Jahresschluss-Collegium am 04. Dezember 2008 im
Rathaus der Freien Hansestadt Bremen


 

 
Begrüßung – Dr. Patrick Wendisch
 
 
Sehr geehrte Herren,
 
seien Sie herzlich willkommen zum Bremer Tabak-Collegium. Das letzte Collegium im Jahr findet immer in Bremen und immer in unserem Rathaus statt. Unser Dank geht daher an den Senat der Freien Hansestadt Bremen, der uns alljährlich völlig selbstlos Gastfreundschaft gewährt.
 
Wir danken besonders den Gästen außerhalb Bremens sehr, dass Sie sich heute zu uns gewagt haben, um sich einmal mehr unseren hanseatischen Sitten und Gebräuchen freiwillig zu unterstellen.
 
Spätestens nach dem Löffeltrunk, der aus einem im Zinnlöffel kredenzten anständigen Mittelwächter-Schnaps besteht, werden Sie begreifen, auf was Sie sich, meine Herren, damit heute eingelassen haben.
 
Ich dagegen würde es an Ihrer Stelle als gerade zu töricht betrachten, zum Tabak-Collegium zu kommen, ohne zu erahnen, was Sie erwartet. Doch ich kann Sie beruhigen. Für die meisten auswärtigen Gäste bremischer Veranstaltungen gilt: „Sie wussten nicht, was Sie erwartet, aber am Ende wurden alle Erwartungen übertroffen.“
 
Das kann schließlich nicht jede Veranstaltung von sich behaupten.
 
Meine Herren, Sie befinden sich hier in einem besonderen Haus an einer besonderen Stelle. Im Bremer Rathaus. Sie befinden sich auf 60 Meter Höhe über den Meeresspiegel. Mit dem Dom ist dies der höchste Punkt Bremens. Selbst wenn das gesamte Eis der Erde schmilzt, stehen wir immer noch 52 Meter über dem Meeresspiegel. Mit diesem Zwischenergebnis können wir doch ganz beruhigt diesen Abend heute und hier genießen.
 
Und wir dürfen feststellen, dass die Ur-Väter Bremens in weiser Voraussicht für lange Zeiträume ihr Rathaus gebaut haben. Schließlich ist das Bremer Rathaus Weltkulturerbe und aus dem Jahre 1405. Seit dieser Zeit hat dieses Rathaus, wie Sie heute Abend, viele Gäste vor Ihnen willkommen geheißen. Sie befinden sich also auf dem Boden der Tradition, nämlich in der ältesten noch existierenden Stadtrepublik der Welt, vom Vatikan einmal abgesehen.
 
Man nannte Bremen übrigens auch das Rom des Nordens, nicht weil es so prächtig war wie Rom, sondern weil Nordeuropa von Bremen aus christianisiert wurde.
 
Das Bremer Rathaus scheint eigens gebaut worden zu sein, um alljährlich den eindrucksvollen Rahmen für das Bremer Tabak-Collegium zu bieten. Der Bürgermeister, der uns hier sonst begrüßt hätte, ist in Berlin, wo es gilt eine letzte Chance eines erfolgreichen Abschlusses eines gemeinsamen und sinnvollen Projektes der großen Koalition, nämlich der Reform der Föderalen Finanzbeziehung, zu wahren oder auf 2019 zu vertagen. Angesichts der derzeit mit Milliarden um sich werfenden Bundesregierung ist es geradezu grotesk, dass Bund und Länder das Projekt an einer Verhandlungsdifferenz von weniger als einer Milliarde Euro im Jahr scheitern lassen.
 
Stattdessen begrüße ich aus dem Senat Herrn Senator Mäurer, der wiederum uns später im Namen des Senats begrüßen wird. Er ist Innensenator und ein Guter, schließlich hat er vorher als Staatsrat selbst die ganze Arbeit gemacht.
 
Mein Innensenator und ich werden sogleich die Löffel kreuzen. Damit werden Sie, Herr Senator, heute zum unerbittlichen Vollstrecker des Löffeltrunks.
 
