178. Zusammenkunft am 25. September 2014
im Schloss Charlottenburg in Berlin


 

Begrüßung – Prof. Dr. h.c. Rudolf Mellinghoff

Herr Präsident des Deutschen Bundestages,
Herr Bundesinnenminister,
Sehr geehrte Herren!

Heute darf ich Sie im Namen des ‚Kleinen Gremiums‘ des Bremer Tabak-Collegiums sehr herzlich im Schloss Charlottenburg begrüßen und Ihnen einen vergnüglichen, anregenden und ertragreichen Abend wünschen.

Hier unten sieht es aus wie eine Baustelle. Oben sind die Räume schon weitergehend fertiggestellt, so dass Sie einen Eindruck bekommen, wie es später hier aussehen wird. Und wie ich gehört habe, bleibt die Renovierung im Kostenrahmen und wird auch pünktlich fertig - was man ja nicht von jedem Bau in Berlin sagen kann.

Wenn wir uns fragen, wem wir den Ort verdanken, an dem wir heute feiern, so muss als erstes die Person erwähnt werden, der dieser Ort seinen Namen verdankt.

Es handelt sich um Sophie Charlotte von Hannover - die spätere Königin von Preußen.

Vor fast genau 330 Jahren heiratete Sophie Charlotte von Hannover den damals bereits einmal verwitweten Kurprinzen Friedrich von Brandenburg - den späteren König Friedrich I. von Preußen.

Nachdem Sie ihrem Mann den ihr gehörenden Landsitz in Caputh bei Potsdam überließ, erhielt sie 1696 das Gut Lützow, das damals noch außerhalb nordwestlich von Berlin lag als Ausgleich und beauftragte den Architekten Nehring mit dem Bau der Sommerresidenz.

Als Nehring einige Monate später starb, übernahm Martin Grünberg die Bauleitung und stellte den Ursprung des heutigen Schlosses Charlottenburg fertig.

Sophie Charlotte muss eine sehr gebildete Frau gewesen sein, die neben Deutsch auch fließend Italienisch, Französisch und Englisch sprach, womit wir die erste Brücke zum Thema des heutigen Abends ‚Europa‘ haben.

Sie widmete sich der Wissenschaft und der Musik. Zu den bekannten Persönlichkeiten, die regelmäßig Gast am Hof zu Lietzenburg waren, gehörte der Philosoph Leibniz, mit dem sie sich für die Gründung einer wissenschaftlichen Akademie zu Berlin einsetzte und die auch tatsächlich dann gegründet wurde.

Wie sehr Leibniz diese Frau verehrte, dokumentierte er nach ihrem Tod. Er schrieb, dass er häufig das Gespräch mit dieser Fürstin genoss, „deren Geist und Menschlichkeit von keinem jemals übertroffen wurde [...] Die Königin besaß eine unglaubliche Kenntnis auch auf abgelegenen Gebieten und einen außerordentlichen Wissensdrang, und in unseren Gesprächen trachtete sie danach, diesen immer mehr zu befriedigen, woraus eines Tages ein nicht geringer Nutzen für die Allgemeinheit erwachsen wäre, wenn sie der Tod nicht dahingerafft hätte.“

Aber Sophie Charlotte war auch eine politisch denkende und handelnde Frau.

Politisches Herzensanliegen Kurfürst Friedrich III. war die Erringung der Königswürde. Und darin unterstütze ihn seine Frau in diplomatischer Mission und erreichte vom König von England und auch vom bayrischen Kurfürsten die Zusage, dass sie die Erhebung des Kurfürsten von Brandenburg und Herzog von Preußen zum König von Preußen anerkennen würden.

Offenbar war sie mit Friedrich über die Bedeutung und Würde dieser Ereignisse nicht immer einer Meinung. Zwar ist die Anekdote, dass sie noch während der Zeremonie zum Schnupftabak griff - und damit die erste Verbindung zum Tabak-Collegiums - nur in einem einzigen Bericht überliefert, aber andererseits schrieb sie immerhin an Leibniz, dass sie ihre geliebten philosophischen Gespräche aller Pracht und aller Krone vorziehen würde.

