179. Zusammenkunft am 04. Juni 2015
im Schloss Glücksburg


 

1. Tischrede - Prof. Dr. Herwig Guratzsch

Nun hat gerade das Gespräch unter uns seinen Lauf genommen, und schon drängt sich die Tischrede des Sprechers auf:

Liebe Herren!

Der Raum, der uns umgibt, der ursprünglich Rote Saal, den wir über die altertümliche Wendeltreppe erreicht haben, könnte im ersten Moment den Gedanken schärfen, mit welchem Widersinn wir es im Blick auf das Chinathema zu tun haben: In diesem ästhetisch wohlproportionierten, aber doch eher kleinen Schloss mit den niedrig gehaltenen Tonnengewölben wollen wir Großdimensionen der Geistes- und Wirtschaftsgeschichte Chinas bedenken, die schon von Napoleon als gigantisch beurteilt wurden. Seine Horrorthese steht über dem Abend, dass „die Welt erzittern wird, wenn China erwacht“.

Der Kontrast kann kaum heftiger sein: Die Beschaulichkeit, die Augenlust gegenüber dem Glücksburger Schloss, das romantisch bis zur 45 Cent-Briefmarke der Deutschen Bundespost reicht, aber eben sonderbar entlegen und bescheiden den Norden ziert und dann dieses starke Kardinalthema. Und doch, wenn Sie allein an Caspar David Friedrichs asketisch graues, nur zehn Quadratmeter messende Atelier denken, wie es der Güstrower Maler Kersting authentisch festgehalten hat und sich vorstellen, wie in dieser spartanischen Miniaturwelt die völlig entgrenzte, ins Unermessliche gehende Weite von Landschaft erfasst wurde, dann spüren Sie, wie im Kleinen das Große entwickelt werden kann, wie es unser Denken, unsere Wahrnehmungen belebend öffnet und überschreitet. Solches erwarten wir über China von den beiden im Dialog sich begegnenden Kombattanten, Tilman Spengler und Manfred Osten, zu hören, wenn sie ihre Kenntnisse ausbreiten.

Indem wir diesen Kontrast beschreiben, liefert uns das Glücksburger Herzoghaus eine passende Analogie: Es stand nicht gerade im Zentrum der Großpolitik. Seine Herzöge, Prinzen und Prinzessinnen bildeten nicht den königlichen Sternenhimmel Europas. Aber das sensationelle Netzwerk, die Verzweigungen in der Verwandtschaftsvielfalt des Glücksburger Hauses mit den europäischen Höfen, ist staunenswert. Die kühne Beharrlichkeit, aus ungleich komplizierteren Verhältnissen ein „Dennoch“ in die Waagschale der Geschichte zu werfen, ruft Bewunderung hervor. Das wird uns noch deutlicher mit der Tischrede Prinz Alexanders werden.

Auch die Anfänge der Glücksburger mit Johann d.J. (1545 – 1622), der verkürzt als Hans d.J. in die Annalen einging, spiegelt das wider. Sie erkennen ihn auf der kleine Menükarte vor sich mit seiner Gemahlin Elisabeth aus dem Braunschweiger Fürstenhaus. Er war das dritte Kind des dänischen Königs Christian III. und hatte kaum Chancen, vom herrschaftlichen Segen etwas abzubekommen. Die Herzogtümer waren bereits aufgeteilt. Die kleinen Territorien, die für ihn übrigblieben – Sonderburg, Norburg, Plön – waren noch als Leibgedinge (Witwenpensionen) an Mutter und Großmutter gebunden. Von seinem Bruder Friedrich, der seinem Vater Christian auf den dänischen Thron gefolgt war, sollten jährlich 9400.- Mark an ihn ausgezahlt werden. Aber der Krieg mit Schweden machte das unmöglich. In dieser trüben Lage schickte man den jungen Hans auf Auslandsreise. - Da begann sich das Blatt zu wenden. Er besuchte u.a. seine Schwester Anna in Dresden, die mit dem vermögenden Kurfürst August von Sachsen verheiratet war (nicht zu verwechseln mit dem 100 Jahre später regierenden August d. Starken). Am sächsischen Hof mag Hans, dank der Begegnung mit Moritzburg bei Dresden, die Anregung zu den vier Außenecktürmen beim späteren Schlossbau in Glücksburg empfangen, aber auch französische Vorbilder mögen auf ihn gewirkt haben. Und er erlebte Resonanz, als er beim Besuch des Augsburger Reichstags 1566 Eindruck auf Kaiser Maximilian machte, der ihm anbot, am Kaiserhof zu bleiben. Daraus wurde aber nichts, so gern er dem Ruf gefolgt wäre, weil seine Mutter dagegen war, womit wieder einmal belegt wird, wie stark nicht nur mütterlicher Einfluss, sondern überhaupt die Rolle der Frau sein kann und eben auch ist. Sie erinnern sich vielleicht, meine Herren, dass das von Vicco von Bülow in seinen diesbezüglichen scharfsichtigen Analysen so formuliert wurde: „Die Frau vermochte erst nach Jahrtausenden der Unterdrückung eine Position einzunehmen, die ihr seit jeher zustand. Heute ist sie aus dem privaten und öffentlichen Leben kaum mehr wegzudenken.“

Meine Herren, lassen Sie uns zurückkehren zu Herzog Hans d.J., denn gern nehme ich die Gelegenheit wahr, die über 400jährige Geschichte des Schlosses und seines tapferen Erbauers hier vor Ihnen lückenlos auszubreiten: Ihm ist es aus den engen, unausreichenden Voraussetzungen in der Folge gelungen, die Glücksburger zu enormer Entfaltung zu führen. Das Schloss, zwischen 1582 und 1587, also in knapp fünf Jahren erbaut, ist nur eines der von ihm erbauten Schlösser (die anderen existieren leider nicht mehr). Und man darf an dieser Stelle auch vorsichtig darauf hinweisen, dass er mit Elisabeth 15 Kinder in 17 Jahren zur Welt brachte und mit seiner zweiten Frau, der 14jährigen Agnes Hedwig (Sie hören richtig!), der Witwe des erwähnten Kurfürsten von Sachsen, weitere 9 Kinder; - ein Beitrag, der in jüngeren Zeiten in China wohl eher auf Ablehnung stoßen würde.