Anschließend wechseln wir zum Bremer Abendbrot in den Festsaal des Rathauses. Dort trinken wir deftige Sachen – Bier und Schnaps, später auch Wein. Doch nicht, dass Sie auf den Gedanken kommen beim Tabak-Collegium geht es weniger um den Tabak als um flüssige Genussmittel. Nein, nein. Man kann auch ohne Alkohol lustig sein, aber „Sicher ist Sicher“ haben wir uns gedacht. Bis es dann zum glanzvollen Höhepunkt eines jeden Tabak-Collegiums kommt, zur Collegiums-Runde, die in diesem Hause natürlich in der ehrwürdigen oberen Halle des Rathauses stattfindet.
 
Diesen Saal hat der Dichter Rudolf Alexander Schröder treffend als das Heiligtum bremischen Bürgerstolzes beschrieben. Ich nenne Sie „Hall of Fame bremischer Freiheit und hanseatischer Gesinnung“. Dort sind wir so frei, dass wir sogar rauchen dürfen, den Tabak, der zum bremischen Wohlstand und Ruf so überaus beigetragen hat.
 
Das Bremer Tabak-Collegium verknüpft in einzigartiger Weise und seit vielen Jahrzehnten erfolgreich die Marke des Bremer Tabaks mit intellektuellen, philosophischen Diskursen. Heute die Collegiums-Rede unseres Genius Loci Herrn Prof. Treusch von der Jacobs University. Nach der Rede folgt Frage und manchmal Gegenrede. Es wird mit scharfen Klingen gefochten, doch stets in Fair Play und nie um den fragwürdigen Preis des Rechthabenswollens.
 
Übrigens sind wir wie immer ohne Presse. Egal was Sie sagen, es wird nicht in der Zeitung stehen.
 
Man könnte sagen, inspiriert von ähnlichen Runden von Friedrich Wilhelm I., dem Vater von Friedrich dem Großen, von dessen ganz ähnlichen Zusammenkünften wir uns den Begriff „Collegium“ entliehen haben. Die Tonpfeiffen kannten wir in Bremen sowieso.
 
Ob die Preußenkönige allerdings auch schon den Schnaps als Löffeltrunk zelebrierten, mag dahin gestellt bleiben. Wir, meine Herren, finden ihn jedenfalls ausgezeichnet.
 
Nach dem Trunk geben Sie bitte „den Löffel ab“. Dies ist keinesfalls, was Sie jetzt glauben könnten, der bremische Beitrag zur Sanierung der Rentenkasse oder zur Entlastung so mancher Pensionsrückstellung, sondern nur der Hinweis darauf, dem Servicepersonal die Inventarisierung später zu erleichtern.

Wir wollen Sie auch nicht „über den Löffel barbieren“. Dieser Ausdruck stammte aus der Zeit, als es bei Menschen durchaus auch Ihres Alters schon, meine Herren, keinen Zahnersatz gab und die Barbiere die eingefallenen Wangenknochen vermittels einem in die Mundhöhle geschobenen, umgedrehten Löffel nach außen so ausbeulten, dass eine glatte Rasur der äußeren Wangen gelang. Aber auch die übertragene Bedeutung dieses Satzes liegt uns fern, denn schließlich sind Sie zu allem eingeladen.

Sie bekommen bei uns auch keinen „hinter die Löffel“. Die Wirkung dieses Satzes kennen Sie ja bestimmt noch aus Ihrer Jugend.

Wie Sie sehen, bietet so ein Löffel allerhand Anknüpfungspunkte für eine launige Begrüßung. Aber wir können auch anders. Später wird es dann ernst. Doch einer seiner besten Verwendungen ist, wie ich finde, ihn als Werkzeug zum Löffeltrunk zu verwenden, zu dem ich nun komme. Deshalb für alle hier die unerbittliche und finale Trinkanleitung.
 
Sie stehen also Ihrem Nachbarn, den Sie völlig wahllos aus Ihrer Umgebung auswählen, gegenüber. Sie brauchen nicht viel über Ihren Nachbarn zu wissen, sollten allerdings spüren, dass er zu Jenen gehört, die von der Hast und Betriebsamkeit unserer Zeit eher unberührt geblieben sind und mit Maß und Grenzen allen menschlichen Lebens vertraut die Dinge mit ruhiger Besonnenheit betrachten.
 
