Jahresschluss-Collegium am 04. Dezember 2008 im
Rathaus der Freien Hansestadt Bremen


 

2. Tischrede – Senator Ulrich Mäurer

Im Namen des Bürgermeisters und des Senats der Freien Hansestadt Bremen begrüße ich Sie hier im Festsaal unseres Rathauses recht herzlich.

Besonders willkommen heiße ich die auswärtigen Gäste. Es lohnt sich immer nach Bremen zu kommen und erst recht am Tabak-Collegium teilzunehmen. Letzteres habe ich mir sagen lassen, denn ich hatte selbst noch nicht die Ehre daran teilzunehmen. Umso mehr bin ich auf den heutigen Abend gespannt.

Ich bin zwar hier im Rathaus nicht im engeren Sinne der Hausherr, aber im Grunde sind wir Mitglieder des Senats, das ja ein Gremium von Gleichen ist, alle Hausherrn bzw. Hausdamen. Die weibliche Bezeichnung, Sie werden es gemerkt haben, entspricht nicht ganz dem gemeinten Sinn. Das ist wieder so ein Fall, wo unsere Sprache noch Emanzipationsbedarf hat.

Zunächst hatte ich gewisse Bedenken der Einladung zu folgen. Nicht nur bin ich zuständig für die Überwachung des Rauchverbotes in dieser Stadt, ich bin auch selbst ein überzeugter Nichtraucher.

Aber ich habe gehört, dass unter Ihnen nicht nur Freunde des Tabaks zu finden sind, sondern dass Sie alle in erster Linie an gehaltvollen Gesprächen interessiert sind. Und mit solchen Menschen komme ich gern zusammen.

Ich denke, dieses Haus bietet für gute Gespräche einen würdigen Rahmen. Und da sich das Tabak-Collegium auch als ein Botschafter der Freien Hansestadt Bremen versteht, sind Sie uns hier sehr herzlich willkommen.

Vielleicht kann ich ja dazu beitragen, Ihre Gesprächsthemen anzureichern. Auf jeden Fall möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihr Bewusstsein für eine gesellschaftspolitische Herausforderung zu schärfen, die mir sehr am Herzen liegt.

Integration als dringliche gesellschaftliche Aufgabe
 
Als Innensenator erlebe ich tagtäglich die Folgen einer mehr schlecht als recht verlaufenden Integration. Lange haben wir uns gestritten, wer darf  kommen, wie viele dürfen kommen usw. Worüber wir uns zu wenig Gedanken gemacht haben, oder auch falsche Gedanken gemacht haben, ist die Integration der Zuwanderer.

In Deutschland leben etwa 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Bremen sind es etwa 150.000 Personen. Etwa ein Drittel der in Deutschland lebenden Kinder haben einen Migrationshintergrund. In Bremen sind das in konkreten Zahlen rd. 35.000 Kinder und Jugendliche.
 
Die Schere wird sich weiter öffnen, da die ausländische Wohnbevölkerung deutlich jünger ist als die deutsche.

Die sog. Migrationshaushalte befinden sich häufig in einer sozial prekären Situation:

  • Abhängigkeit von Sozialleistungen, unterdurchschnittliche Gesundheitsversorgung, schlechte Bildungs- und Ausbildungschancen und geringe Deutschkenntnisse.
  • Die Familien konzentrieren sich in bestimmten Wohngebieten bis hin zur Bildung ethnischer Kolonien. Die Integration erschwert sich dadurch deutlich.
  • Die Startchancen für Kinder und Jugendliche sind denkbar schlecht.
  • Das kann für die Entwicklung unserer Gesellschaft nicht gut sein. Eine bessere Integration ist für uns von zentraler Bedeutung. Aber wie? Es gibt viele Ansätze, gute und weniger gute. Aber es gibt bei weitem nicht genug.

