178. Zusammenkunft am 25. September 2014
im Schloss Charlottenburg in Berlin


 

1. Tischrede - Prof. Dr. h.c. Rudolf Mellinghoff

Herr Präsident des Deutschen Bundestages,
Herr Bundesinnenminister,
meine sehr geehrte Herren!

Das Bremer Tabak-Collegium lebt von Traditionen und von einem Ritual. Mit dem Löffeltrunk und dem ersten Gang des Bremer Abendbrotes haben Sie den ersten Teil der Tradition kennengelernt.

Es gehört weiter zum guten Brauche, dass in der ersten Tischrede nach der Begrüßung bei auswärtigen Terminen nach einer Querverbindung zwischen Bremen und der Stadt unserer Zusammenkunft gesucht wird.

Auf den ersten Blick scheint es gar nicht so viele Verbindungen zwischen Bremen und Berlin zu geben.

In der Tat handelt es sich eher um versteckte und allgemein nicht sehr beachtete, in jüngerer Zeit aber doch deutlich hervortretende Verbindungen.

Einige dieser Funde, die ich aufgetan habe, möchte ich Ihnen präsentieren und wenn wir schon den ersten Gang des Bremer Abendbrotes, die Fischvariationen, genießen konnten, dann liegt dies auch daran, dass die Verkehrsverbindungen zwischen Bremen und Berlin inzwischen gut ausgebaut sind, und wir die 386 km in etwa 4 Stunden zurücklegen konnten.

Das war nicht immer so - denn es war nicht einfach, Bremer Waren nach Berlin zu bringen. In früheren Zeiten waren die Reisen eher beschwerlich.

Als 1709 der Senator Liberius von Line über Braunschweig nach Lüneburg fuhr, war er auf dem Hinweg acht und auf dem Rückweg sechs Tage im Wagen, zu denen bei jeder Fahrt noch einige Ruhetage und Zwischenaufenthalte kamen. Und wenn man seinem Tagebuch traut, dann gehörte eben zu diesem Zwischenaufenthalt auch ein Weg durch die Gärten von Schloss Charlottenburg.

Auch auf dem Wasserwege wurden eine Menge Waren transportiert. Der kostspieligere aber auch schnellere Landtransport lohnte aber bei einigen beliebten Fischarten - und damit die Verbindung zum ersten Gang.

Im Juli setze ein förmlicher Wettstreit, insbesondere mit den anderen Hansestädten -wir Bremer erinnern uns, dass da etwas ist, was uns immer beschäftigt - ein, wer die ersten neuen Heringe nach Berlin brachte, von denen ein Teil an den Hof und an die Minister als Ehrengeschenke gingen.

1768 konnte der bremische Agent Wever in der preußischen Hauptstadt einen großen Erfolg melden, weil noch kein Minister mit den ersten neuen Heringen versehen war. Und 1771 meldete er stolz:“ Unsere Heringe sind in der Tat die besten gewesen.“
Mehrfach bedankte sich auch Friedrich der Große für das kostbare Ehrengeschenk des Senats und ein Jahr vor seinem Tod beklagte der Agent, dass die Sendung diesmal so lange ausgeblieben seien, dass der König sich stattdessen mit - ich nehme mal an, es waren Hamburger-Bücklingen - behelfen musste.

Dieses Schicksal ist Ihnen heute nicht widerfahren; - glücklicherweise können wir heute auf fangfrischen Fisch zurückgreifen.

Aber darüber hinaus verbindet beide Städte auch Stolz auf die Unabhängigkeit und eine große gegenseitige Wertschätzung.

Zu den bekanntesten mittelalterlichen Kunstdenkmälern Deutschlands gehört der Roland von Bremen.
Die Bedeutung dieser Statur ist nicht vollständig gesichert - aber eines ist sicher, dass der Roland die Vorrechte einer freien Stadt symbolisieren sollte, sei es nun die eigene Gerichtsbarkeit oder auch die eigene Zoll- und Handelsfreiheit.

Es ist fast vergessen, dass auch Berlin einen solchen Roland hatte, der am Ende des 14. Jahrhunderts am Molkenmarkt stand. Und woher wissen wir das?

