurde dann aber wieder der ursprünglichen Verwendung zurückgeführt und später  nach einem der großen Dirigenten, Karl Böhm, benannt.

Daneben ist die Sommerreitschule, die hätte ich Ihnen rasend gerne gezeigt, weil die so etwas Besonderes ist. Mit Arkaden, gebaut eben von jenem Fischer von Erlach - aber die wird derzeit umgebaut, weil das Dach völlig kaputt ist. Wir werden ein Dach machen, das man wieder aufmachen kann, und ich hoffe, dass dann wieder einer der Regisseure, so wie einst Peter Stein die Idee hat, die Magie dieses Ortes zu nützen und bei offenem Himmel zu spielen.

Wir werden sehen, ob dieser Wunsch der Präsidentin in Erfüllung geht. Sie stellen sich nämlich wahrscheinlich vor, dass die Präsidentin eine sehr machtvolle Position ist? Nein, es ist eine sehr machtlose Position. Man kann leise flehend sagen: „Bitte könnt‘ s nicht doch das machen?“ Und meistens, wenn der Wunsch von außen kommt, wird er eher berücksichtigt, als von der Festpielchefin.

Aber, wo ich eine große, verantwortungsvolle Aufgabe habe, um es ironisch zu sehen: ich entscheide, ob der „Jedermann“ draußen oder drinnen gespielt wird. Und das ist etwas, wo Sie nur falsch liegen können! Wenn dann die Wetterwarte wie das „Orakel von Delphi“ sagt: „Zwischen 18.00 und 20.00 Uhr ist 80% Regenhäufigkeit“, was werden Sie dann machen? Meistens sage ich dann: „Nicht draußen spielen!“ Dann sind die beleidigt, die bei Sonnenschein aus dem Großen Haus, der Ersatzspielstätte kommen. Oder aber Sie sitzen, wie der damalige Bundespräsident Herzog, eine viertel Stunde bei strömenden Regen am Platz. Aber, es ist eine Aufgabe, die einen ein bisse‘ l näher an den Himmel bringt.

Ja, wir haben heuer – da bin ich schon beim Schluss - die 90 Jahre groß gefeiert und sollten Sie morgen noch Zeit haben, würde es mich freuen, wenn Sie in unsere Festspielausstellung gehen, die sowohl in den Dom-Bögen, als im Mozarts Geburtshaus und in unserem Landesmuseum ist. Sie zeigt die ganz Hochschaubahnen der Gefühle dieser 90 Jahre. Sie zeigt auch, dass die Salzburger Festspiele im Gegensatz zu anderen Festspielen, von Anfang an neben der künstlerischen auch eine politische Aufgabe hatten. Sie waren gedacht als Selbstbewusstseinsprojekt, als Projekt gegen die Krise der einzelnen Menschen, die Identitätskrise des kleinen Österreichs.

Denken Sie "L'Autriche, c'est qui reste!" hat der französische Außenminister Clemenceau über uns gesagt: „Österreich ist der Rest der übrig bleibt!“ und der Rest der übrig bleibt wollte dann „Leuchtturm für die Deutsche Kultur“ sein, um es pathetisch auszudrücken.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Festspiele noch einmal eine eminent politische Rolle gespielt. Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass in Jalta das Thema: „Festspiele“ eine Rolle gespielt hat, dass die Festspiele als Beweis dafür genommen wurden, dass Deutschland und Österreich  zwei unterschiedliche Sachen sind und dass Österreich seine Eigenständigkeit wieder bekommen soll. Am 05. Mai 1945 hat sich Salzburg, entgegen dem Befehl von Oben, kampflos den amerikanischen Truppen ergeben. Bereits im Juni hat der amerikanische General Clark den von den Nazis als Festspielpräsidenten abgesetzten Heinrich von Puthon wieder im Amt eingesetzt und ihm befohlen noch im selben Jahr wieder Festspiele zu organisieren. Obwohl vor dem Festspielhaus der Schutt lag, obwohl die Domkuppel zerbombt war, obwohl es fast keine Verkehrsmittel gab. Und es ist sehr interessant, dass dieser amerikanische General als ersten öffentlichen Auftritt in Österreich die Eröffnung der Festspiele gewählt hat und am 12. August 1945 gesagt hat: „Es macht mir Freude, dass meine erste öffentliche Ansprache an das österreichische Volk im amerikanisch besetzten Gebiet bei einer solchen Gelegenheit stattfindet, nämlich bei einer Wiedergeburt der kulturellen Freiheit. Ich bin mir bewusst, dass diese frühe Einführung Ihrer Festspiele ein Beweis dafür ist, dass die gemeinsame Arbeit des österreichischen Volkes und der Vereinten Nationen ein freies und unabhängiges Österreich wieder herzustellen bald glücken wird.

Positiver Nebeneffekt für die Amerikaner, sie konnten es den Sowjets zeigen. Diese hatten in Wien auch die Theater als Beweis dafür geöffnet, dass sie Befreier und nicht Besatzer sind. Darum war es uns heuer auch wichtig, in dem neunzigsten Jahr, einen Mann, der den Frieden auf seine Fahnen geschrieben hat, Daniel Barenboim als Festredner zu haben. Er hat das schöne Zitat von Richard von Weizäcker gebracht:
Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, bis er kommt, sondern auf ihn zu zugehen.“ Ich glaube, dieses Aufeinander zuzugehen ist auch die schöne Aufgabe, die Sie sich dem Bremer Tabak-Collegium gestellt haben. Dazu wünsche ich Ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg bei Ihren Gesprächen.