173. Zusammenkunft am 14. Juni 2012
in der Abtei / Abbaye de Neumünster in Luxemburg


 

2. Tischrede - Ehrenbürgermeister von Luxemburg Paul Helminger

Meine sehr verehrten – eigentlich wollte ich etwas zaghaft ‚Kollegen‘ sagen –

ich hatte während 12 Jahren die große Ehre einem Collegium vorzustehen - auf Deutsch ist das der Schöffenrat der Stadt Luxemburg, das ist die Stadtregierung, wenn sie so wollen – auf Französisch Collége des échevins und zu einem Collége gehören natürlich Kollegen und wenn ich sage, ich hätte das jetzt zaghaft gesagt, ist es weil - jedenfalls in meiner politischen Erfahrung – Mitglied eines Collége zu sein nicht unbedingt sagen will, dass man mit Kollegen umgeben ist!

Also – meine sehr geehrten Herren,

es freut mich unwahrscheinlich, dass sie, dieses Tabak-Collegium, den Weg nach  Luxemburg gefunden haben, einerseits persönlich, weil ich damals Stabschef also Kabinettschef bei Gaston Thorn war und die einmalige Gelegenheit hatte an einer Schaffermahlzeit teilzunehmen und ich mich wirklich darauf freue, dass heute das Tabak-Collegium, dieses andere große Event der Stadt Bremen, den Weg nach Luxemburg gefunden hat – also herzlich Willkommen!

Sie haben schon gemerkt, dass der Regen in Luxemburg gewöhnlich von Westen kommt – die Sonne haben sie aus Nord-Osten mitgebracht – darüber freuen wir uns auch sehr, dass sie zwischen einem regnerischen Tag gestern und einem vorausgesagten regnerischen Tag morgen, uns ein bisschen Sonne mitgebracht haben.

Ich möchte auf einige der Aussagen von Herrn von Boddien reagieren. Er hat in den Beziehungen zwischen Bremen und Luxemburg von Willibrord gesprochen. Willibrord ist nach Luxemburg gekommen und seine Tradition in Echternach ist älter als die Stadt Luxemburg. Wir sind ja hier am Fuße des Burgfelsens und wenn sie im Vorhof oder vielleicht danach in den Hinterhof sich `rauswagen – dieser mächtige Felsen, das ist wirklich der Ursprung der Stadt und des Landes Luxemburg.

Im Jahre 963 hat der Ardennen-Graf Siegfried dort seine Burg gebaut. Er hat übrigens diesen Felsen erworben durch einen Geländetausch mit der Saint-Maximin-Abtei in Trier. Aber wie gesagt, Willibrord war schon zwei Jahrhunderte vorher nach Luxemburg gekommen.

Den Kodex haben Sie heute aber die Springprozession haben wir. Und die Springprozession ist ja nicht nur ein Symbol geworden des Fortschrittes Europas – wobei sie auch heute in Luxemburg nicht mehr drei Schritte nach vorn und zwei Schritte nach hinten, sondern zwei Schritte nach der linken Seite und drei Schritte nach der rechten Seiten machen – also auch nicht sehr viel Fortbewegung – aber immerhin wir haben es fertig gebracht, dass diese Springprozession in Echternach von der UNESCO als Welterbe anerkannt wurde. UNESCO-Welterbe sind ja in der Zwischenzeit nicht nur physische Sachen. Wir sind in der Mitte der Überreste der Festung Luxemburg, die auch UNESCO-Welterbe ist, sondern wir haben auch – um in der modernen Sprache zu reden, diese Software – diese Springprozession in Echternach, die also auch in der Zwischenzeit UNESCO-Welterbe ist. Aber neben diesem Willibrord, den wir gemeinsam haben,  gibt es noch einige Luxemburger oder Leute, die mit Luxemburg verbunden sind, die europäisch irgendwie, jedenfalls sagen wir mal, jeder in seiner Art und Weise, bekannt sind.

Da gibt es einen, der wurde 1886 geboren und der andere ist 1922 in Luxemburg gestorben.

