171. Zusammenkunft am 09. Juni 2011
im Rathaus zu Aachen und der Aula Carolina


 

Begrüßung - Prof. Dr. Herwig Guratzsch

Sehr geehrte Herren!

In diesen beiden Räumen, dem hellen, freundlichen Weißen Saal und im >Werkmeisterge-richt<, der keineswegs so martialisch ist, wie er klingt, begrüße ich Sie herzlich im Namen des Kleinen Gremiums des Bremer Tabak Collegiums. Mit dem Eintritt in diese Stadt, in dieses alte, aus mannigfachen Zerstörungen wiedererstandene Rathaus verbinden sich historische Ereignisse, die zu den herausragendsten für uns Deutsche gehören. Hier erzählt jeder Zenti-meter Geschichte, es gibt nichts, was in dieser Stadt nicht von grandioser Vergangenheit gefüllt wäre.

Unter der Wucht anzuführender Beispiele wird man aber eher erdrückt als erhoben, und es wächst zwangsläufig die eigene Verlegenheit, auch nur einige Aspekte davon in Erinnerung zu rufen. Ich könnte mich aus der fatalen Lage befreien, indem ich mich der These des einzel-gängerischen Forschers Heribert Illig anschlösse, der behauptet hat, dass es Karl den Großen in Wahrheit nicht gegeben habe. Einigen von Ihnen wäre das vielleicht sogar recht, weil damit gefürchteten trockenen Rückblicken aus dem Wege gegangen würde. Allerdings müssen Sie zugeben, dass die Geschichtskundigen unter uns, nicht zuletzt Christopher Clark, unser Fest-redner, beleidigt wären. Sie hielten nur aus Anstand ein paar Minuten stille, um dann in die Offensive zu gehen. Vor allem wäre die Reaktion des Oberbürgermeisters von Aachen, Mar-cell Philipp, zu fürchten. Er würde am Ende die barschen Methoden des Mittelalters gegen den Sprecher in Ansatz bringen.
  
Nein es lohnt, die große Zeit der Karolinger, der nachfolgenden Perioden und ihrer bis heute wirkenden Impulse, die sich die Stadt Aachen weiterentwickelnd zu eigen gemacht hat, zu berühren. Hier hatte Karl der Große vor mehr als 1200 Jahren das kühne und vergleichslose Projekt >Kaiserpfalz< realisiert. Erst in allerjüngster Zeit ist es gelungen, sie in ihrer beispiel-haften Kubatur sich vorstellen zu können. Die Pfalzkapelle, die auch Aachener Münster ge-nannt wird, gehört dazu (im Rücken unseres Eingangs). Sie ist für den europäischen Norden des Frühmittelalters nicht nur wegen der Krönungen, die hier bis 1531 stattfanden, sondern im Blick auf die künstlerische Leistung von einzigartiger Bedeutung. Um das stärker erfassen zu können, müssen wir – wie bei zurückliegenden kulturgeschichtlichen Glanzleistungen - alle Zeit danach wegschneiden, uns sozusagen in den Zustand der Zukunftsunschuld versetzen, um die noch immer leuchtende Außergewöhnlichkeit spüren zu können. Dann strahlt das Kuppelmosaik des Aachener Münsters golden, dann staunen wir über die Marmorkapitelle, die gewaltigen Säulen aus Porphyr und Granit, die mühsam von weit her über die Alpen transportiert werden mussten, dann bewundern wir den schlank nach oben drängenden acht-eckigen Zentralraum, werden gefesselt von der Dominanz der Vertikalen dieser ehemals Maria gewidmeten Krönungskirche. Welch mutiger Griff über die ja erst beginnende Romanik hinaus! Wir begreifen, wenn wir nur einen Moment innehalten und wenn wir diesen geformten Ausdruck für die großen politischen, kirchengeschichtlichen und kulturellen Weichenstellun-gen nehmen, die hier ihren Ursprung haben, dass wir – ohne pathetisch zu werden - an der Wiege Deutschlands und Frankreichs stehen.

Selbst das hinreißende Bremer Rathaus, das uns in seiner alten authentischen Erscheinung fasziniert,  hat in diesem Rathaus seinen Vorgänger. Die Gutachter der >unesco<-Anmeldung des Bremer Rathauses für das Weltkulturerbe hatten ausdrücklich auf den Aachener Bruder als Vorbild hingewiesen. (Übrigens schneidet Bremen im Verhältnis zu Aachen nicht gut ab. Ich schwäche die Bemerkung aber gleich wieder in Rücksicht auf die Bremer Lokalpatrioten ab: Beide Städte beziehen sich ja gleichermaßen auf ihre karolingische Wurzel. Aber kein Kaiser hat Bremen je besucht (von der Stippvisite Heinrich III. 1047 abgesehen). Was in Aa-chen Realität war, war in Bremen bis 1646 nur Anspruch und Propaganda, wenngleich zwei wunderbare Innenräume in Bremen auf Karl den Großen bezogen werden dürfen: die Obere Rathaushalle und das Mittelschiff des St. Petri Domes.)

In den beiden Räumen, in denen wir hier stehen, prüften einmal früher die Werkmeister das Tuch, das weltweit von Aachen aus exportiert wurde, und im Weißen Saal, in dem Engel auf Kartuschen die vier klassischen Herrschertugenden symbolisch herbeitragen, fand 1748 der Friedenskongress  statt, der den österreichischen Erbfolgekrieg beendete. Die Wandbilder im >Werkmeistergericht< stammen aus der nämlichen Zeit, Johann Chrysanth Bollenrath hat sie geschaffen. Es sind überwiegend Damen, die die Szenen beherrschen, ohne dass eine Gleich-stellungsbeauftragte tätig geworden wäre. Sie verfügen über die Richtlinienkompetenzen und mahnen, dass Tugend über Laster zu triumphieren habe, dass sich alte Männer nicht an allzu jungen Frauen vergreifen sollten  und dass Frieden allein Wohlstand und Reichtum mit sich bringt und sie erhalten kann. Bei diesem letztgenannten Bild von Bollenrath hat man heraus-gefunden, dass nicht Mars und Merkur, sondern >Gerechtigkeit< und >Frieden< einträchtig die Erdkugel umfangen und die Waffen des Krieges wie auch Masken der Falschheit unter sich begraben. Aber niemand anders ist mit soviel Hingabe auf diesem Bild dargestellt, als Bollenrath selbst, scheinbar gemalt von der vollbusigen Muse der Kunst, Kunst, die nur in Friedenszeiten gedeihen kann. Das Zitat am Rand der erhabenen Bodenplatte bezieht sich auf den 143 Psalm: „Ihre Vorratskammern seien voll und überquellend“.

Diesem Motto, meine Herren, können wir uns nach dieser Stehübung nicht entziehen, zumal das Abendessen aus den Bremer ‚Vorratskammern’ in der Aula Carolina für uns gerichtet ist. Zuvor aber sollten wir uns ganz dem alten Brauch des Löffeltrunks hingeben, den ich mit dem Oberbürgermeister dieser Stadt vorspreche und den ich Sie bitten möchte, dialektecht nachzu-sprechen, indem Sie sich, mit Ihrem Löffel bewaffnet, freundlich Ihrem Nebenmann mit folgenden Worten zuwenden

>Ik seh di<  -  >Dat freut mi<
>Ik drink di to<  -  >Dat doo< 
-  Zuprosten  -
>Ik heff di tosapen<  -  >Hest den Rechten drapen<