171. Zusammenkunft am 09. Juni 2011
im Rathaus zu Aachen und der Aula Carolina


 

2. Tischrede - Oberbürgermeisters der Stadt Aachen Marcel Philipp

Verehrte Herren,

es ist wohl Tradition an einem solchen Abend, dass auch der Hausherr zu Wort kommt!

Ich möchte Sie deshalb sehr gerne in unserer Aula Carolina begrüßen als Oberbürgermeister der Kaiserstadt, der Stadt Karls des Großen, als Oberbürgermeister der Stadt der Wissenschaft, und ich bin sehr froh, dass ich keine ausformulierte Rede mitgebracht habe, denn es bestünde die Gefahr, als Plagiator entlarvt zu werden; denn das, was Prof. Guratzsch gesagt hat, enthält schon auch das eine oder andere, was auch ich bei einer Rede, bei der ich der erste Grußwortredner gewesen wäre, gesagt hätte!

So habe ich die Chance - hat für Sie den Vorteil, es wird sowieso keine allzu lange Rede werden - so habe ich die Chance, es völlig anders zu machen, Sie nicht zu begrüßen in erster Linie mit dem Verweis auf Karl den Großen, der noch vorkommen wird - keine Angst - sondern Sie herzlich willkommen zu heißen in Aachen: der Stadt des Wassers!

Ich habe mir gedacht, in einer so hanseatisch geprägten Gesellschaft macht es Sinn, auf den Ursprung des Wortes Aachen hinzuweisen. Der Wortstamm kommt von Wasser und findet sich bei den ausländischen Wortschöpfungen Aix-la-Chapell oder Aquis Gran oder Aquis Grana sehr viel deutlicher wieder. Wir sind die Stadt des Wassers, und sie werden sich fragen: wo ist es denn, das Wasser? Von einem Meer sind wir weit entfernt und das, was wir unser Meer nennen, ist holländisch. Einen Fluss haben wir auch nicht zu bieten, nicht einmal einen größeren See. Und wenn ich von der Stadt des Wassers rede, meine ich auch nicht die Wassergläser auf Ihren Tischen, die mir hier und da noch unangetastet zu sein scheinen…,wobei wir uns da dem eigentlich Thema schon ein wenig nähern, denn Aachen hat Wasser, das man auch in Gläser füllen kann. Wir sind die Stadt der heißen Quellen, und wenn es unsere Quellen nicht gäbe, gäbe es Aachen nicht.

Es waren die Römer, die es zu schätzen wussten, die die heilende Wirkung zu schätzen wussten ebenso wie später Karl der Große, der ohne das Wasser wohl auch nicht hier seinen Sitz gewählt hätte; und somit wäre auch Aachen nicht der Ort gewesen, von dem ein Reich europäischer Dimension aus regiert worden wäre. Und damit sind wir natürlich wieder bei Karl dem Großen. Sie finden ihn überall in dieser Stadt. Herr Prof. Guratzsch hat zu Recht darauf hingewiesen, dass wir schon beim Betreten des Rathauses ihn in der Figur wiederfinden, die die Gesichtszüge Wilhelms des II. trägt und damit den Verweis auf den noch kommenden Vortrag gibt.

Aber ich möchte den Bogen ein wenig anders spannen und mich auf das Rathaus beziehen als einem Gebäude, das nicht nur generell viel über die Geschichte unserer Stadt erzählt, sondern vor allem den Bogen spannt vom „Kaiserglanz hin zur Bürgerfreiheit“. Das ist unter anderem der Titel des Buches,  das mein Vorredner offenbar sehr gut gelesen hat, und dessen Autor auch hier im Saale ist, lieber Georg Helg. Wir haben viele Gäste in Aachen, und es gibt viele Veröffentlichungen über Aachen, aber dass unsere Gäste die Veröffentlichungen vorher alle gelesen haben, das ist eher selten!

