174. Zusammenkunft am 27. September 2012
Schloss Wolfenbüttel/Herzog August Bibliothek


 

Begrüßung – Dr. Dr. h. c. mult. Manfred Osten

Königliche Hoheit,
sehr geehrter Herr Prof. Schmidt-Glintzer,
sehr geehrte Herren,

als der mit Wolfenbüttel so eng verbundene Gotthold Ephraim Lessing 1766 seine berühmte Laokoon-Studie publizierte, ahnte er nicht, dass im 21. Jahrhundert die von ihm damals so sehr gewürdigte Skulptur in den Vatikanischen Museen zum Gegenstand eines besonders originellen Dialogs mutieren würde. Auf die Frage eines Museumsbesuchers nämlich, wo hier die Laokoon-Gruppe sei, erhielt er zur Antwort: „Tut mir leid, ich kann ihnen nicht helfen – Ich bin von der Neckermann-Gruppe.“ Die letztgenannte Gruppe wird ja soeben vom Insolvenzverwalter abgewickelt.

Ich freue mich daher ganz besonders, Sie alle im Namen des ‚Kleinen Gremiums‘ des Bremer Tabak-Collegiums hier in Wolfenbüttel, am Ort jenes kulturellen Gedächtnisses zu begrüßen, das Lessing als Bibliothekar hier in den letzten elf Jahren seines Lebens gestiftet hat. Ein kulturelles Gedächtnis, das allerdings bereits 1929 Hugo von Hofmannsthal mit den Worten bilanziert hat: „Lessing war von einem andern Geschlecht, er zeigte eine Möglichkeit deutschen Wesens, die ohne Nachfolge blieb … Seine Bedeutung für die Deutsche Nation liegt in seinem Widerspruch zu ihr: Innerhalb eines Volkes, dessen größte Gefahr der gemachte Charakter ist, war er ein echter Charakter.“ Weshalb wir denn auch allen Anlaß haben, dem Hausherrn dieses Erinnerungsortes an einen „echten Charakter“, Herrn Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer, von Herzen Dank zu sagen für die großzügige Gastfreundschaft.

Wir sind Gäste dieses Erinnerungsortes in einer Zeit der allgemein rapide erodierenden Einsicht, dass das Leben zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden wird. Dieses Verstehen des Lebens nach rückwärts aber ist konstitutiv für den Begriff der Kultur. Kultur aber bedeutet auch, dass alle großen Leistungen nicht denkbar sind ohne die Idee des Schöpferischen und der Inspiration.

Der schöpferische Mensch aber ist das Gegenteil jenes nützlichen Menschentyps, den man heute als Humankapital bezeichnet. Schon 1874 hat Friedrich Nietzsche diesen Menschentyp bezeichnet als den „kuranten Menschen“. Mit der Warnung: “Möglichst viele kurante Menschen zu bilden, in der Art dessen, was man an einer Münze kurant nennt, das wäre also das Ziel.“

Vor diesem Hintergrund ist es deshalb ein Glücksversprechen, daß der Büchnerpreisträger Martin Mosebach mit seinem Festvortrag heute den Begriff des Schöpferischen in das Zentrum seiner Betrachtung stellen wird.

Das Schöpferische aber ist inzwischen ein Thema, das uns allen auf den Nägeln brennen sollte. Denn die Kultusministerkonferenz hat kürzlich beschlossen, die klassischen Fächer des Schöpferischen in den Schulen – unter anderem Musik und Kunst – zu fusionieren zu einem Studienbereich, mit dem ambitionierten Namen „ästhetische Bildung“. Inzwischen gibt es jedoch ernstzunehmende Stimmen, die darauf hinweisen, daß mit diesem Etikettenschwindel in Wahrheit nur Personal eingespart werden soll und gleichzeitig eine Einschränkung und Entprofessionalisierung des Musik- und Kunstunterrichts drohe.

Sollte dies wirklich zutreffen, würde schon aus diesem Grunde für den Festredner das gelten, was wir jetzt gleich beim Trinkspruch zum traditionellen Löffeltrunk hören werden: „Hest den Rechten drapen“ – Hast den Richtigen getroffen. Und zu
diesem gemeinsamen Löffeltrunk darf ich jetzt unseren Gastgeber, Herrn Professor Schmidt-Glintzer zu mir bitten, um mit ihm den vollständigen plattdeutschen Trinkspruch auszubringen:

Sprecher: I ck seh di!

Prof. Schmidt-Glintzer: D at freut mi!

Sprecher: I ck drink di to!

Prof. Schmidt-Glintzer: D at do!

Sprecher: Prost!!

Sprecher: I ck heb di tosapen!

Prof. Schmidt-Glintzer: Hest den Rechten drapen!