176. Zusammenkunft am 02. Oktober 2013
im Residenzschloss und im Albertinum in Dresden


 

Begrüßung – Prof. Dr. Herwig Guratzsch

Königliche Hoheit, sehr geehrte Herren!

Im Namen des ‚Kleinen Gremiums‘ des Bremer Tabak-Collegiums begrüße ich sie herzlich im Dresdner Schloss und wünsche Ihnen helles Vergnügen hier und am späten Abend im Albertinum! Wo befinden wir uns? In einem unglaublichen Raum – unglaublich in des Wortes wahrer Bedeutung. Wir stehen (dank der Fürsprache Dr. Fischers, des Generaldirektors der Staatlichen Kunstsammlungen) im Rohbau der wieder erstehenden Heinrich-Schütz-Kapelle, die der Öffentlichkeit erst später übergeben werden wird. In ihr durchkreuzen sich an der Decke vielfach verschlungene Rippen zu einer besonderen Deckenskulptur, und es durchkreuzen sich mit diesem Raum zugleich drei unterschiedliche Zeitstufen, die sich nicht zusammenführen lassen: das >Nicht mehr<, das >Noch nicht< und das >Doch schon<. Denn die Schützkapelle gibt es seit knapp 300 Jahren nicht mehr. Sie ist aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden.

Wer weiß oder würde registriert haben, was es vor drei Jahrhunderten an aufsehenerregenden Kulturbauten gegeben hat, wann sie verloren gingen oder eliminiert wurden und wie sie ausgesehen haben könnten? Welche Stadt hat den Mut, ein derart lange verloren gegangenes und vergessenes Bauwerk wieder aufzubauen? Schon im Falle des Berliner Schlosses, das „nur“ knapp 70 Jahre nicht mehr existiert hat, sind wir Zeuge der Herkulesmühen von Wilhelm von Boddien und Richard Schröder.

Diese Hofkapelle bildet einen Sonderfall. Sie wurde nach Heinrich Schütz benannt, der 100 Jahre vor Johannes Sebastian Bach geboren ist und 68 Jahre lang als wohl prominentester Hofkapellmeister u.a. in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges hier wirkte. Er prägte die musikalische Entfaltung nicht nur des Dresdner Kreuzchores, der seinerseits die Schütztradition bis heute pflegt. Bis zur Zeit August des Starken war die Kapelle die protestantische Kirche des Hofes. Aber nachdem er zum katholischen Glauben übergetreten war, um die polnische Königskrone zu erlangen, wurde sie 1737 abgebrochen und glich von da an einer Ruine mitten im Schloss.

Dresden ist maßlos, in seinem ästhetischen sich Insichselbstverlieben unschlagbar, in seinem sich ins Fiktive Hineinsteigern unbremsbar. Die Dresdner mit ihrer betörenden Vigilanz, ihrer Tüchtigkeit gepaart mit Wendigkeit, ihrem verzehrenden Traditionalismus fassen so etwas an. Seit Jahren haben sie an der Verwirklichung dieses nicht mehr Greifbaren gezurrt, gezerrt und nun obsiegen sie. Stanislaw Tillich, ihr Ministerpräsident, Georg Unland, ihr Staatsfinanzminister, der zugegen ist, – sie unterstützen das, und die Zugabe aus Berlin vom Kulturstaatsminister Neumann bleibt nicht aus. Vor wenigen Tagen kam die positive Nachricht.

In diesem vom >Wunderlichen zum Wunderbaren< (Safranski hinsichtlich der Romantik!) gewendeten Unterfangen spiegelt sich der Geist der Sachsen. Sie neigen zu solchen fast irrealen Ausflügen in die Vergangenheit. Und sie optimieren damit ihre fesselnde Wirkung. Wenn Herkunft Zukunft sichert, dann hat man das hier erkannt und aktiv umgesetzt.