Wenn Sie noch einmal die kleine Menükarte zur Hand nehmen und genauer auf das Herzogspaar schauen, dann fällt Ihnen die schwere Goldkette mit Rubinen und Smaragden bei Elisabeth auf, und es wird deutlich, welche Dominanz die rote Dame ausstrahlt. Es handelt sich um ein nobles Geschenk zu ihrer Hochzeit im August 1568. Das andere Geschenk, vom dänischen König Friedrich II., seinem Bruder Hans, dem Bräutigam, überbracht, können Sie auf dem Bild nicht erkennen, aber es ist dokumentiert: 7500 Liter Wein. Ich will nicht forsch erscheinen, aber ich glaube in Ihrer aller Sinn zu sprechen, wenn ich Prinz Alexander bitte, den schweren Schlüssel zum Weinkeller am Schluss seiner Tischrede bereitzuhalten, denn es erscheint ausgeschlossen, dass dieser Vorrat leergetrunken wurde.

Und damit, meine Herren, komme ich zu einem zweiten (und letzten) Punkt der Rede, zum Begriff „Glücksburg“. Man kann auf Glücksburg nicht sprechen, ohne diesem Sehnsuchtsbegriff auf der Spur zu sein. Man fragt sich, wie kam es zur Namensschöpfung für dieses Schloss? Auch dafür könnte ein sächsisches Vorbild auf Hans gewirkt haben, denn nicht weit von Wittenberg hatte sein Schwager, der schon genannte sächsische Kurfürst August, zehn Jahre früher ein Schloss gebaut, das diesen Namen trug. Der Begriffs-Import hatte aber für Hans d.J. offenbar fundamentalere Bedeutung, denn seit er sein Schloss im Dezember 1582 mit dem Architekten Nicolaus Karies baute, muss es auch sehr bald schon zu den menetekelartigen fünf Groß-Buchstaben gekommen sein, die am Portal und im Wappen des Herzogs ihren Platz fanden: >GGGMF<. GGGMF für >Gott gebe Glück mit Frieden<.

Hans wusste so gut wie wir, dass Glück menschlicherseits nicht herstellbar ist und dass es keine sicheren Glücksanleitungen gibt. Glück und Unglück sind Äquivalente, deren Grenzen wir nicht kennen. Uns heute ist das nicht weniger klar. Wir wissen, dass wir noch so viele diesbezüglichen „Machbarkeitsstudien“ in Auftrag geben könnten, die „Glück“ produzieren sollen, sie würden versagen. Auch Voltaires Maxime, >Da es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein<, hilft nicht weiter, denn „beschließen“ kann man in der Sache wenig!. - Dass „Glück“ etwas Flüchtiges, eben noch gerade am Zipfel Erhaschbares und dann doch schnell wieder Verfliegendes ist, so wie das Hofmannsthal für die „Zeit“ diagnostiziert, die durch die Finger rieselt, das wird nie anders gedeutet worden sein. Und dass Glück in Momenten, wo man glauben können müsste, es sei da, gar nicht mehr als solches erkannt wird, weil sich Skepsis, ja Überdruss dazwischen drängen, - dessen werden wir meist erst dann gewahr, wenn es zu spät ist. Goethe hat das in „Tasso“ treffend zum Ausdruck gebracht. Und auch wenn ich weiß, dass es in Gegenwart des Goethe- Enthusiasten Manfred Osten vermessen erscheint, den Weimarer zu zitieren, kann ich darauf nicht verzichten: >Es gibt ein Glück, allein wir kennen’s nicht, wir kennen’s wohl und wissen’s nicht zu schätzen<.

Mit dem GGGMF bindet Hans d.J. Glück an Frieden. „Frieden“ herbeizuwünschen, war in den Zeiten der andauernden Kriege eine Standartdevise. Dieser Herzog der Nachlutherzeit lebte als Betroffener, unmittelbar Bedrohter, beständig unter diesem angsterzeugenden Druck des Krieges, der bei uns durch die 70jährige Friedenszeit im Verbalen nur noch zur verdünnten Leerhülse geschrumpft ist. „Frieden“ allein aber war ihm zu wenig. Er meinte „Glück mit Frieden“.
Sich „Glück mit Frieden“ von Gott zu wünschen, diese wunderbare Kombination, das möchte man, dass es sich immer und dauerhaft erfüllt (gern vermeide ich das abgenutzte Wort „nachhaltig“). Sooft man durch dieses Schloss-Portal geht, sooft Generationen von Glücksburgern hindurchgegangen sind - heute Sie, meine Herren, und ich –, sollten sich die Gedanken und Hoffnungen damit verschwistern!

Nach solchen Betrachtungen wäre es kein Fehler, Sie mit „Glückliche Herren“ anzureden, zumal sich Ihre Geduld im Warten auf den nächsten Gang des Bremer Abendessens nunmehr zu erfüllen beginnt. Ich wünsche guten Appetit und erfreuliche Gespräche!