Die Integrationskraft des Sports

Ich setze darauf, dass der Sport und die Sportvereine, die auf diesem Gebiet schon sehr viel leisten, noch stärker gerade in die Integration der jungen Migranten einbezogen werden. Die Bindungskraft des Vereinssports ist nach wie vor ungebrochen: Ein Drittel der Deutschen treibt Sport im Verein. Vereinssport ist die Nr. 1 in der außerschulischen Jugendarbeit. Sportliche Kinder- und Jugendarbeit kann die Entwicklung der individuellen Fähigkeiten ent-scheidend unterstützen. Der Sport als Medium ist für Kinder und Jugendliche  aller Kulturen und Schichten hoch attraktiv. Gerade Sportangebote bieten einen niedrigschwelligen Zugang auch für Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren bzw. bildungsfernen Schichten. Ethnische Herkunft hat im Sport eine geringere Bedeutung als in anderen sozialen Zusammenhängen.

Sport besitzt ein immenses Potential, Integration in einer Gesellschaft zu fördern. Die Verständigung über Sprach- und Kulturbarrieren hinweg ist hier relativ problemlos möglich. Der Sport besitzt seine eigenen Regeln, die überall gleich sind und es jedem erlauben, gleich mitzuspielen.

Bindungskraft der Sportvereine nutzen
       
Der vereinsorganisierte Sport gilt deswegen als eines der wenigen gesellschaftlichen Felder, in dem soziale Kontakte ohne größere Schwierigkeiten zustande kommen. Sportvereine binden mehr zugewanderte Menschen als jede vergleichbare Organisation.

In der Gruppe der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund sind über 50 % in deutschen Vereinen organisiert. Aber: Organisationsgrad von Migranten im Vereinssport insgesamt noch immer unterdurchschnittlich.

Offenheit der Verantwortlichen und die Bereitschaft zur Veränderung auf beiden Seiten ist wesentliche Voraussetzung für eine interkulturelle Öffnung der Vereine. Gute Ansätze sind bereits vorhanden, darauf müssen wir aufbauen und sie deutlich verstärken:

Interkulturelle Fortbildung der Übungsleiter

  • Einbindung von Migranten in die verantwortliche Vereinsarbeit (z.B. Lizenzerwerb)
  • Zielgruppengerechte Angebote (insb. Mädchen und junge Frauen)
  • Verzahnung von Schul- und Vereinssport

Unterstützung durch Politik und privates Engagement
       
Das alles geht nicht ohne finanzielle Unterstützung des Staates.Mein Ziel ist es einen Fond zu schaffen, in dem Gelder von der EU, nationale und bremischen Mittel gebündelt werden. Daraus werden konkrete Projekte finanziert: Projekte, die die Zusammenarbeit mit Schulen, ganz besonders aber die Integration junger Migrantinnen und Migranten fördern. Doch die öffentlichen Mittel allein werden nicht reichen. Jeder von Ihnen weiß, wie knapp die sind und wie viel öffentliche Mittel zur Zeit aufgewendet werden müssen, um die wirtschaftliche Krise zu meistern.

Wir brauchen für unsere Integrationsaufgaben auch das private Engagement, auch das Engagement der Wirtschaft. Es fließt sehr viel Geld in den Spitzensport – gerade auch aus der Wirtschaft. Wenn nur ein Teil davon – zusätzlich oder stattdessen - in Projekte zur Integrationsförderung fließen würden, könnten wir sehr viel erreichen.

Ich glaube, das ist ein lohnendes Thema für Ihre Gesprächsrunden. Wir brauchen viele Mittel und vielfältige Wege, um die Integration zu fördern. Der Sport ist ein sehr gut geeigneter Weg, den viele Menschen mitgehen können – durch persönliche Aktivitäten und finanzielle Engagements.
       
Soweit mein Anliegen, das ich Ihnen nahe bringen wollte. Jetzt bin ich mit Ihnen gespannt auf den Vortrag von Professor Treusch.

Und ich wünsche uns allen einen interessanten Abend.