175. Zusammenkunft am 07. Juni 2013
im Rathaus zu Krakau (Wielopolski-Palais)


 

2. Tischrede - Stadtratsvorsitzender Boguslaw Kosmider

Sehr geehrte Herren,
herzlich begrüße ich Sie, werte Gäste, in den Mauern des Wielopolski-Palastes, dem Sitz des Magistrates, des Stadtpräsidenten und des Stadtrates der königlichen Hauptstadt Krakau.
Ich wurde vor eine sehr schwierige Aufgabe gestellt - denn es ist nicht möglich während eines einzigen Treffens in knappen Worten etwas über Krakau zu erzählen. Ich teile die Ansicht der Bewohner unserer Stadt, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass der ‚Nabel der Welt‘ - axis mundi - ausgerechnet hier zum Fuße des Wawel untergebracht ist. Aber das ist noch nicht das Ende - das ist erst der Anfang!
Es gibt auch keine einzige vollständige und ausführliche Beschreibung Krakaus und keine Methode für eine einfache Zusammenfassung.
Es besteht übrigens aus mehreren Städten:
Aus der Burg an der Weichsel, aus dem vom Handel geprägten Kleparz, aus dem jüdischen Kazimierz, aus dem österreichischen Podgorze und aus dem realsozialistischen Nowa Huta.

In einem kurzen Vortrag fällt es schwer, alle wichtigen Ereignisse und Biografien von Persönlichkeiten anzusprechen, die einen Einfluss auf die Geschichte unserer Stadt ausgeübt haben. Den Werdegang Johannes Paul II. - der erste slawische Papst, das Schicksal der einst hier wohnenden Nobelpreisträger Joseph Conrad, Czeslaw Milosz und Wieslawa Szymbiorska.

Es ist nicht möglich in knappen Sätzen über die Schönheiten des königlichen Schlosses auf dem Wawel-Hügel zu berichten, denn es ist ein außergewöhnlicher Platz mit vielen Geschichten, die kennenzulernen sich lohnt. Angefangen bei der Legende über den Wawel-Drachen bis zu Gerüchten darüber, dass der in einer Wand am Innenhof eingemauerte heilige Stein - Tschakram - angeblich eines der energetischen Zentren der Welt darstellt. Das Tschakram ist sehr wichtig. Das alles erfahren Sie aber, wenn Sie den Wawel besuchen und sei es nur, um in das Antlitz der Dame mit dem Hermelin von Leonardo da Vinci zu blicken.

Indem ich den Stolz und die Liebe zu meiner Heimatstadt mit Ihnen teilen wollte, habe ich beschlossen, mich auf die Angelegenheiten zu konzentrieren, die unsere Völker miteinander verbinden.

Das bereitet aber ein gewisses Problem: denn eine der populärsten Krakauer Legenden bezieht sich auf „Wanda, die keinen Deutschen wollte“. Eine Prinzessin und Tochter des legendären (höchstwahrscheinlich von Chronisten erfundenen) König Namens Krak, nach dessen Tod sie die Herrschaft über die Stadt übernehmen sollte. Jener Deutsche, soll Rüdiger, der Alemannenkönig, genannt: lemanischer Tyrann, gewesen sein. Dieser hatte verkündet, dass er Krakau überfallen werden, wenn Wanda ihm ihre Hand verweigert. Wanda wollte die Stadt nicht aufs Spiel setzen und wählte den Tod in den Fluten der Weichsel statt die Ehe mit dem Alemannenkönig. Dieser Vorfall hatte glücklicherweise keine entscheidenden Einfluss für die deutsch-polnischen Beziehungen. Die Krakauer wollen - der Legende zuwider - durchaus Deutsche. Wofür zumindest die Geschäftssitze der Deutschen Bank 24 und der Lufthansa einen Nachweis erbringen.

Die Anfänge unserer Stadt versinken in der Dunkelheit der Geschichte des slawischen Volksstammes, der Wislanen, die hier eines ihrer Hauptzentren gründeten. In die Grenzen des historischen polnischen Staates gelangte Krakau um das Jahr 990.