Es ist der mittelalterliche Kaiserglanz zunächst einmal. Die Kaiserpfalzanlage Karls des Großen bietet die Grundmauern, die sie teilweise in unserem Rathaus heute auch noch wiedererkennen. Nicht nur die Grundmauern, sondern, wenn sie vor dem Rathaus stehen und die linke Seite betrachten, den Granus-Turm, dann ist er einschließlich des 4. Stockwerkes noch komplett carolinisch, und es ist eigentlich nur der Beginn der Geschichte unseres Rathauses, denn sie erzählt auch von dem was danach kam: von 600 Jahren Krönungsgeschichte, die es nicht gegeben hätte ohne Karl den Großen. Von der Geschichte des Aachener Friedens, von den verschiedenen Baustielen, die sich dort abgespielt haben. Das Barocke haben Sie bereits im Weißen Saal und im Werkmeistergericht wahrnehmen können. Von der Geschichte der Zünfte über die auch das Werkmeistergericht erzählt und nicht zuletzt von unserer Entwicklung hin zur Demokratie.

Die Hanseaten haben es eher mit der Republik als mit dem Kaiserlichen und Sie finden in unserem Rathaus beides. Die Königshalle war es ursprünglich, aber als es neu errichtet wurde im gotischen Stil hatte es zwei Stockwerke, so wie man es heute wahrnehmen kann. Im Obergeschoss, dort, wo wir gleich gemeinsam sitzen werden, war der Saal der Feiern und der Krönungen. Dort wurden Krönungen gefeiert, und man kann die Aura noch heute spüren. Er ist wohl unter den profanen Sälen Europas einer der bedeutendsten, wenn nicht der Bedeutendste. Aber darunter, im unteren Geschoss, konnte man auch zu einer Zeit, als Kaiserglanz noch eine Rolle spielte, schon die Entwicklung zur Republik und zur Demokratie sehr gut verfolgen. Und das finden wir heute eigentlich genauso wieder, weil es auch Sitz des Stadtrates ist – auch heute noch ist. Der Rat tagt im Rathaus, und es ist Sitz des Oberbürgermeisters, und ich werde nicht darauf verzichten, dort auch  weiterhin das Büro zu haben, auch wenn es manchmal unpraktisch ist, weil alle anderen Mitarbeiter über die Stadt verteilt sind. Aber der Bogen, den dieses Rathaus ganz offensichtlich schlägt, und über den es viel zu erzählen gilt, dieser Bogen ist für uns als Stadt ungeheuer wichtig.

Wir nutzen das, um darauf zu verweisen, dass wir Europastadt sind! Karl der Große, man sagt, der erste Europäer, und weiß doch, dass es einer Erklärung bedarf, soweit zu gehen, Karl der Große bietet die symbolische Grundlage dafür. Und dass Sie ihn auch mythologisiert immer wieder finden im Rathaus, das werden Sie gleich in den Fresken sehen, die uns begegnen im Krönungssaal, das werden Sie bei mehreren Bildern und bei Statuen sehen.

Aber der Karls-Preis, den wir in der letzten Woche wieder hier in Aachen verliehen haben, macht es deutlich, dass das nicht nur die Geschichte ist, sondern dass das auch die Basis für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft sein kann, denn es ist unglaublich, wenn man sieht, wie die europäischen Politiker von heute, Barosso, Trichet, die letzte Woche in diesem Raum auch beim Vorabend-Dinner gesessen haben, wie die den Geist, die Aura dieser Stadt, das, was vom Dom ausgeht, und das, was von unserem Rathaus ausgeht, wie sie das nutzen wollen und nutzen können, um auf die Bedeutung, die Kultur und die Entstehung  und die Zukunft Europas zu verweisen.

Diese Plattform bieten wir als Stadt Aachen mit großem Stolz, weil wir wissen, dass es nicht viele andere Städte in Europa gibt, die genau das bieten können. Und so wird das Thema  „Europa“ zu einem emotionalen Thema hier in Aachen und nur deshalb ist die Karls-Preis-Verleihung das, was sie ist.