Sie mischte sich aber auch in die Politik ihres eigenen Landes ein. Es wird berichtet, dass sie eine Gegnerin des damaligen Premierministers Danckelmann war und an dessen Sturz maßgeblich mitgewirkt hatte.

Wie es aber bei allzu klugen und gelehrten Menschen ist, wurde ihre Einmischung in die Politik nicht lange geduldet. Dieses Phänomen lässt sich ja auch heute noch gelegentlich feststellen - ich möchte nur an den Professor von Heidelberg erinnern, der vielleicht den Fallstricken und manchen Intrigen in der Politik zum Opfer fiel.

Als Sophie Charlotte merkte, dass sie am Berliner Hof politisch nichts auszurichten vermochte, zog sie sich auf ihre Sommerresidenz in das damaligen Lützow zurück. Dort lebte sie relativ unabhängig und Friedrich I. hatte nur Zutritt, wenn sie es ihm ausdrücklich erlaubte.

Nach dem Tod von Sophie Charlotte ließ Friedrich I. das Anwesen Lietzenburg zu Ehren seiner verstorbenen Gemahlin in Charlottenburg umbenennen.

Aber man sollte nicht vermuten, dass dies aus reiner Liebe geschah - vielmehr wurde auch schon damals Symbolpolitik betrieben.

Friedrich I. war ein, in Ermangelung herausragender Ahnen und großer Taten von den Fürsten Europas, damals doch etwas belächelter Monarch. Er wollte seine 1701 erworbene Königswürde international anerkannt wissen. Indem er seine mit 37 Jahren sehr jung verstorbene Gemahlin glorifizierte, hob er die Verbindung zum dynastischen Haus Hannover hervor.

Als Schloss Charlottenburg geplant wurde, sollte auch eine Beziehung zum Berliner Stadtschloss hergestellt werden. Die Schlossstraße, die am heutigen Sophie- Charlotten-Platz beginnt, war eine repräsentative Auffahrts-Avenue, die zugleich Bezugspunkt eines auf das Stadtschloss ausgerichteten Koordinatensystems war. Leider sehen wir davon heutzutage nicht mehr sehr viel.

Aber warum erwähne ich hier in Charlottenburg das Berliner Stadtschloss?

Zum ersten haben wir hier unter uns Herrn Wilhelm von Boddien, den Vorsitzenden des Förderverein Berliner Schloss e.V. und im Übrigen auch Mitglied des ‚Kleinen Gremiums‘ und damit auch Gastgeber am heutigen Abend, der sich wie wohl kein anderer für den Aufbau des Schlosses einsetzt.

Ein wesentlicher Grund ist aber der Bezug zum Tabak-Collegium.

Tabak-Collegien waren im 17. Jahrhundert üblich, hatten ihren Ursprung wohl in den Niederlanden und sie wurden auch in den Berliner und Potsdamer Schlössern gepflegt.

König Friedrich I. von Preußen, der Ehemann von Sophie Charlotte, ließ auch schon solche Tabak-Collegien abhalten. Aber das waren eher vergnügliche Gelage und er war der Meinung, dass der Gebrauch des Tabaks „gegen alle böse Luft gut sei“.

Berühmtheit erlangte das Tabak-Collegium aber erst unter dem Soldatenkönig, seinem Sohn, Friedrich Wilhelm I. Sophie Charlotte verstand sich mit ihrem 1688 geborenen Sohn Friedrich Wilhelm nur mäßig.

Der vor allem militärisch begeisterte und schon früh seine fanatische Sparsamkeit an den Tag legende Prinz hatte für die feinsinnigen Erziehungsversuche seiner Mutter nicht viel übrig. Später meinte er von seiner Mutter verzogen worden zu sein.