Bald begann es, sich dynamischer zu entwickeln und wurde zum Bischofssitz, zum Zentrum der Monarchie und nach kurzer Zeit zur Hauptstadt des Staates. Und obwohl im Jahre 1596 diese Ehre auf Warschau überging, erfüllt die königliche Hauptstadt Krakau bis heute die Rolle des Zentrums des kulturellen, wissenschaftlichen und geistigen Lebens unseres Landes. Ich möchte nicht machiavellistisch klingen - aber ich gebe gerne zu, dass dies für uns eine sehr komfortable Situation bedeutet. Behörden und laute Politik bleiben in Warschau - der Glanz und die Liebe der Landsleute ergießen sich über Krakau. Dies ist die polnische unter den polnischen Städten aber gleichzeitig ein Platz mit einem internationalen und auch geschlossenen Charakter, mit Spuren einer gemeinsamen Geschichte mit vielen Nationen - darunter auch insbesondere mit den Deutschen, denen wir die Gründung der Stadt nach dem Magdeburger Stadtrecht verdanken.

Diese wurde am 05. Juni - heute ist der 07. Juni - 1257 als auf der Grundlage eines Dokumentes, dass durch den Krakauer Fürsten, Boleslaw den Schamhaften, herausgegeben wurde, über die Gründung der Stadtgemeinde in Krakau entschieden wurde, die nach den Grundsätzen des Magdeburger Recht regiert werden sollte.

Dies war nicht die erste Gründung der Stadt, jedoch wird es wegen des enormen Ausmaßes der Veränderungen, denen der Raum, die Urbanistik und die lokale Gesetzgebung unterworfen wurden, die „große“ Gründung genannt. Wenn wir schon bei gemeinsamen historischen Fäden sind, dann muss ich auch einen unserer größten Schätze erwähnen: der Altar des Entschlafens der Heiligen Jungfrau Maria in der Marienbasilika. Dieses Meisterwerk wurde vom Nürnberger Künstler Veit Stoß (Wit Stwosz) geschnitzt und entstand ungefähr um die Jahre 1477 bis 1489. Es ist anzunehmen, dass es schwierig war, einen renommierten Meister für so viele Jahre nach Krakau heranzuziehen. Der aus Schwaben stammende und am Oberrhein ausgebildete Veit Stoß hatte es nicht geschafft, sich endgültig in der in der Nürnberger Zunft einzunisten und dort Karriere zu machen. Und so konnte er dort mit keinen gleichermaßen wichtigen und seinem Ehrgeiz entsprechenden Aufträgen rechnen.

Zweifelsohne hatte der Stadtrat seinerzeit eine gravierende Stimme bei der Entscheidung über den Auftrag für ein neues Retabel des Hauptaltars der wichtigsten Pfarrkirche der Stadt.

Bis heute beziehen wir uns auf diese Tatsache und begründen damit verschiedene Entscheidungen von ästhetischem Charakter bei gesellschaftlichen Konsultation. Denn obwohl man uns sicherlich viel vorwerfen kann, eine solche Institution für Talent und guten Geschmack besitzen die Krakauer Stadträte mindestens seit dem 15. Jahrhundert. Veit Stoß kam im Jahre 1477 nach Krakau. Er hielt sich hier 20 Jahre auf, wovon er 12 Jahre der Arbeit am Altar widmete.

Wenn man über Krakau erzählt, kann man viele interessante Ereignisse und Anekdoten sowie Spuren der weitreichenden kulturellen und politischen Kontakte finden. Es genügt, an die Ereignisse zu erinnern, die eine kapitale Bedeutung für die Geschichte Polens und Mitteleuropas hatten und ihren Anfang gerade hier am Fuße des Wawel hatten. Dies bezieht sich auch auf die Entwicklung der Kunst und der Wissenschaft, denn unsere Jagiellonen-Universität ist eine der ältesten Einrichtungen dieser Art in der Welt.

Ich glaube, dass Ihr Aufenthalt in unserer alten und schönen Stadt für Sie zu einem unvergesslichen Erlebnis wird und den Beginn einer Reihe von Besuchen bedeutet.

Ich heiße Sie in der königlichen Hauptstadt Krakau - einem der außergewöhnlichsten Plätzen in der Welt - feierlich willkommen! Und herzlichen Dank für dieses Geschenk!