175. Zusammenkunft am 07. Juni 2013
im Rathaus zu Krakau (Wielopolski-Palais)


 

Begrüßung – Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Joachim Treusch

Verehrter Hausherr und Vorsitzender des Krakauer Stadtrates, lieber Herr Kosmider,

Exzellenz, Herr Botschafter von Fritsch,

meine Herren aus Polen, Deutschland und der Schweiz,

vor genau dreihundert Jahren, im Frühjahr 1713, stirbt Friedrich I., der prunkliebende
Sohn des Großen Kürfürsten und erster König von Preußen. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm I. besteigt den Thron.
Man wird ihn später den „Soldatenkönig“ nennen.

Er liebt den Prunk nicht und nicht den Krieg. Er liebt Soldaten.
Das ist ja nicht der schlechteste Ersatz für das Führen von Kriegen.

Er kürzt das Budget des Hofes von 265 Tausend auf 55 Tausend Taler. Von der Differenz kann er im Ausland 70 „Lange Kerls“, jährlich, 3000 Taler für jeden einzelnen, kaufen. Deren buchstäblich mit dem Tafelsilber erkauftes, teures Leben möchte er natürlich ungern in einem Krieg riskieren.
Für seine Landeskinder führt er die Schulpflicht ein.

In seiner berühmten, von Adolph Menzel illustrierten Biographie Friedrichs des Großen schreibt Franz Kugler über Friedrich Wilhelm, den Vater, hundert Jahre nach dessen Tod:

„Des Abends versammelte der König gewöhnlich einen Kreis derjenigen Männer um sich, denen er sein näheres Vertrauen geschenkt hatte. In dieser Gesellschaft (die unter dem Namen des Tabak-Kollegiums bekannt ist) wurde nach holländischer Sitte Tabak geraucht und Bier getrunken; mit vollkommener Freiheit von der Etikette des Hofes erging sich das Gespräch über alle möglichen Gegenstände; dabei waren gelehrte Herren zur Erklärung der Zeitungen bestellt, die aber zugleich aufs vollkommenste das Amt der Hofnarren zu vertreten hatten.“

Über den Sohn Friedrich, den eigentlichen Gegenstand seines Buches, schreibt er:

„Die militärischen Liebhabereien des Königs, das unaufhörliche Exerzitium der Soldaten machten dem Kronprinzen wenig Freude. Die rohen Jagdvergnügungen, der einfache Landaufenthalt auf dem königlichen Jagdschlosse zu Wusterhausen (Wendisch-Wusterhausen, wie wir beim Kollegium im letzten Dezember gelernt haben), waren nicht nach seinem Geschmack. Eben so wenig das Tabakrauchen und die derben Späße im Tabak-Kollegium, an denen der Vater sich erfreute.“

Ich muss, besonders hier in Polen, nicht darauf hinweisen, dass Friedrich es liebte, Kriege zu führen.

In Bremen haben, nach den Zerstörungen und Leiden des Zweiten Weltkrieges, angesehene (und das heißt in Bremen auch: zurückhaltende) Kaufleute beschlossen, zu der guten Tradition „Miteinander zu reden ist besser als gegeneinander Krieg zu führen“ zurückzukehren und das Bremer Tabak-Collegium einzurichten und fürderhin zu fördern.

Die Einladung gelehrter Herren wurde beibehalten, das Amt des Hofnarren nicht mehr zwingend gefordert. Dreimal im Jahr das freie, ungezwungene Gespräch mit Freunden und Gästen: einmal in Bremens schönem Rathaus, einmal im deutschen Raum, einmal im weiteren europäischen Raum, immer an Orten, die von Geschichte und Gegenwart dem Geiste des offenen, freundlichen Miteinander genügen.

Welcher Ort könnte dem mehr entsprechen als das Rathaus in Krakau, der altehrwürdigen
Königin unter den Städten Polens, die in ihren Ursprüngen so verblüffend ähnlich zu Bremen erscheint:

Wie dieses schon in vorgeschichtlicher Zeit an der Biegung eines mächtigen Stromes nahe einer Furt auf einem Hügel begründet (zugegeben der Wawel in Krakau ist um einiges höher als die Düne in Bremen),

von den Franken dieses, nämlich Bremen, im 8. Jahrhundert im Krieg gegen die Sachsen gewonnen, von den Polanen jenes, nämlich Krakau, im 10. Jahrhundert den böhmischen Wislanen entrissen,

jeweils unmittelbar nach der Eroberung zum Bischofssitz gemacht beide:
von dem fränkischen König Karl (später „Der Große“ genannt) im Jahre 787 Bremen, vom polnischen Herzog Boleslaw (später „Der Tapfere“ genannt) im Jahre 1000 Krakau.

Und, um die Analogie zu vollenden: König Karl lässt sich im Jahr 800, 13 Jahre nach der Gründung des Bistums Bremen, zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches krönen, Herzog Boleslaw im Jahre 1025, 25 Jahre nach der Gründung des Bistums Krakau, zum König von Polen.

Frühmittelalterlicher Dreiklang: Eroberung, Christianisierung, Herrschaft!

Von den geschichtlichen Brechungen dieser Analogie und von dem Goldenen Zeitalter Krakaus - lange Hauptstadt Polens, das gleichzeitig ein Goldenes Zeitalter für den deutsch-polnischen Kultur- und Personalaustausch war, vielleicht noch ein paar Worte
bei Tische. Nach Tisch werde ich dann den gelehrten Redner dieses Abends, Herrn Professor Jürgen Mittelstrass aus Konstanz begrüßen und vorstellen und mich neben
allem anderen auf Hinweise zur Beantwortung oder auch zur Nichtbeantwortbarkeit der Frage freuen, ob Nikolaus Kopernikus ein Pole oder ein Deutscher war.

Für jetzt beschränke ich mich auf eine Zeile aus einem Gedicht der Wislawa Szymborska,
neben Czeslaw Milosz die zweite Nobelpreisträgerin aus Krakau, der Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2000:

Ich bin mir lieber als Menschenfreund
denn als Freund der Menschheit.


Diese ideologieabweisende, das jeweilige Gegenüber unmittelbar adressierende Zeile scheint mir die beste Einleitung zu sein für den traditionellen Löffeltrunk, zu dem ich jetzt den Vorsitzenden des Stadtrates von Krakau, Herrn Boguslaw Kosmider, einlade.

Sie sprechen so gut Deutsch, Herr Kosmider, dass Sie das von Bremer Sitten vorgeschriebene Platt ohne weiteres verstehen werden. Ich übersetze es für unsere
nichtbremischen Gäste und Freunde:

Ick seh di (Ich sehe Dich)   Dat freut mi (Das freut mich)
Ick drink di to (Ich trinke Dir zu)   Dat do (Das tu)
  - Prost! -  
Ick heb di tosapen
(Ich hab` Dir zugetrunken)
  Hest´n Rechten drapen
(Hast den Rechten getroffen)