Dieser weite Bogen von Karl dem Großen zu unserer heutigen demokratischen europäischen Entwicklung lässt sich aber noch im Kleineren widerspiegeln, in dem, was wir gleich noch im Vortrag als Bezug hören werden, denn der letzte Kaiser Wilhelm II. ist ja genau derjenige, der an der Schnittstelle steht zwischen dem Kaiserglanz und der Republik. Es ist derjenige, der das alles in einer sehr kurzen Periode verkörpert, wo wir auch den großen Bogen spannen können. Sie werden nicht nur ihn finden, seine Gesichtszüge in der Statur Karls des Großen am Eingang, sondern Sie werden seinen Vater finden in einem großen Gemälde in unserem Friedenssaal, und Sie werden seinen Großvater finden, Wilhelm  I. in einem ebenso großen Gemälde. Ein Bild, was entstanden ist bei einem Besuch in der Stadt Aachen, an dem Tag, an dem der Grundstein gelegt wurde für unsere Rheinisch Westfälische Technische Hochschule.

 Eine insofern für uns sehr schöne Beziehung, die sich da bildlich dargestellt findet, und unsere Hochschule ist dann tatsächlich auch das Attribut, was uns zur Stadt der Wissenschaft macht, das ist das, was den wirtschaftlichen Motor in unserer Stadt inzwischen ausmacht, wir sind nicht von einer großen Industrie abhängig, sondern der große Motor bei uns ist die Vielfalt der Wissenschaft, die Ingenieurwissenschaft im wesentlichen, aber auch vor allem auch die vielen Ausgründungen und Chancen, die sich durch die hohe Qualität der  Exzellenz-Hochschule in Aachen bietet. Und genau das versuchen wir in die Zukunft zu führen, indem wir ein neues großes Campus-Projekt entwickeln. Groß insofern, weil es eine Fläche umfasst, die genauso groß ist, wie die Innenstadt Aachens. Groß aber auch, weil es in der Qualität etwas völlig neues ist.

Die Philosophie, die dahinter steht, ist, dass man in der Entwicklung der Wissenschaft über Jahrhunderte wissen musste, wo etwas steht. Wo die Bibliothek ist, wo das Buch ist, wo etwas, was ich suche, niedergeschrieben ist. Bibliotheken reichten irgendwann nicht mehr aus, um sich das vermehrende Wissen zu bündeln und so wurde es wichtig, nicht nur zu wissen, wo etwas steht, sondern zu wissen, wer etwas weiß. Die Personen rückten mehr in den Fokus, und wir sind der Meinung, dass wir inzwischen eine nächste Stufe erreichen, indem wir sagen, es wird nicht nur wichtig sein zu wissen wer etwas weiß, sondern es wird in der  Zukunft gerade für die Industrie wichtig sein zu wissen, wo neues Wissen entsteht, wo zukünftiges Wissen entsteht. Und damit kommen wir als Stadt der Wissenschaft, als Stadt Aachen in eine ganz neue Rolle, in der wir Industrie und Wissenschaften, Industrie und Hochschulinstitute sehr eng miteinander mit Themen-Clustern verbinden, dadurch eine Ergänzung zu unserer Hochschule schaffen, die viel Beachtung findet, und die die zukünftige Entwicklung in unserer Stadt  deutlich prägen wird.

Und so sind wir immer wieder damit beschäftigt, zwischen unserer Geschichte und unserer Zukunft über die Stadt Aachen zu erzählen. Wir machen das sehr gerne und immer dann, wenn Besuch von auswärts da ist, dann machen wir das mit besonderem Nachdruck, und deshalb sind Sie es jetzt, die das jetzt von mir hören!

Ich wünsche Ihnen und uns einen sehr schönen weiteren Abend, ich bin begeistert von der Stimmung und der Tradition, die sich hier widerspiegelt. Das passt zu Aachen und ich wünsche mir, dass sie alle bald und oft wiederkommen.

Herzlichen Dank!