172. Zusammenkunft am 06. Oktober 2011
in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München


 

2. Tischrede - Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Christian Ude

Meine sehr geehrten Herren,

Ihre Rituale sehen ja jetzt ein Grußwort des örtlichen Gastgebers vor, das müssen Sie jetzt ertragen. Als mich Klaus Saur gefragt hat, ob ich denn das Bremer Tabak-Collegium begrüßen wolle, war mein erster Gedanke: „Um Gottes Willen, das Tabak-Collegium aus der Stadt von Henning Scherf, die werden doch hoffentlich nicht erwarten, dass ich jeden umarme!“ Aber ich habe dann gehört, dass man keinen umarmen muss, sondern nur Worte der Begrüßung sagen soll, das klang dann schon sehr viel harmloser. Verblüfft hat mich nur der Smoking-Zwang, das haben wir in München eher seltener, aber manchmal kommt halt auch ein gesellschaftlicher Schliff in die bayerische Landeshauptstadt!

Dann hat mich schon ein wenig befremdet, dass Sie, alles, was Sie verzehren wollen, mitbringen. Das ist bei uns eigentlich nur in den Biergärten erlaubt, aber die kulinarischen Besonderheiten ähneln sich unglaublich. Wir bringen auch Radiesel mit und den Schinken, also das war ein unerwarteter Brückenschlag!

Das schockierende Ergebnis ist dann allerdings gewesen – und ich weiß gar nicht, ob ich das weitererzählen darf – die Leute haben mich natürlich gefragt: was, die bringen ihr Essen mit nach München, um es dann im Smoking zu verzehren? Wie steht es denn da mit der Esskultur?  Ich werde sagen müssen: Ja mei, sie trinken Becks Bier! Und Vernichtenderes wird man kaum über Ihren Kreis sagen können, obwohl eine Steigerung kommt schon noch: Die dürfen - und zwar in der Staatsbibliothek - rauchen…!

Ich freue mich, gehört zu haben, im Vortrag von Dr. Saur, wie bedeutend die Münchner Bayerische Staatsbibliothek ist, das weiß man ja als Münchner nicht. Das kriegt man immer nur mit, wenn es Touristen oder anderen Zugereisten erzählt wird.

Jetzt habe ich ihn in der Hand, den Herrn Generaldirektor! Einer der hier in den heiligen Hallen Becks Bier ausschenken lässt und das Rauchen erlaubt, nach dem Volksentscheid für das Rauchverbot, der ist erpressbar! Also, wenn ich mal auch nach 24 Uhr hier recherchieren will, dann weiß ich, womit ich Sie in der Hand habe.

Jetzt sollte aber etwas gesagt werden, thematischer Art, und dann fragt man sich natürlich verzweifelt, was sagt man jetzt einer so konservativen Gesellschaft aus Bremen? Es sollte dann schon etwas Südländisches sein mit Lokalkolorit und vielleicht auch eine kleine politische Provokation, und so habe ich mich entschlossen, Ihnen, die Sie wahrscheinlich glauben, dass in Bayern auf die ruhmreiche Geschichte der Wittelsbacher unmittelbar die ruhmreiche Geschichte der Christlich-Sozialen Union gefolgt sei, in Erinnerung zu rufen oder erstmalig mitzuteilen, dass Bayern noch vielgestaltiger ist, als man im hohen Norden so meint.

