176. Zusammenkunft am 02. Oktober 2013
im Residenzschloss und im Albertinum in Dresden


 

2. Tischrede -
Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Dr. Hartwig Fischer

Exzellenz, sehr verehrter, lieber Herr Professor Biedenkopf,

es ist immer eine ganz besondere Ehre und Freude Sie hier begrüßen zu können, da Sie als staatsmännischer, weitblickender Politiker einen so großen Verdienst haben um das, wo wir heute stehen, in dem Sie verstanden haben, welche Rolle nicht nur die Kunstsammlungen für Sachsen und für Dresden im Besonderen spielen, sondern eben auch die großen Monumente, dieser bedeutenden historischen Gebäude, in denen die Kunstsammlungen heute untergebracht sind. Und dieses wiederzugewinnen, als das Herzstück der Identifikation nach der Vollendung der Frauenkirche steht jetzt das Residenzschloss an, hier das geistliche Zentrum, im Schloss das weltliche Zentrum. Die Folgen dieses klugen Handelns, auf die treffen wir jeden Tag und dafür sind wir dankbar.

Königliche Hoheit, gestatten Sie, dass ich auch Sie persönlich anspreche und Sie hier begrüße, als großer Freund der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und als Förderer. Wir sind hier in unmittelbarer Nachbarschaft Ihres ganz besonderen Lieblings, darf ich das sagen? Das Grüne Gewölbe, das Ihnen in den letzten Jahren so manche Neuerwerbung verdankt. Sein auch Sie herzlich willkommen.

Und herzlich begrüßen möchte ich auch Staatsminister Unland, den Finanzminister des Freistaates Sachsen, der unlängst den letzten Stein in das Gewölbe gemauert hat unter dem sie sich soeben zurecht sicher gefühlt haben. Nämlich in der wiedergewonnenen Schlosskapelle, wie wir heute sagen, und eben nicht die Heinrich-Schütz-Kapelle, wie man zwischen 1945 und 1989 zu sagen pflegte.

Was Sie, lieber Herr Guratzsch vorhin nicht gesagt haben und deswegen erlauben Sie, dass ich das jetzt nachhole, ist, dass Sie, als sie aus dem Fenster schauten auf der Elbseite der Fassade der Katholischen Hofkirche ansichtig wurden, die natürlich dieses Land genauso prägt, wie die protestantische Schlosskapelle.

Und wenn Sie von der Schlosskapelle auf der anderen Seite durch die Fenster blickten, dann sahen sie die Sgraffitis der Fassade des großen Schlosshofes. Und es zeichnet sich hier etwas ab, das die Wiedergewinnung der großen Monumente, die der Freistaat Sachsen in weiser Voraussicht und mit großer Dynamik vorantreibt – und das möge auch in den nächsten Jahren so bleiben – vielleicht haben Sie gesehen, dass auf der Fassade als Vollendungsdatum 2013 steht, das war ein Vorgriff auf das Jahr 2019, so war das eigentlich gemeint.

Was Sie hier zu sehen bekommen, ist die Wiedergewinnung eines großen Monumentes aber auch zugleich die Wiedergewinnung einer Phantasie.

Denn so wie wir jetzt aus diesem Raum auf die Sgraffiti schauen, die in den 1550er Jahren als das entscheidende protestantische Bildprogramm die Wände des Schlosses schmückten, und zugleich die Englische Treppe haben, die für die Hochzeit Maria Josephas mit dem späteren August des III. eingerichtet wurde, genau wie die Paraderäume hier im Schloss, dieses gab es niemals gleichzeitig hier zu sehen. Und die Denkmalpflege macht es möglich durch ihre strengen Methoden, dass diese Dinge, die einen aus dem 16. Jahrhundert, die anderen aus dem 18. Jahrhundert jetzt friedlich koexistieren. Und damit ein Sinnbild sind, für das, was aus den Spannungen – und derer gab es viele – fruchtbar in die Zukunft hinübergerettet werden kann.