Sofern Sie sich als bremischer Gastgeber betrachten oder im Löffeltrunk-Trinkspruch bewandert sind, übernehmen Sie die Initiative und schauen Ihrem Gegenüber in die Augen, was ich dem Gegenüberstehenden seinem Gegenüber, also Ihnen, die ich zuerst angesprochen hatte, auch empfehle. Sie dürfen dabei natürlich nichts verschütten, was leicht passiert, wenn Sie den bis an den Rand mit Schnaps gefüllten Löffel nicht waagerecht ausgerichtet halten.
 
Nunmehr, beide mit einem mit Schnaps befüllten und waagerecht ausgerichteten Löffel bewaffnet, eröffnen Sie frohen Mutes das Wort an Ihren besagten Gegenüber und sprechen mit sicherer, tragender Stimme:
 
„Ik seh Di.“
 
Darauf antwortet Ihr Gegenüber:
 
„Dat freut mi.“
 
Daraufhin erwidern Sie:
 
„Ik drink di to.“
 
Antwort – und bitte sprechen Sie sicher, tragend, ohne große Verzögerung oder womöglich Zittern in der Stimme, in der sich selbst Mut machenden Antwort:
 
„Dat doo.“
 
An dieser Stelle darf man auch ein schnelles:
 
„Prost“
 
einwerfen und sich mit Augenkontakt zunicken.
 
Hiernach wird der Löffel an Ihre eigene Unterlippe gesetzt und mit einem schnellen Abkippen des Nackens nach hinten, ergießt sich, übrigens in dieser Haltung völlig kleckerfrei, der Löffelinhalt seiner Bestimmung – sofern Sie mittlerweile die Lippen auch leicht geöffnet haben. Wenn Sie stattdessen den Löffel, wie bei einer Suppe, in den Mund führen oder versuchen, ihn selbst bei senkrechtem Kopf zu kippen, wird es allein schon aufgrund der äußeren kreisrunden Form des Löffels schwierig, den vollständigen Inhalt seiner Bestimmung auf angenehme und schnelle Weise zu übergeben. Sie wollen ja schließlich auch nicht schlürfen. Diese Prozedur, Sie werden es sehen, geht natürlich in der Praxis viel schneller, als ich das hier beschreibe.
 
Anschließend strahlen Sie Ihren Gegenüber im fröhlichen Bewusstsein des feinbrotigen Schnapsgeschmackes und der sich langsam wärmenden Speiseröhre, ihren neugewonnenen „Trinkkumpanen“, könnte man fast jetzt schon sagen, an und sagen:
 
„Ik heff di tosapen.“
 
Er antwortet ebenso fröhlich wie Sie:
 
„Hest den Rechten drapen.“
 
Was übrigens nicht heißt „Sie haben den richtigen Tropfen“, sondern es heißt im übertragenen Sinne „Sie haben mich als einen ebenso netten und feinen Kerl richtigerweise zum Zuprosten ausgewählt“.
 
Wenn Sie diese kleine Kurzanleitung beachten mögen, werden Sie zu den perfektesten Löffeltrunkprostern zählen, die jemals an einem Bremer Tabak-Collegium teilgenommen haben. Auf geht’s!
 
Der Bremer Löffeltrunkt wird zelebriert mit Herrn Senator Mäurer als Gastgeber im Rathaus.
 
Und nun weihe ich Sie noch in zwei Geheimnisse ein. Erstens, den Löffel müssen Sie nicht abgeben, sondern das Tabak Collegium lässt Sie diesen in unermesslicher Großzügigkeit getrost nach Hause mitnehmen. Und zweitens in das Geheimnis der oldenburgischen Variante dieses Trinkspruches. Sie stehen also Ihrem Gegenüber gegenüber und sagen:
 
„Ik seh di“.
 
Darauf antwortet dieser:
 
„Dat langt mi. Prost.“
 
Ich möchte Sie nun bitten sich gemeinsam in den Festsaal zum Bremer Abendbrot zu begeben.