177. Zusammenkunft am 05. Juni 2014
in der Österreichischen Nationalbibliothek/Hofburg in Wien


 

Begrüßung – Dr. Peter Haßkamp / Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, Dr. Johanna Rachinger

Sehr verehrte Frau Generaldirektorin Dr. Rachinger, meine Herren!

Ich begrüße Sie im Namen des Kleinen Gremiums des Bremer Tabak-Collegiums im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Begrüßung, bei der entsprechend dem Protokoll des Bremer Tabak-Collegiums die Nennung einzelner Persönlichkeiten nicht vorgesehen ist, muss heute besonders kurz ausfallen, um Ihre Standfestigkeit nicht über Gebühr zu strapazieren. Denn – abweichend vom üblichen Ablauf unserer Zusammenkünfte, bei der der Gastgeber oder die Gastgeberin eine Tischrede hält, – wird Frau Dr. Rachinger nicht erst bei Tisch, sondern schon hier in diesem prächtigen Barocksaal zu Ihnen sprechen. Den Grund ahnen Sie sicher!

Frau Dr. Rachinger, Sie haben das Wort!

Sehr geehrte Herren des Bremer Tabak-Collegiums,

ich heiße Sie alle sehr herzlich willkommen hier im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Ich freue mich sehr, dass Sie – eine Gesellschaft mit einer beeindruckenden historischen Tradition – heute bei uns zu Gast sind. Ich weiß, dass die jährlichen Treffen des Bremer Tabak-Collegiums immer an sehr sorgfältig ausgewählten historischen Kulturstätten stattfinden. Insofern ist es eine Ehre für unser Haus und auch für mich, dass Sie sich dieses Mal für die ehemalige kaiserliche Hofbibliothek hier im Zentrum Wiens entschieden haben.

Erlauben Sie, dass ich Ihnen zunächst einen kurzen Einblick in die Geschichte dieses traditionsreichen Hauses gebe und Ihnen dann diesen beeindruckenden Prunksaal, einen der schönsten barocken Bibliothekssäle weltweit, etwas näher vorstelle.

Die kaiserliche Hofbibliothek in Wien war über Jahrhunderte eng mit dem Habsburgischen Herrscherhaus verbunden. 1575 bestellte Kaiser Maximilian II. den niederländischen Gelehrten Hugo Blotius zum ersten offiziellen Praefecten der Hofbibliothek. 31 weitere Praefecten bzw. Generaldirektoren sind ihm bis heute gefolgt, darunter viele bedeutende Gelehrte aus ganz Europa: etwa der Holländer Gerard van Swieten, er war übrigens auch Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, oder der bekannte polnische Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker Josef Graf Ossolinski, nach dem das bis heute existierende „Ossolineum“ in Breslau benannt ist.

Erst mit dem repräsentativen Barockbau hier am Josefsplatz erhielt die Bibliothek zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein eigenes Gebäude. Kaiser Karl VI. ließ es nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach und dessen Sohn Josef Emanuel in nur vier Jahren, zwischen 1723-26, errichten. Zur finanziellen Abdeckung der Kosten hatte er eine Sondersteuer erlassen, die Drucker für den Verkauf ihrer Kalender und Zeitungen zu entrichten hatten. Noch während der Bauphase entschied der Kaiser, diese Zeitungssteuer dauerhaft einzuführen und sie der Bibliothek als Ankaufs- und Erhaltungsbudget zu widmen - eine sehr kluge Entscheidung. Das würde uns heute auch noch freuen!

Über dem Mittelportal beim Außeneingang können Sie die kaiserliche Widmung in lateinischer Sprache lesen, übersetzt lautet sie:

„Karl von Österreich, Sohn des verewigten Kaiser Leopold, römischer Kaiser, Vater des Vaterlandes, hat nach allgemeinem Kriegsschluss zur bleibenden Förderung der Wissenschaften die ererbte Bibliothek in ihrem Bücherstand gewaltig vermehrt und in einem geräumigen Neubau der öffentlichen Nutzung übergeben. 1726“

Das ist insofern bemerkenswert, als die Bibliothek damit eine der ersten Großbibliotheken Europas war, die - trotz ihrer primären Funktion als kaiserliches Repräsentationssymbol - ausdrücklich für eine öffentlichen Benützung bestimmt wurde. Die wertvollen kaiserlichen Bücherschätze dem „gemeinen Volk“ zugänglich zu machen, war damals durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern eine sehr fortschrittliche Idee.