Wenn wir mit dem Zweiten anfangen. Der hat etwas mit Preußen zu tun. 1815 sind wir am Wiener Kongress als Land wieder auferstanden. Die Generation, die der Graf Siegfried gegründet hat im Jahr 963, die war ja besonders im 13. und 14. Jahrhundert sehr einflussreich. Sie hat dem Deutschen Reich vier Kaiser gegeben, unter anderen den großen Kaiser Karl, der die Universität in Prag, die Karlsbrücke und so weiter gegründet oder hat bauen lassen - die haben immer sehr viel außerhalb Luxemburgs geleistet – aber das ist heute vielleicht auch noch so – o.k. 1815 wurden wir dann am Wiener Kongress als diplomatischer Kompromiss wiedergeboren weil man nicht wusste, was man mit dem damaligen Departement des Forêts, wie es hieß, anfangen sollte. Man dachte, man macht daraus wieder, was es war – ein Herzogtum Luxemburg. Aber wem sollte mach dieses Herzogtum geben? Es gab ja keine Familie oder Luxemburger Dynastie mehr und da hat der Wiener Kongress beschlossen, dieses Herzogtum dem König der Niederlande anzubieten, als sozusagen persönlichen Besitz. Und der König der Niederlande hat das dann auch angenommen – hat aber eine Bedingung gestellt, dass man aus dem Herzogtum ein Großherzogtum macht. Da wir aber zur gleichen Zeit und auch noch 15 Jahre später noch weiterhin an Territorium verloren, u.a. die heute Belgische Provinz Luxemburg, wurde das Herzogtum geographisch zwar kleiner protokollarisch aber grösser, nämlich ein Großherzogtum. Was irgendwie auch eine Kompensation ist. Aber, dass wir 15 Jahre später 1830  und 1839 nicht schon wieder diese wieder gewonnene Unabhängigkeit verloren haben, das verdanken wir der Preußischen Garnison.

Denn diese  Festung, von der heute, wie gesagt die Überreste zum UNESCO-Welterbe gehören, war damals eine gewaltige Festung, sie wurde genannt: „das Gibraltar des Nordens“, und man hat dem Holländischen König ganz einfach nicht zugetraut, dass er diese Festung, sollte sie denn jemals wieder angegriffen werden, auch wirklich verteidigen könnte, und deshalb hat man eine preußische Garnison in die Festung gesetzt. Und 1830 haben sich die Belgier ja gegen die Holländer erhoben – Belgien ist entstanden und 1839 in den Londoner Verträgen wurde die Unabhängigkeit Luxemburgs bestätigt und das konnte nur sein, weil der Holländische König sich Dank der preußischen Garnison in Luxemburg behaupten konnte, was er in Belgien nicht zustande brachte. Wir blieben also unabhängig. Und ich sagte, wir fangen bei dem Zweiten an, der 1922 in Luxemburg gestorben ist – auch ein sehr bekannter Europäer – das war: der Hauptmann von Köpenick.

Der Hauptmann von Köpenick, Wilhelm Veugt oder wie er hieß – Zwischenruf aus dem Publikum – Voigt – bei Wikipedia sagte man Veugt – also Wikipedia ist wirklich nicht zu trauen! - der hat seine letzten Jahre in Luxemburg verbracht und ist auch in Luxemburg gestorben. Am Liebfrauenhof gibt es ein Grabmal und eine der ersten Entscheidungen, die ich als Bürgermeister zu treffen hatte, war der Stadt Berlin zu sagen, dass wir die Überreste des Hauptmannes von Köpenick nicht ausliefern würden!

So, jetzt steht es zwei zu eins: Ihr habt den Kodex, wir haben die Springprozession und wir haben den Hauptmann von Köpenick.

Aber – derjenige, der 1886 in Luxemburg geboren wurde, der war damals ja Deutscher. Die Eltern waren französisch-lothringisch und das ist der Robert Schumann. Der ist in Luxemburg geboren – also der Vater Europas ist in Luxemburg geboren. Sein Geburtshaus steht einen halben Kilometer von hier entfernt und wir sind also sehr stolz darauf, dass er nicht nur in Luxemburg geboren wurde – bis zum Abitur war er in Luxemburg und ist dann natürlich noch französischer Außenminister geworden und der Vater der Erklärung, die die Grundlage für das Europa, so wie wir es heute kennen, gelegt hat.

Alle diese Geschichten sind irgendwie symptomatisch für dieses Land.  Wir waren fast 1000 Jahre lang eine Festung und wie alle Festungen waren wir in uns eingeschlossen. Festungsmauern, Ringmauern rundherum und wenig Entwicklungschancen.