Also drei Schlaglichter auf drei bayerische Sozialdemokraten:

Der erste ist sicherlich in Norddeutschland kein Begriff. Leider auch in der SPD nicht, obwohl er es verdient hätte, nämlich Georg von Vollmar. Ein Mann, der Ende des 19. Jahrhunderts   Stimmkreise erobert hat und polternde Auftritte in bayerischen Gaststätten hatte, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann.  Es passt aber wunderbar zum Bremer Tabak-Collegium, denn jede bayerische Dorfwirtschaft kann man sich auch als verqualmten Raum vorstellen und die Kellnerinnen schenken das Bier aus und wenn bekannt wird, dass da ein Sozi am Nachbartisch agitieren will, erhebt sich der Dorfgeistliche, um den gottlosen Menschen  zu verdammen. Bei Georg von Vollmar spielte sich dann regelmäßig folgende Szene ab: der adelige Sozialdemokrat erhob sich von seinem Platz und sprach mit donnernder Stimme an die Richtung des Dorfpfarrers: „Wo denn Hochwürden geblieben ist, als in Rom unser Heiliger Vater durch Garibaldi´s wilde Horden in größte Bedrängnis gekommen ist? Ob er da, wie der Sozialdemokrat Georg von Vollmar  für die Schweizer Garde mit der Hellenbarde für die Leib und Leben eingesetzt hat oder sich feige in irgendeiner niederbayerischen Dorfwirtschaft verkrochen hat?“ und tatsächlich muss das einen gewaltigen Eindruck auf die katholische Dorfbevölkerung gemacht haben, und Georg von Vollmar ist ein richtiger Arbeiterführer geworden, der auch bei der bäuerlichen Bevölkerung großartig angekommen ist. Wichtig halte ich ihn aber aus einem anderen Grund. Er hat 1891, also ziemlich genau 100 Jahre vor Gorbatschow, berühmte Reden gehalten. Die „Eldorado-Reden“,  in denen er jedweder marxistischer oder revolutionärer   Theorie eine Absage erteilt hat und sinngemäß sagte: „Den großen Zielen der Emanzipation, der Arbeiterklasse, könne man sich nicht auf einer Luftlinie annähern, sondern nur in dem man auf den Boden der Tatsachen Schritt für Schritt vorangeht in der richtigen Richtung.“ Das gilt als die erste theoretische Begründung von Pragmatismus und Absage an Heilslehren und Theorien, und ich denke, dass es an der Zeit ist, das auch zu würdigen aus heutiger Sicht. Es war immerhin 60 Jahre vor der Diskussion ums  Godesberger Programm. Und dieser Georg von Vollmar hat auch wunderbare Beschreibungen des bayerischen Volks-Charakters geliefert, die bis auf den heutigen Tag Gültigkeit haben, auch wenn sie vielleicht der einen oder anderen bremischen Geringschätzung bayerischen Qualitäten Nahrung und Auftrieb verschafft. Aber so ist es halt. Er hat gesagt, die Bayern würden sich auszeichnen durch „Starrsinn“, durch „Steifnackigkeit“ - da war Franz Josef noch gar nicht geboren - und er hat das schon zum Wesensmerkmal  gemacht. Sie würden, hochinteressant, Religion eher als Gewohnheit und Kunst erfassen und Politik nur mit dem Gefühl der formale Bildungstrieb sei gering  - das erklärt die bayerische Schulpolitik bis auf den heutigen Tag  - und die Neigung der Emotion mehr nachzugeben als dem Verstand sehr ausgeprägt! Also, dieser Georg von Vollmar, denke ich, hat es verdient nicht vergessen sondern auch gerade aus heutiger Sicht gewürdigt zu werden.