Der Kaiser persönlich erließ für das neue Gebäude noch im Jahr der Fertigstellung eine Bibliotheksordnung. Sie endet mit folgendem programmatischen Satz, der schon ganz den Geist der Aufklärung zeigt:

„Der Benützer braucht nichts zu bezahlen, er soll reicher von dannen gehen und öfter wiederkehren.“

Allerdings folgt darauf noch ein Nachsatz, der noch mehr im Geiste des Absolutismus steht:
„Unwissende, Diener, Faule, Schwätzer und Herumspazierer mögen fernbleiben.“

Diesen Schlusssatz finden Sie heute übrigens nicht mehr in unserer Bibliotheksordnung. Gestatten Sie mir ein paar Worte zur Architektur dieses eindrucksvollen Saales, der wohl zu den schönsten Bibliotheksbauten weltweit zählt. Zwei Langhäuser und eine zentrale Kuppel geben dem Raum eine dreiteilige Struktur, die sich auch in den von Daniel Gran (1694–1757) ausgeführten Fresken ausdrückt. Dem gesamten Saal liegt im Sinne eines barocken Gesamtkunstwerks ein sehr ausgeklügeltes ikonographisches Programm zu Grunde, dessen zentraler Inhalt die Verherrlichung Kaiser Karls VI. darstellt. Im Zentrum, hier im Mitteloval, steht seine lebensgroße Statue, gekleidet als römischer Imperator, als Schirmherr und Förderer der Wissenschaften und Künste. Umgeben ist er von einer Ahnengalerie seiner kaiserlichen Vorgänger und siegreichen Feldherren. Die Kuppel zeigt eine Apotheose Karls VI. mit einer Allegorie auf die Geschichte der Erbauung der Bibliothek.

Der Prunksaal beherbergte ursprünglich die gesamten Bestände der Hofbibliothek. Heute werden rund 200.000 historische Bücher in diesem Saal aufbewahrt. Besonders hervorzuheben ist die Bibliothek des berühmten Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen (1663–1736), die im Mitteloval aufgestellt ist. Karl VI. erwarb die berühmte Bibliotheca Eugeniana nach dem Tode des Prinzen Eugens von der Nichte und Erbin, Victoria von Savoyen. Eine sehr interessante Dame übrigens, die bis zu ihrem 52. Lebensjahr als Nonne im Kloster lebte, dann aber durch das enorme Erbe ihres Onkels schlagartig zu einer der reichsten Frauen Europas wurde. Sie erbte ein Vermögen von ungefähr zwei Millionen Gulden, dazu Schlösser, Güter, die berühmte Bibliothek und die Gemäldesammlung. Daraufhin erwachte sie zu ganz neuer Lebenslust, heiratete einen um 20 Jahre jüngeren Prinzen und verbrachte ihre verbleibenden Jahre recht vergnüglich.

Doch zurück zu diesem Saal: Wenn wir diesen prachtvollen Raum als vollkommenen Ausdruck eines barocken Lebensgefühls und kaiserlicher Machtdemonstration erleben, so stellt sich natürlich auch die Frage, wofür steht die Österreichische Nationalbibliothek heute? Immer noch ist sie neben ihrer praktischen Funktion als wissenschaftliche Bibliothek und Kulturzentrum auch ein besonderer symbolischer Ort, der sich als „Stätte der geistig-kulturellen Identität Österreichs“ definiert.

Diese symbolische, politisch exponierte Stellung von Nationalbibliotheken macht sie aber auch in besonderer Weise anfällig für politische Vereinnahmung und Missbrauch durch die herrschenden Machthaber. Das zeigte sich für dieses Haus besonders stark in der Epoche des Nationalsozialismus, in der die Bibliothek unter der Leitung eines überzeugten Nationalsozialisten stand und massiv an der systematischen Beraubung von NS-Opfern beteiligt war. Wir konnten - und darüber sind wir sehr froh - dieses dunkelste Kapitel in der Geschichte dieses Hauses im letzten Jahrzehnt gründlich und vorbehaltlos aufarbeiten und auch die Rückgaben des geraubten Gutes an die Erben der rechtmäßigen Besitzer abschließen.

Insbesondere seit 1945 fungiert die Österreichische Nationalbibliothek als wichtiger Bezugspunkt österreichischer Identität in der Zweiten Republik, einer Identität, die erst in einem mühevollen Weg der Selbsterfahrung gefunden werden musste.