Diese Kenntnisse verdanken wir dem ältesten Berliner Stadtbuch, das wiederum eine Verbindung zu Bremen hat. Es war nach dem Zeugnis des Berliner Stadtarchivars Paul Clauswitz das wertvollste Stück des Berliners Stadtarchivs. Dass dieses Buch heute noch Bestandteil des Berliner Stadtarchivs ist, haben die Berliner der Großzügigkeit Bremens zu verdanken.

Das Berliner Stadtbuch war nach mehrfachen Eigentumswechsel 1806 in den Besitz des Syndikus des Bremer Collegiums Seniorum Johann Friedrich Gildemeister und nach dessen Tod in die Bremer Stadtbibliothek gelangt. Als der Berliner Magistrat 1835 dieses Buch den Bremern abkaufen wollte, konzipierte der Bremer Bürgermeister Johann Smidt eigenhändig das Angebot des Bremer Senats, das Buch der Stadt Berlin zurück zu schenken.
Die Berliner nahmen es „auf‘s Dankbarlichste“, so heißt es, entgegen und versprachen „das Geschenk wegen seiner Wichtigkeit für uns und nach den ehrenwerten Motiven, die denselben zu Grunde liegen, besonders wert- und hoch zu schätzen“.
Der Schwerpunkt lag allerdings auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet. Dort gibt es viele Begegnungen.

Schon damals galt übrigens Berlin als leichtlebige und für junge Menschen verführerische Stadt. Heute sprich man ja eher davon, dass die Stadt „sexy“ ist; arm war sie damals jedenfalls nicht.

Die puritanischen Bremer schickten ihre hoffnungsvollsten Kandidaten nach Berlin, die aber den Versuchungen nicht immer wiederstehen konnten.

So berichtete der schon erwähnte bremische Agent, Hofrat Wever, dass er sich bemühte, den Medizinstudenten Friedrich Bischoff zum eifrigen Vorlesungsbesuch an der Berliner Charité anzuhalten, damit er darauf ein nützlicher Bremer Bürger werden kann.

Bischoff hatte sich aber nach einem halben Jahr noch nicht einmal immatrikulieren lassen und Wever schreibt: „Was kann aber einen jungen, leichtsinnigen Menschen alles Zureden helfen, wenn er die Mädgens in der ‚Sonne‘, welches ein berüchtigtes Wirtshaus unter den Linden ist, denen Collegiis vorzuziehen inclinieret“.

Als er den Studenten heimschicken wollte erklärte dieser, dass er sich lieber eine Kugel in den Kopf schießen wolle, als nach Bremen zurück zu kehren.

Schließlich gelang es aber doch, ihn zum Studium an der Charité zu bewegen, und Bischoff kehrte als ausgebildeter Arzt nach Bremen zurück.

Die gute Zusammenarbeit auf den verschiedenen Gebieten zwischen beiden Städten lässt sich aber auch an architektonischen Bauten und Denkmälern nachweisen. Wer dabei von wessen Kunstfertigkeit profitierte, das möchte ich der Beurteilung Ihres Geschmackes überlassen. Da kann man nämlich durchaus streiten.

So ist das Haus der Bürgerschaft Bremens ein Werk des Berliners Wassili Luckhardt, der in seiner Heimatstadt durch die Bauten von Institutsgebäuden der Freien Universität bekannt wurde. Umgekehrt hat Hans Scharoun als gebürtiger Bremer mit dem Neubau der Philharmonie am Rande des Tiergartens ein markantes Gebäude in Berlin entworfen.

Und es gibt noch eine weitere architektonische oder eher skulpturale Verbindung zwischen Bremen und Berlin: und zwar sollte hier vor dem Charlottenburger Schloss ein Standbild von Friedrich III., dem 99-Tage-Kaiser, entstehen.

Louis Tuaillon hat seinen Entwurf vorgestellt, der stieß aber bald auf Widerstand, weil er mit der Tracht eines römischen Imperators dargestellt war. Dieser Entwurf gefiel jedoch dem Bremer Kaufmann Franz Schütte und er ließ das von Bildhauern noch einmal überarbeitete Modell auf eigene Kosten ausführen und schenkte es dann seiner Heimatstadt, wo es heute noch steht.