Sie werden wahrscheinlich glauben, dass der Freistaat Bayern eine Erfindung der Konservativen ist, weil man sich anderes gar nicht vorstellen kann. Das ist aber nicht so! Der Freistaat Bayern ist aufgerufen worden in der Nacht des 07. zum 08. November 1918 durch einen Berliner intellektuellen Theaterkritiker jüdischer Herkunft, Fabrikantensohn aus Berlin, Kurt Eisner, er in seinem Revolutionsaufruf zwei bemerkenswerte Sätze geschrieben hat. Das eine findet sich fast in keinem Revolutionsaufruf der Welt und ist uns deswegen so bedeutsam, dass es seit dem letzten Jahr sogar auf seinem Denkmal zitiert wird: „Jedes Menschenleben ist heilig!“ Wann ist das während revolutionärer Wirren und bevorstehender Gewalttätigkeiten jemals gesagt worden und der Absatz endet: „Bayern ist fortan ein Freistaat!“ Das sollte man gelegentlich in Erinnerung rufen dürfen. Die Proklamation des Freistaats Bayern ist durch einen unabhängigen Sozialisten in dieser Stadt erklärt worden. Er wurde nur wenige Monate später ermordet. Wobei es schon auch ein Licht auf bayerische Traditionen wirft, dass der Mörder  im bürgerlichen Lager gefeiert wurde. Es gab sogar Postkarten zu seiner Verehrung, während dem Ermordeten zur Last gelegt wurde, dass Wochen nach seinem Mord schreckliche Gewalttätigkeiten geschehen sind.

Eigentlich haben wir dann Jahrzehnte in Bayern erlebt, wo Kurt Eisner noch verleumdet worden ist mit den Parolen der Nationalsozialisten, er sei ein galizischer Jude, was seine Familie nie war. Oder er sei ein gewalttätiger Revolutionär gewesen, während in Wahrheit der Spruch: „Jedes Menschenleben ist heilig!“ von ihm stammte. Oder er sei verantwortlich für Gewalttätigkeiten, die nach seiner Ermordung geschehen sind.

Der dritte Sozialdemokrat an den ich erinnern will,  weil er in der Bayern Wahrnehmung fast nicht vorkommt ist, Wilhelm Hoegner.

Hoegner hat in den 20. Jahren, also viele Jahre vor der Machtergreifung im Bayerischen Landtag, aber auch im Reichstag in Berlin den Parlamentariern entgegen geschmettert: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“ und er hat an der Spitze eines Untersuchungsausschusses herausgefunden, in welche kriminellen Machenschaften die Hitlerbewegung verstrickt war, und dass sie aus dem Ausland finanzielle Hilfe erhält, außerdem von den wohlhabenden Familien Münchens. Das hat ihn so verhasst gemacht, dass er natürlich sofort ins Exil musste, und im Schweizer Exil hat er die Vorzüge direkter Demokratie erlebt. Zum Beispiel den Bürgerentscheid der eidgenössischen Kommunen und das war, mit ein persönlicher Beweggrund für ihn, dass er in den Entwurf der Bayerischen Verfassung, mit der ihn die Amerikaner beauftragt haben, die direkte Demokratie hochkarätig verankert hat. Bayern hatte als erstes Land das Volksbegehren in der Verfassung stehen, mit den geringsten Hürden und deshalb konnte auch schon mehrmals in der Nachkriegsgeschichte davon Gebrauch gemacht werden. Ich finde das hochinteressant im Zusammenhang mit einem ganz aktuellen Thema, dass in Baden Württemberg, wo man jetzt so tut, als müsse man die Demokratie erst erfinden anlässlich eines umstrittenen Bahnhofsprojektes, dass dort die Hürden für einen Volksentscheid so hoch sind, dass sie objektiv unüberwindbar sind, während Bayern seit der Verabschiedung der Bayerischen Verfassung wirklich sinnvolle und praktikable Regelungen hat für die direkte Demokratie, im Einzelfall, wenn über 10 Prozent der Bürger Bayerns eine Entscheidung an sich ziehen wollen, dann können sie dies tun.

Ja, und das Letzte, was ich noch über Wilhelm Hoegner sagen muss, weil es nicht nur unbekannt ist, sondern für viele Menschen innerhalb und außerhalb Bayerns vollkommen unvorstellbar, dass ist folgende Mitteilung: von 1954  bis 1957 war er sogar Bayerischer Ministerpräsident! Also selbst das erlaubt die Bayerische Verfassung, dass ein Sozialdemokrat Ministerpräsident werden kann.

Ich wünsche noch einen guten Appetit!