Als 1867 nach dem österreichisch-deutschen Krieg die Franzosen falsch gewettet haben - sie hatten auf die Österreicher gewettet; die Wette ist natürlich nicht aufgegangen - und Napoleon sah, dass Bismarck sich anschickte, die deutschen Länder zu vereinigen, wollte er dafür Kompensation haben.

Es ist eine ganz interessante diplomatische Verhandlung gewesen. Napoleon hat zuerst nach dem linken Rheinufer gefragt und Bismarck hat zu Napoleon gesagt, „das ist doch deutsches Land, das werde ich auf gar keinen Fall hergeben. Das kommt nicht in Frage“. Und dann hat Napoleon gesagt: „und wie ist das dann mit Belgien?“ Das war ja erst 30 Jahre alt oder knapp 30 Jahre alt. Da hat Bismarck gesagt: „das kommt auch nicht in Frage aber das ist sowieso nicht meine Geschichte, da müsst ihr mit den Engländern reden“. Die haben gesagt, „kommt nicht in Frage, dass die französische Küste sich weiter Richtung Norden ausweitet“. Und dann hat Napoleon gesagt, „Dann gib mir wenigstens Luxemburg!“. Und dann hat Bismarck gesagt, „das ist auch nicht meine Geschichte, da müsst ihr mit dem König der Niederlande reden, denn das ist sein persönliches Besitztum“.

Es gibt also eine Verhandlung – so ähnlich wie mit dem Staat Louisiana in den Vereinigten Staaten - wo also Napoleon mit dem holländischen König Verhandlungen geführt hat über den Erwerb Luxemburgs. Und das ist nichts geworden, weil der holländische König seinen Bruder als Stadthalter in Luxemburg eingesetzt hatte – der holländische König selbst hat sich nie wirklich um Luxemburg gekümmert – aber der Bruder, das war ja sein Job, sich um Luxemburg zu kümmern. Und der hat gesagt, wenn dieser Deal etwas wird, dann “I am out of the Job“ und er hat über die Prinzessin Amalia, die ist russischer Herkunft, dann die damaligen Großmächte über den russischen Zar mobilisiert und es gab dann noch einmal Verhandlungen und da wurde dann endgültig beschlossen, dass Luxemburg ein unabhängiger Staat bleiben soll, dass aber diese Festung, die ja ein Streitobjekt über die Jahrhunderte hinweg war, dass diese Festung geschleift werden sollte. Die Festung wurde also geschleift und wie gesagt, es gibt noch schöne Überreste davon, aber diese Festung war einmal eine ganz gewaltige Geschichte. Und wie das Schicksal es so wollte wurde zu gleicher Zeit – also in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts Luxemburg endlich zu einer Wirtschaft. Die Festung wurde geschleift, die Stadt wurde offen und konnte sich entwickeln.

Aber wozu sollte sie sich entwickeln?

Fast zeitgleich wurde aus England ein Patent importiert, um mit dem sehr phosphorhaltigen Eisenerz, das wir mit Lothringen teilen, ordentlichen Stahl zu machen. Und die Eisenbahn kam nach Luxemburg und so weiter,  so dass das wirtschaftliche Erlebnis Luxemburg, wenn sie so wollen, also in diesen 60er Jahren begonnen hat, und wir sind seit über einem Jahrhundert eine immer reicher werdende Wirtschaft, industriell – basierend auf Stahl - und wir waren zu Zeiten der zehnt größte Stahlproduzent weltweit.

Das ist dann alles in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Verlauf der Umstrukturierung der Schwerindustrien in Europa zu Ende gegangen. Obschon wir heute noch mit AcelorMittal das Hauptquartier des weltweit größten Stahlkonzerns in Luxemburg beheimaten und auch selber noch eine ordentliche Menge Stahl produzieren, aber mit sehr modernen Methoden. Aber der Reichtum des Landes hat heute nur noch sehr wenig mit Stahl zu tun, sondern hauptsächlich mit Dienstleistungen. Und diese Dienstleistungen die sind ein bisschen so wie der Stahl. Stahl, das war ja zuerst das Eisenerz. Da gab es eine staatliche Konzession, dieses Eisenerz auszubeuten. Und auch verschiedene andere Dienstzweige, die wir in der Zwischenzeit angesiedelt haben gehen auf - würde ich sagen – Souveränitätsrechte zurück.

