174. Zusammenkunft am 27. September 2012
Schloss Wolfenbüttel/Herzog August Bibliothek


 

2. Tischrede - Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer

Königliche Hoheit,
verehrte Mitglieder des ‚kleinen Gremiums‘,
sehr verehrte Herren,

so kurzweilig, wie Herr Osten es eben gemacht hat, will ich es nicht machen, sondern nur einige Worte über die Herzog August Bibliothek verlieren, die Sie gleich sehen werden.

Vor dem Tor dieser Bibliothek beklagte sich vor einiger Zeit der große Göttinger Germanist Albrecht Schöne bei mir darüber, dass das Rauchen in der Bibliothek vergangenen Zeiten angehöre. Das will ich nicht weiter kommentieren; doch ist dies Anlass, meine Herren, in Wolfenbüttel mit dem Gedanken Sie zu begrüßen, dass wir selbst Zeugen von sich wandelnden Wertvorstellungen sind.

Die Debatten der letzten Zeit zeigen Zweierlei; erstens die Kurzlebigkeit einzelner Diskurse, die Moden und die wechselnden Aufmerksamkeitsfokussierungen. Sie zeigen aber auch, dass auch Kulturen und Lebenswelten sich wandeln. Da ist es gut, sich daran zu erinnern, dass die Herzog August Bibliothek sich jenseits aktueller Aufgeregtheiten versteht und zugleich auch immer unmittelbar beteiligt ist. Als Ort der Bücher und Handschriftensammlungen, die mit dieser Region verbunden sind, aber auch weit darüber hinaus greifend, wenn ich etwa an die Wolfenbütteler Corvin-Handschriften denke oder die inzwischen tausendjährige Bibliothek des Klosters Weißenburg im Elsass, die vor dreihundert Jahren hierher kam, ist die herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel ein Zeugnis vieler Kulturen, Geistesprägungen, Konfessionalismen, und sie ist sich dabei natürlich darüber im Klaren, dass ihr eigenes jeweiliges Handeln, ihr Sammeln und Ihr Erforschen, ihre Neugier und ihre Antworten auf Fragen der Wissenschaft, stets zeitgebunden bleiben.

Indem Sie, meine Herren, sich mit Ihrem Collegium in dieser Bibliothek versammeln, versammeln werden, fügen Sie mit Ihren Vorträgen und Gesprächen diesem kulturellen Gedächtnis weitere Spuren hinzu. Dafür bin ich dankbar.

Ich möchte zugleich betonen, dass kaum Einer, der diese Bibliothek besuchte, gänzlich unverändert sie wieder verließ. Das wünsche auch ich Ihnen und Sie werden mir sicher bestätigen, dass es kaum einen anregenderen Raum, als die Augusteerhalle mit den Buchbeständen des Namenspatrons dieser Bibliothek gibt. Sie werden nach dem geplanten Vortrag, der ja schon mehrfach angekündigt wurde, den Sie dort hören werden, mit Einsichten und Gewinn abreisen. Sie werden aber womöglich auch viele neue Fragen unbeantwortet mitnehmen. Angeregt durch die Atmosphäre und die Bestände der Herzog August Bibliothek, die einen gewissermaßen in ihr internes Wechselgespräch hinein nehmen und einen zu Fragen ermutigt, die einem sonst nicht eingefallen wären.

Damit bin ich aber nun bei jenem Thema dieses Abends, der Inspiration, welches nachher Martin Mosebach uns vorlegen wird, hier will ich nur noch einen Wunsch formulieren, dass Sie sich nicht einschüchtern lassen mögen, in Ihrer Geistigkeit angesichts der sich uns dort umstellenden gesammelten Gelehrsamkeit und Meinungsvielfalt in diesen Büchern. Bei aller Bescheidenheit und Bewunderung für die Textzeugnisse aus der Vergangenheit versteht man sie doch nur recht und rechtfertigt sich ihre Erhaltung und Überlieferung nur dann, wenn man ihnen unvoreingenommen gegenüber tritt und ihrer Sprache das eigene Wort auch die eigene Tonlage und gelegentlich die eigene Bildvorstellung entgegen setzt. Dies ist eine weitere Beschreibung der Wolfenbütteler Bibliothek als Forschungsbibliothek, die ich vor Ihnen gerne so formuliere, weil ich Ihren Besuch mit einer langen Reihe von Begegnungen in dieser Bibliothek sehe. Ich könnte jetzt von Casanova sprechen, der hier war, und vielen anderen, das will ich Ihnen ersparen.

Es bleibt wichtig – noch nicht ganz am Ende – die Gespräche und die Kontroversen der Vergangenheit zu erinnern, weil sie die Begründungszusammenhänge jener scheinbaren Selbstverständlichkeiten verständlich machen, die frühere und vielleicht noch heutige Lebenspraxis geprägt haben und prägen – vielleicht auch verständlich machen, warum Sie sich in dieser Form hier versammelt haben.

Gerade wenn wir von einer christlich geprägten Kultur sprechen wollen, was ja gerade oft aus unglaubwürdigem Munde beschworen wird, scheint die Einsicht unabdingbar, dass es für uns Menschen eine letztgültige Wahrheit wohl nicht geben kann. Aber unverbrüchlich und unhinterfragbar ist doch – und ich glaube wir sind da ähnlich getaktet, Herr Osten – ist doch die Gegenwart. Trotz der fortschreitenden Historisierung aller überlieferten Bestände; die Ideenkämpfe finden immer nur in der Gegenwart statt oder sie finden nicht statt – und gleiches gilt für den Einfall und die Inspiration. Damit beschreibe ich auch die Lage, wie ich sie in zwei Jahrzenten in dieser Bibliothek verspürt habe. Es ist die Freiheit des Geistes und des Blickes auf die Spuren vergangener Suchbewegungen und Behauptungen, auf Diskurse und Deutungsbemühungen, auf Sinnstiftungen und Verwerfungen. Wenn es in der Gegenwart aufgegriffen wird, wird es zugleich aktuell und ist keineswegs überholt im Sinne von Abständigkeit, sondern allenfalls überholt im Sinne einer Revitalisierung und Erneuerung – einer Renaissance, für welche die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel steht. In diesem Sinne, wünsche ich Ihnen, uns allen, einen erneuernden Abend. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!