Diese – ja ich muss es mit einem Wort benennen, das ich am ersten Tag meines Amtes hier von einem Taxifahrer vernahm, der mich ins Schloss brachte – der sprach nämlich von der „Affenliebe“ der Dresdner zu ihrer Stadt – dieser Leidenschaft der Dresdner für diese Stadt, die stellvertretend ist für patriotische, kulturelle Leidenschaft der Sachsen für ihr Land. Dieses In-die-Zukunft-führen gilt auch für die Kunstsammlungen, die diese historischen Monumente heute belegen. Die eine sehr bewegte Geschichte haben, die 2010 ihren 450sten Geburtstag feierten. Und die, wenn man es sich einmal im einzelnen anschaut, geradezu einen Marsch durch die Instanzen hinter sich gebracht haben, denn alle diese Sammlungen, die sie heute hier versammelt haben, sind irgendwann einmal woanders gewesen. Mal im Schloss, mal im Japanischen Palais, mal im Zwinger, mal in Pillnitz, mal in der Güntzstraße, bis sie sich jetzt nach und nach dort niedergelassen haben, wo sie jetzt sind. Und alle diese Sammlungen sind auch alle einmal etwas anderes gewesen, als ein „Kupferstichkabinett“, als eine „Gemäldesammlung Alte Meister“, als eine „Galerie Neue Meister“, als eine „Skulpturensammlung“. Was wir heute die Staatlichen Kunstsammlungen nennen – und das sind 14 Museen – neben den europäischen Sammlungen gehören seit 2010 auch die zweitgrößten deutschen ethnografischen Sammlungen dazu – mit Standorten in Dresden, Leipzig und in Herrnhut, das ist erst über die Jahrhunderte nach und nach entstanden. Und ein Schlüsselmoment in dieser Entwicklung der fürstlichen Sammlungen, die sich aus den Kunstkammern, den Rüstkammern, also den Prunkschausammlungen entwickelt haben und nach und nach zu hoch diversifizierten, professionellen kunsthistorischen Sammlungen geworden sind – diesen Schlüsselmoment möchte ich ihnen jetzt zu Gehör bringen, und Sie werden gleich erkennen, woher dieser kurze Text stammt:

„Ich trat in dieses Heiligtum und meine Verwunderung überstieg jeden Begriff, den ich mir gemacht hatte. Dieser in sich selbst wiederkehrende Saal – man konnte einmal rundgehen – in welchem Pracht und Reinlichkeit bei der größten Stille herrschten, die blendenden Rahmen, alle der Zeit noch näher in der sie vergoldet wurden, der gebohnerte Fußboden, die mehr von Schauenden betretenen, als von Arbeitenden benutzten Räume, gaben mir ein Gefühl der Feierlichkeit, einzig in seiner Art, das umso mehr der Empfindung ähnelte, womit man ein Gotteshaus betritt, als der Schmuck so manchen Tempels, der Gegenstand so mancher Anbetung hier abermals nur zu heiligen Kunstzwecken aufgestellt schien.“

Erinnern Sie sich an die Passage – „Dichtung und Wahrheit“. Goethe beschreibt hier seinen Besuch der Gemäldesammlung 1768. Kaum fünf Jahre nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, kaum fünf Jahre nachdem Dresden und Sachsen diese Aggression der Bombardierung ihrer Hauptstadt überstanden hatten.

Und er benennt hier etwas, was genau diesen Übergang markiert von den fürstlichen Sammlungen der Repräsentation, den Prunkharnischen und Waffen, den Goldschmiedearbeiten im Grünen Gewölbe, hin zu der Feier, all dieser Dinge, die einmal eine andere Funktion hatten, eine repräsentative Funktion oder, wie die Sixtinische Madonna, die ein Andachtsbild war, vor dem man niederkniete, um den Herrn anzubeten, hin zu einer Feier der Kunst, hin zu einer Andacht aber eben jetzt zu einer künstlerischen Andacht.

Die erste fürstliche Sammlung, soweit wir wissen, die regelmäßig öffentlich zugänglich war, seit 1746 im Jura Neum nach diesem Herrscher benannt, im 16. Jahrhundert errichtet, zunächst als Stall und Rüstkammer – als integraler Teil des Schlosskomplexes – das Schloss selbst geht auf das frühe 13. Jahrhundert zurück – und zu dem eben dieser lange Gang hinüber führte auf dessen Außenseite der Fürstenzug zu sehen ist. Und von hier aus entstand dann nach Westen hin der Zwinger Anfang des 18. Jahrhunderts – zunächst als Orangerie – und erst als man ein Festareal brauchte, für die große Hochzeit 1719 – der Höhepunkt der Europäischen Verbindung des Hauses Wettin – hat man dieses Areal einfach um eine Achse gespiegelt und dasselbe nochmal in die andere Richtung gebaut und das ist das, was sie heute vor sich sehen: der Zwinger. Ein Festareal. Und als das Fest gefeiert war, wusste man nicht so genau, was damit geschehen soll.

Und wie immer, weiß die Kunst einen Ausweg und eine Lösung – es wurde ein Museum!
Das sagen wir auch immer den Politikern: Wir haben immer die Lösung für sie! Sie müssen nur dafür Sorge tragen, dass sie verwirklicht werden kann. Zur Beglückung aller! Denn: wer kommt heute nach Dresden und warum?

Die meisten natürlich, um die Monumente zu sehen, die wiederentstandenen Monumente und damit auch teilzuhaben an dieser Wiederauferstehung, die für alle, die diese Stadt vor 1990 gekannt haben – und weiß Gott, es haben viele Menschen auch vor 1990 Herzblut darein gegeben, dass der kleinste Stein, der hier noch lag, nicht abgeräumt wurde – also all die, die Anteil haben möchten, an dem was die Überwindung und die Wiederauferstehung aus einer Katastrophe ist, und alle die diese Stadt seinerzeit gekannt haben, empfinden das heute jeden Tag, was hier tatsächlich möglich geworden ist. Insofern schreckt uns, Dirk Burghardt, den kaufmännischen Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen und mich und alle Kollegen und Kolleginnen, überhaupt nicht, dass hier 2013 steht.