Aber kommen wir, da wir es ja nicht zu sehr in Episoden vergehen lassen wollen, zu einem sehr viel wichtigerem Thema, das Bremen und Berlin verbindet:

Ein etwas unangenehmes Thema! Unter der Überschrift: Haushaltsnotlage!

Sowohl Bremen als auch Berlin leiden unter der Haushaltsnotlage und sind als Stadtstaaten auf die gegenwärtigen Unterstützungen im Rahmen des Länderfinanzausgleichs angewiesen. Und wenn ich mich recht erinnere, ist es mindestens seit Ende der 1970er Jahre, dass man darüber entweder vor dem Bundesverfassungsgericht streitet oder neue Verhandlungen führt. Man muss sich schon überlegen, wenn eine solche Regelung immer wieder Gegenstand von Streitigkeiten ist, ob man nicht vielleicht doch eine zukunftsfähige Lösung für die Stadtstaaten findet. Denn die gegenwärtige Situation ist bedrohlich.

Die Freie Hansestadt Bremen hat mit EUR 35.966,00 je Einwohner die höchste Pro- Kopf-Verschuldung. Das Land Berlin liegt mit EUR 21.844,00 an zweiter Stelle.

Die strukturellen Ungleichgewichte bestehen ja seit Jahren, und Bremen hatte 1992 vor dem Bundesverfassungsgericht Erfolg und bekam die Sanierungshilfen zugesprochen. Bremen und dem Saarland wurde damals bescheinigt, dass sie sich in einer extremen Haushaltsnotlage befänden.

Da horchte Berlin auf und der damalige Finanzsenator, der auch heute unter uns weilt, ging dann nach Karlsruhe. Er reichte einen Normenkontrollantrag ein, um ebenfalls Sanierungshilfen zu erhalten.

Aber: das Bundesverfassungsgericht wies diesen Antrag zurück und hob hervor, dass Sanierungshilfen des Bundes und der übrigen Länder ein Fremdkörper im System des Länderfinanzausgleiches sind. Also musste sich Berlin um strukturelle Reformen bemühen.
Aber es war dann doch schon erstaunlich. Es dauerte nicht lange, ein Jahr nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, und unser sparsamer Finanzsenator schaffte es mit großen Sparanstrengungen, einen Überschuss zu erwirtschaften, was ich auch heute noch als bemerkenswert hervorheben will und was strukturell bis heute nachwirkt.

Und damit kommen wir zu einer weiteren ganz wesentlichen Verbindung der Bremer zu den Berlinern.

Denn es ist ein Bremer Kaufmann, der diese sparsame Haushaltsführung weitergeführt hat. Wir alle kennen den früheren Finanzsenator von Bremen und jetzigen Finanzsenator von Berlin, Herrn Nußbaum, der auch in diesem Jahr wiederum einen Haushaltsüberschuss erwirtschaftet konnte.

Und damit will ich die Brücke schlagen zu dem Thema des heutigen Vortrages, dem ich nicht vorgreifen will, aber der mich vielleicht zu zwei oder drei Bemerkungen veranlasst.

Denn nicht nur einzelne Länder in der Bundesrepublik Deutschland, sondern insbesondere die Länder in der Europäischen Union, in der Euro-Zone, haben eine Staatsverschuldung, die bedrohlich ist.

Wir erleben momentan einen Machtzuwachs europäischer Institutionen, des Rates der Eurogruppe und vor allem der europäischen Zentralbank, der jedenfalls unter Demokratiegesichtspunkten diskussionswürdig ist. Und das diese Diskussion vor dem Bundesverfassungsgericht nicht nur zu klagabweisenden Urteilen, sondern auch zu einer Vorlage an den Gerichtshof der Europäischen Union geführt hat, zeigt, welche Probleme wir in diesem Zusammenhang haben. Ein Problem, das vielleicht sogar eine Bedrohung unserer Demokratie werden kann oder bereits ist.

Mit diesem kleinen Hinweis möchte ich schließen und dies als kleines „Appetithäppchen“ für den Vortrag des heutigen Abends des Bundestagspräsidenten stehen lassen.

Ihnen wünsche ich nun einen schönen zweiten Gang. Im Anschluss daran wird der Hausherr eine Rede halten und nach dem dritten Gang werden wir dann in die Orangerie gehen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.