Der Soldatenkönig liebte das Schloss nicht und so wurden nur die notwendigsten Unterhaltungsmaßnahmen vorgenommen. Lediglich in kalten Jahreszeiten wurden die Räume des Schlosses beheizt, damit die Paneelarbeiten und Möbel nicht verstockten.

Das freistehende Opernhaus übergab er gleich den Bürgern zum Abriss - als Material zum Bau einer neuen Schule. Wir können nur hoffen, dass solche Sparsamkeitsbemühungen in Berlin nicht Einzug halten.

Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, übernahm den Brauch des Tabak-Collegiums - allerdings in gänzlich anderer Form. In spartanisch eingerichteten Räumen; insbesondere im Königs Wusterhausener Schloss.

Allabendlich versammelte man sich dort zum Tabak-Collegium - bei schönem Wetter im Freien - und diskutierte bei reichlichem Tabak- und Alkoholgenuss bis weit nach Mitternacht über Politik, Moral, Erziehung und Religion.

Anders als im väterlichen Tabak-Collegium waren weibliche Personen nicht zugelassen. Nur die Söhne des Königs durften anwesend sein. Wer nicht rauchen wollte oder konnte, der simulierte, so wird es jedenfalls von Fürst Leopold zu Anhalt-Dessau berichtet. Ich kann Sie aber beruhigen: Sie sind heute nicht verpflichtet zu Rauchen!

Das Hofzeremoniell galt als gänzlich aufgehoben. Niemand sollte aufstehen, wenn der König eintrat, jeder sollte sagen können, was ihn bewegte. Politisches und Privates, Staatsfragen von höchster Brisanz, lockere Unterhaltung und deftige Scherze flossen ineinander.

An diese Tradition will das Bremer Tabak-Collegium anknüpfen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, vertrauliche aber liberale Gespräche über Themen des Zeitgeschehens zu führen - in dem Bewusstsein, damit der Pflege hanseatischer, insbesondere auch Bremischer Kultur und Traditionen zu dienen.

Die Bremer Kaufleute, die das Bremer Tabak-Collegium stützen, suchen das Gespräch mit herausragenden Persönlichkeiten des jeweiligen Veranstaltungsortes. Dazu begibt sich das Bremer Tabak-Collegium zweimal im Jahr auf Reisen und lädt Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft ein, um ihnen die hanseatische Kultur, Denkens- und Wesensarten näher zu bringen.

Wir sind heute in der Bundeshauptstadt, so dass wir darüber hinaus sogar die ganz große Bundespolitik unter uns haben.

Dass es den Bremern nicht auf verschwenderische Prunksucht ankommt, werden Sie nachher beim Bremer Abendbrot sehen, zu dem wir uns nach dem alten Brauch des Löffeltrunkes begeben.

Überhaupt lebt das Bremer Tabak-Collegium von festen Zeremonien. Und dazu gehört das Ritual des Löffeltrunkes.

Lassen Sie mich zunächst kurz den Ablauf schildern, bevor ich den Löffeltrunk mit dem Hausherrn, Herrn Professor Dorgerloh, hier zelebriere. Da man damals die rechte Hand immer wehrhaft bereit halten musste, nimmt man den Löffel in die linke Faust.

Nachdem eingeschenkt ist, gibt es einen feierlichen Trinkspruch, wobei ich diejenigen, die schon häufiger Gast des Tabak-Collegiums waren, bitte, die Initiative zu ergreifen.

Ick seh di (Ich sehe Dich)
Ick drink di to (Ich trinke Dir zu)
  Dat freut mi (Das freut mich)
Dat do (Das tu)
  - Prost! -  
Ick heb di tosapen
(Ich hab` Dir zugetrunken)
  Hest´n Rechten drapen
(Hast den Rechten getroffen)

Lassen Sie mich noch eine kleine Ergänzung anmerken: Aus dem umgedrehten Löffel darf nun kein Tropfen herausfallen, andernfalls muss das Ritual wiederholt werden.

Und damit kommen wir zum Löffeltrunk.