Wir vertrauen fest darauf, dass das ein Versprechen ist, nämlich das Versprechen, das, was man begonnen hat und so großartig hier und da schon zur Vollendung geführt hat, auch für alle Gebäude und im Zentrum das Schloss gültig sein wird. 14 Museen, 14 hochattraktive, zum Teil stark besuchte Museen – zum Teil gehören sie zu den meistbesuchten Museen der Bundesrepublik, alle mit eigenen großartigen Kunstwerken und Sammlungen, die den Ruhm dieser Stadt verkörpern aber zugleich eben auch hochmoderne Institutionen sind, die in einem edlen Wettstreit stehen zu den anderen in der Bundesrepublik – genau wie in Europa oder in der Welt, die in einem kontinuierlichen, lebendigen Austausch stehen, mit China, mit den Emiraten, mit den USA, mit der Türkei – ich könnte viele nennen – aber natürlich auch in einem Wettstreit.

Und ich möchte jetzt nicht – auch meinerseits – das Berliner Schloss jetzt ausdrücklich erwähnen, von dem wir wissen, dass es 2019 fertiggestellt werden soll – das gönnen wir den Berlinern. Nur meine ich, dass die Sachsen mit Fug und Recht dafür Sorge tragen sollten, dass ihr Schloss, das früher begonnen wurde, nicht später fertig ist.

Warum sage ich das? Weil jeder Raum, der für die Kunstsammlungen gewonnen wird, nicht 1000sende, sondern 10.000sende, manchmal 100.000sende Menschen mehr in diese Stadt zieht und damit auch ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor ist.

Das ist nicht das, was uns täglich antreibt, obwohl wir dafür Sorge tragen müssen, dass wir mit den Besuchern, die wir empfangen, die Hälfte und mehr als die Hälfte unseres Jahresbudget verdienen. Ungewöhnlich für ein Deutsches Museum. Und vielleicht auch das charakteristisch für Dresden, dass das an dieser Stelle möglich ist.

Wir sagen das natürlich, weil wir leidenschaftlich leben und brennen für diese Kunst, die über Jahrhunderte überlebt hat, und die über die Jahrhunderte die größten Künstler inspiriert hat neue Werke zu schaffen. Nicht nur die Millionen und Abermillionen beglückt hat, die kommen, sondern eben auch die zu neuen Taten angeregt haben, deren Werk einst mal unsere Epoche prägen wird. Das ist die Aufgabe einer Institution, wie die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden es ist. Also es ist – wenn Sie so wollen – ein offener Wechsel auf die Zukunft.

Aber blickt man in die Vergangenheit – und die kurze Passage aus „Dichtung und Wahrheit“ von Goethe belegt es ja – so gibt es Beispiele genug. Im Übrigen – und damit komme ich zum Schluss – hoffentlich hab en Sie morgen Gelegenheit einige der 14 Museen näher kennenzulernen – sind diese sächsischen Kunstsammlungen ganz wesentlich auch in der Herausbildung des neuzeitlichen Museums und damit auch für das neuzeitliche Verständnis von Kunst als Kunst.

Wir werden uns in den nächsten Jahren unter anderem auch darauf konzentrieren, diese besondere Leistung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden deutlich herauszuarbeiten und zugänglich zu machen. Aber dafür – ich sag es noch einmal – brauchen wir die Gebäude. Das Schloss als Herzstück – der Zwinger ist nahezu wieder hergestellt – wir renovieren im Augenblick die Semper-Galerie, die „Gemäldegalerie Alte Meister“, das Albertinum, das Museum des 19., 20., 21. Jahrhunderts steht – wir werden gleich dahin gehen, und dann gibt es, ich schaue auf Johann – ein Gebäude, das einmal zum Schlosskomplex gehörte – und ich glaube, wenn man es genau betrachtet auch wieder zum Schlosskomplex zurückkehren muss – und das ist eben dieses Johanneum. Aber damit komme ich jetzt in Bereiche, die ich nicht näher ausführen möchte. Es sind Dinge, die wir diskutieren, und an denen sich unsere Zukunftsperspektiven schärfen und definieren.

Wir hoffen, dass Sie nachdem Sie jetzt zum zweiten Mal hier sind, dies zum Anlass nehmen bald auch zum dritten und vierten Mal hierher zu kommen und Anteil zu nehmen an dieser Entwicklung. Ich glaube, sie ist beispielhaft, sie ist großartig, sie ist begeisternd und sie ist beglückend.

Wir danken Ihnen herzlich, dass Sie hier sind!