Wir haben mit SES Astra den weltweit größten kommerziellen Satellitenbetreiber. Das geht darauf zurück, dass das Land Luxemburg, wie jedes souveräne Land, ein Recht darauf hatte, im Weltraum eine Position zu haben, wo man Satelliten hinschicken konnte. Die Intelligenz des Landes oder vielmehr der Leute, die wir heranziehen, um dieses System zu entwickeln, war, dass wir es in der Zwischenzeit fertig gebracht haben, was sonst keiner fertig gebracht hat, dass wir in diesen ein oder zwei Satellitenpositionen gleich 50 Satelliten positionieren und daraus wirklich, wie gesagt, den weltweit größten Satellitenbetreiber entwickelt haben.

Oder die CLT-Gruppe, die in Deutschland unter dem Namen RTL sehr bekannt ist, die ist auch in Luxemburg entstanden, weil es damals in den 20er Jahren eine staatliche Konzession gab, um einen privaten Rundfunksender zu entwickeln und das Bankengeschäft hat sich irgendwie auch in diesen Souveränitätsnischen aufgebaut.

Das Schöne an dieser Geschichte ist aber, dass wir es immer wieder fertig gebracht haben – bis jetzt jedenfalls, und ich hoffe, dass das auch in Zukunft der Fall sein wird -  dass wir aus diesen Souveränitätsnischen etwas gemacht haben und uns hinüber in die Qualitätsnischen gerettet haben – sagen wir mal so oder entwickelt haben, so dass wir heute weniger abhängig sind von diesen direkten Vorteilen, die wir aus der Souveränität haben, es sei denn einige Dinge, wie kurze Entscheidungswege, relativ wenig bürokratische Hürden und so weiter.  Bill und einige andere in diesem Saal werden mir aber Recht geben, wenn ich sage, dass wir mit einiger Besorgnis sehen, dass nicht nur Automatismen, die wir aus der Vergangenheit geerbt haben, sondern auch zum Teil über Brüssel und die EU importierte administrative Prozeduren uns diese wirtschaftliche Entwicklung doch etwas schwieriger machen.

Mit der Qualität bin ich aber, glaub ich, auch schon ein bisschen bei der Ethik.

Wir sehen, dass wenn wir uns nach neuen Qualitätsnischen umsehen Begriffe wie ‚social responsibility‘ oder ‚durable development‘ eine immer größere Rolle spielen. Ich glaube, es ist vielleicht, weil wir sowieso in diesem ganz großem Risikogeschäft nicht mitmachen konnten, dass wir dann doch eher ein bisschen mit den Füssen auf dem Boden nach Nischen gesucht haben, die auch irgendwie verwurzelt sind in einer wirtschaftlichen Realität und auch darauf ausgerichtet sind nicht nur heute sondern auch noch morgen und übermorgen irgendwie Erfolg zu haben. Ich glaube, das ist einer der Vorteile eines kleinen Landes in der Mitte Europas. Ich glaube schon, dass wir das bisher nicht schlecht geschafft haben. Ich hoffe nur, dass wir das auch in Zukunft in etwa hinkriegen.

Ein Stichwort war noch gefallen – ach ja – da gab es noch diese dritte Person, die mit Luxemburg irgendwie in Verbindung gebracht wird, diese Rosa Luxemburg. Ach, die Rosa Luxemburg, die hat mit Luxemburg effektiv sehr wenig zu tun. Das hat mich aber daran erinnert, dass wir vor ein paar Tagen den Jahrestag eines Referendums gefeiert haben, das in Luxemburg abgehalten wurde, Ende der 30er Jahre. In dem politischen, psychologischen, emotionalen Umfeld von damals.

Eine rechtsliberale Regierung wollte damals die kommunistische Partei in Luxemburg verbieten. Und die hat auch dementsprechend in der Abgeordnetenkammer mit ihrer Mehrheit ein Gesetzt durchgebracht. Dann gab es aber Widerstände verschiedener Natur, so dass dieses Gesetzt einem Volksentscheid unterbreitet wurde. Und diese Luxemburger Bevölkerung, die eigentlich stockkonservativ ist, hat damals mit einer Mehrheit – zwar mit einer knappen Mehrheit – von 50,9% entschieden, dass man die kommunistische Partei Ende der 30er Jahre nicht verbieten sollte. Daraufhin ist die Regierung zurückgetreten, was auch vielleicht ein Beispiel war von gutem, demokratischem Selbstverständnis.

Herzlichen Dank!