Seit der Wiedervereinigung unseres Landes hat keiner so zutreffend und in der Prognose zu präzise die Verhältnisse, die existentiellen Probleme und die Chancen Dresdens und damit Sachsens beschrieben und antizipiert wie Kurt Biedenkopf, der seinerzeitige Ministerpräsident. Vor 15 Jahren stand er im Haupttrakt dieses wiedereröffneten >Riesensaals<, der >Schatzkammer feudaler Prachtentfaltung< und hielt die Festansprache vor dem Bremer Tabak-Collegium. Er sprach über seine seit 1990 gewonnene Erfahrung auf ostdeutschem Boden. Es würde lohnen, die Einzelheiten seiner herrlich offenen und freimütigen Rede heute auszubreiten, um die Richtigkeit der Perspektive nachzuvollziehen. Aber das führte zu weit. Ich nehme nur kurz Bezug: Die Zusammenkunft, die vom damaligen Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ermöglicht wurde und durch die Peter Haßkamp als Sprecher führte, fand an der Schnittstelle zwischen Reanimierung einer fast schon verloren geglaubten Vergangenheit und einer noch kaum greifbaren Zukunft statt. In ihr warf Professor Biedenkopf aus der von DDR-Fühlen und Denken und westdeutschen Handeln nervös durchsetzen Zeit den Blick von 1998 auf 2013. Er stellte die Frage, wo werden die Deutschen 2013 sein, woraufhin müssten sie sich entwickeln, um zusammenzufinden. Denn er ging im Gegensatz zur üblichen Praxis davon aus, dass der damals aktuelle Vergleich der beiden Seiten nur sehr ungleiche, nicht zu verknüpfende Bedingungen enthalte. Diese Ungleichheit auszuhalten, war eine der schwierigsten Erfordernisse für die Menschen. Ihre Belastung würde durch den Blick nach vorn gemildert werden – das war seine These –, weil sich ja auch die westdeutsche Seite auf Veränderungen in der Zukunft einzulassen hätte, – eine taktisch und für die Menschen erträglichere, ja gnädigere Herangehensweise. Er beschrieb die Ziele, den Weg zur Wissensgesellschaft, zur Fundamentierung von Wirtschaft und Kultur und zur Vorsorge für die dramatische demographische Veränderung. Das erwies sich als Therapie, bei der alle Seiten Zutrauen zueinander fassen konnten. Damit erzeugte er jenen Ruck, der die Bereitschaft mobilisierte, voran zu kommen.

Wie sehr dies glückte, meine Herren, zeigen nicht nur die Statistiken heute, nein das erkennen wir am Selbstbewusstsein der uns begegnenden Menschen und in der Position, die Sachsen an der Spitze der deutschen Bundesländer mit eingenommen hat.

Es ist Usus beim Bremer Tabaks-Collegium, dass in der Begrüßung oder einer der Tischreden nach Querverbindungen zwischen Bremen und der Stadt unserer Zusammenkunft gefahndet wird. Doch sind sie in diesem Falle spärlich. Die Elbe fließt nun einmal nicht in die Weser, was zu sensationellen Verflechtungen hätte führen können. Man sollte aber nicht vergessen, dass 1850 198 Klaviere von Dresden nach Bremen exportiert wurden, was aber immer noch nicht zu einer Vorteilsdeutung für die eine der beiden Städte ausreicht.

Meine Herren, die „Liturgie“ des Bremer Tabak-Collegiums bildet für diesen Moment kein schlechtes Äquivalent, vor allem sorgt sie für die Dämpfung eines übereilten sächsischen Übermutes, der sich an den 198 Fortepiani festbeißen könnte: Denn das Ritual bindet uns an‘s Plattdeutsche, das hart aber wohlklingend auf das sächsische vor Ort trifft...

Ich spreche die Freundschaftsformel vor und zelebriere sie als Begrüßung des Hausherrn:
Während dessen wird Ihnen der norddeutsche Korn in den Zinnlöffel eingegossen.
Dann prosten Sie Ihrem Nachbarn mit den Worten zu:

Ick seh di (Ich sehe Dich)   Dat freut mi (Das freut mich)
Ick drink di to (Ich trinke Dir zu)   Dat do (Das tu)
  - Prost! -  
Ick heb di tosapen
(Ich hab` Dir zugetrunken)
  Hest´n Rechten drapen
(Hast den Rechten getroffen)

Nachdem Sie die Ouvertüre des Abends bestanden haben, darf ich Sie nun zum Bremischen Abendessen in der Fürstengalerie des Schlosses bitten. Wir gehen über die Englische Treppe, vorbei an der zerstörten >Justitia< von Johann Heinrich Böhme von 1692 in die erste Etage.