In einer bekannten Wiener Operette heißt es: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist ...“* Vielleicht drückt sich in diesen Zeilen ein verführerischer Aspekt österreichischer Mentalität aus. Wir wissen aber sehr wohl, dass wir mit dem Verlust unseres kulturellen Gedächtnisses unsere Gegenwart nicht begreifen und die Zukunft nicht gestalten können. Wer sein Gedächtnis verliert, ist geistig tot. Darum haben alle Kulturen und Gesellschaften versucht, vergangenes Wissen und Wissen über Vergangenes zu bewahren und an die nächste Generation weiter zu geben. Denn wir leben als Menschen in Sinnhorizonten, die tief in unserer Vergangenheit wurzeln. In der Geschichte erkennen wir unsere Wurzeln und damit auch unsere eigene kulturelle Identität. Deshalb ist es unsere Aufgabe, diese Bestände und ihre Geschichte zu erhalten und zu erweitern und an eine nächste Generation weiter zu geben, so wie das Generationen vor uns für uns getan haben.

Eine historische Universalbibliothek – wie die unsere hier – hat den großen Vorteil, dass man zu praktisch allen vorstellbaren Themen Interessantes finden kann. Wir haben für Sie zwei passende Objekte vorbereitet: einerseits ein eindrucksvolles historisches Dokument zu jener Stadt, die Namensgeberin für Ihre Gesellschaft ist, und andererseits die vermutlich erste Abbildung der Tabakpflanze aus dem 16. Jahrhundert – wir dachten, da Sie auf den Tabakgenuss hier in unserem Haus leider völlig verzichten müssen, ist das hoffentlich ein kleiner Trost.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen noch schönen, interessanten und angenehmen Abend hier in der Wiener Hofburg.

Ich danke Ihnen, Frau Dr. Rachinger, für diese sehr tiefgehende, wie ich finde, über eine Beschreibung dieses Raumes weit hinausgehende Rede, die dann auch noch sehr humorvoll war. Ganz herzlichen Dank!

Bevor wir uns zu Tisch zum Bremer Abendbrot in den ‚Kleinen Redoutensaal‘ begeben, kann ich Ihnen, Frau Dr. Rachinger, und Ihnen, meine Herren, ein unverzichtbares Zeremoniell des Bremer Tabak-Collegiums nicht ersparen. Es stammt aus norddeutschen Marschen und Mooren, dort, wo plattdeutsch gesprochen wird. Sie, Frau Dr. Rachinger, spielen dabei die Hauptrolle.

Bitte nehmen Sie alle den Zinnlöffel, den Sie als Erinnerungsstück an den heutigen Abend behalten dürfen, in die linke, zur Faust geformte Hand und lassen ihn sich mit dem Stoff füllen, den die Bauern in unserer Gegend „Klares Wort Gottes“ nennen. Wenn alle Löffel gefüllt sind, werde ich den Trunk mit dem dazu gehörigen Wechselreim ehrfürchtig mit unserer Hausherrin zelebrieren. Anschließend sollten sich mit dem Zeremoniell vertraute Herren aus Bremen und Umgebung finden, die meinen Part des Begrüßungszeremoniells den Umstehenden gegenüber übernehmen; die übrigen Gäste bitte ich, die Worte nachzusprechen, mit denen mir gleich Frau Dr. Rachinger in perfektem Platt mit leichtem Wiener Dialekt antworten wird.

Darf ich Sie, Frau Dr. Rachinger schon mal zu mir bitten; wir warten noch ab, bis alle Löffel gefüllt sind.

Frau Dr. Rachinger,

Ick seh di (Ich sehe Dich)
 
Dat freut mi (Das freut mich)
Ick drink di to (Ich trinke Dir zu)   Dat do (Das tu)
  - Prost! -  
Ick heb di tosapen
(Ich hab` Dir zugetrunken)
  Hest´n Rechten drapen
(Hast den Rechten getroffen)

Nachdem Sie sich nun gegenseitig versichert haben, dass Sie sich freuen, sich gesehen und die Richtigen getroffen zu haben, bitte ich Sie, sich unverzüglich auf den Weg in den ‚Kleinen Redoutensaal‘ zu machen und dort, wenn Sie sich an Ihrem Tisch bekannt gemacht haben, zügig Platz zu nehmen.

* Aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss, 1874 in Wien uraufgeführt