178. Zusammenkunft am 25. September 2014
im Schloss Charlottenburg in Berlin


 

2. Tischrede - Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten,
Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh

Herr Bundestagspräsident, Herr Minister, Exzellenzen, lieber Herr Kollege
Mellinghoff, meine sehr geehrten Herren!


Seit zweieinhalbtausend Jahren, seit Herodot wissen wir, es gehört zum Beruf des Historikers oder des Kunsthistorikers, den Blick auf das Vergangene nicht nur zu richten, sondern mehr noch, das Vergangene zu erforschen und darzustellen.

Dabei ist uns vielleicht nicht immer bewusst, wie stark Aspekte und Themen der Gegenwart, manchmal sogar der aktuellen Politik, unseren Blick auf die Geschichte lenken und so die Darstellung und die Erforschung des Vergangene beeinflussen.

Das – so meine ich – muss man sich insbesondere dann vor Augen führen, wenn man die Lehren aus der Geschichte ziehen will, was immer man damit meint.

Ich will aber mit Ihnen heute Abend den Blick nicht gemeinsam auf die Krim-Krise oder auf die Schottland-Abstimmung richten, sondern nur auf den Ort dieses 178. Bremer Tabak-Collegiums, das Schloss Charlottenburg.

Obwohl hier auch mal Peter der Große zu Gast war und ein für dieses Haus bestimmtes Bernsteinzimmer geschenkt bekam. Oder, obwohl die heute schon erwähnte Bauherrin Sophie Charlotte, die Schwester des ersten britischen Königs war, der genau sieben Jahre nach dem dem Act of Union König des vereinigten Großbritanniens wurde.

Also es gebe durchaus auch da Möglichkeiten, historische Bezüge herzustellen.

Mein erster von drei Blicken oder Rückblicken geht deshalb zunächst auch nur 27 Jahre zurück auf die 124. Zusammenkunft des Bremer Tabak-Collegiums – und Sie wissen sofort, was ich meine – nämlich die, die 1987 anlässlich der 750 Jahrfeier hier in Berlin im Schloss Charlottenburg stattfand.

Eberhard Diepgen, damals Berlins regierender Bürgermeister, hielt eine Tischrede, in einer geteilten Stadt, Berlin, in einem geteilten Deutschland in einem geteilten Europa, in dem sich zwei Machtblöcke eisern gegenüber standen. Eine Rede, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Heute ein historisches Dokument mit Blick auf 25 Jahre friedliche Revolution in ganz besonderer Weise – und da kann sie auch anders gelesen werden, wenn z.B. Eberhard Diepgen damals sagte, ich zitiere: „von Berlin aus muss Freiheit genutzt werden“.

Seitdem hat sich, meine Herren, vieles verändert in der Welt, in Europa, in Deutschland, in Berlin und auch bei den preußischen Schlössern und Gärten auch wenn man meint, dass so etwas, wie Schloss und Park Charlottenburg quasi ein unverrückbares von den Zeitläufen unbeeinflusstes Monument sei.

1995 z.B. haben die Länder Berlin und Brandenburg die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gegründet. Gemeinsam mit dem Bund finanzieren sie sie auch und zwar in der Tradition der nach dem Ende der Monarchie 1927 gegründeten Preußischen Schlösserverwaltung.

Und in dieser Stiftung heute ist Charlottenburg wieder ein Teil einer Residenzlandschaft, die weit in Brandenburg und in Berlin verankert und beheimatet ist, die sich weit entlang an Spree und Havel zieht von Rheinsberg bis nach Königs Wusterhausen, von Sanssouci bis nach Cecilienhof, von der Pfaueninsel bis in den Grunewald. Und überhaupt – die Flüsse. Die Flüsse haben immer eine große Rolle hier in dieser Region gespielt. Über die Flüsse kamen z.B. die Könige von Berlin nach Charlottenburg.

Wer heute von hier – das kann man jeden Tag beobachten – auf einem der immer zahlreicher werdenden Ausflugsdampfer die Spree entlang schippert und dabei am Reichstag und am Kanzleramt vorbei kommt, am Hauptbahnhof und an der Friedrichsstraße, der kann ermessen, wie rasant sich seit 1987, seit diesem 124. Bremer Tabak-Collegiums die Stadt hier an der Spree verändert hat.

Und es ist ja nicht nur die Stadtgestalt. Es ist die Mentalität der Stadt, das Selbstverständnis, das politische Leben, die Medienwelt, die kulturelle Landkarte – all das hat Auswirkungen auf das Schloss Charlottenburg und auf unsere Arbeit hier im Schloss und am Schloss.

Das betrifft z.B. die Sammlung. Nach 1990 war es möglich, Kunstwerke an ihren angestammten Ort zurückzubringen. So kehrte z.B. die Bibliothek von Friedrich dem Großen aus Charlottenburg nach Sanssouci zurück. Hier hatte sie die Nachkriegszeit und die Teilung überdauert. Dafür kamen im Umkehrschluss Gemälde von Antoine Watteau aus Potsdam hierher.

Das betrifft auch die Gärten. Die Wasserqualität ist inzwischen so gut geworden, dass wir wieder Bieber im Schlossgarten von Charlottenburg haben. Possierliche Tierchen – nicht zur Freude unserer Gärtnerinnen und Gärtner. Es gibt aber inzwischen eine Fangemeinde, die sich hier regelmäßig in der Dämmerung einfindet, um diese zurückgekehrten Nager zu bewundern. Und ich könnte auch noch über andere Gäste berichten, die uns die globale ökologische Invasion hier ungebetener Weise in den Park bringt.

Aber die Veränderungen betreffen natürlich auch die touristische Struktur, unsere Besucherinnen und Besucher. Ungefähr eine halbe Million Besucher kommen jedes Jahr nach Charlottenburg. Das ist übrigens das Schloss mit dem höchsten Anteil ausländischer Besucher in ganz Berlin. Über 60% der Besucherinnen und Besucher kommen heute aus dem Ausland.

Aber sie kommen eben nicht nur nach Charlottenburg des Schlosses wegen, sondern auch z.B. in die Museen der Moderne, in das Museum Berggruen, in die Sammlung Scharf-Gerstenberg, auf der anderen Seite des Spandauer Damms. Museen, die unsere große Schwester, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dort auch erst nach 1987, nach 1990 mit neuerworbenen Sammlungen hat einrichten können. Und wo damals, als das Tabak-Collegium hier stattfand, noch die Nofretete stand.

Mein zweiter Blick geht in das Jahr 1972 zurück. 44 Jahre zurück. Und er geht zugleich nach oben.

Damals, 1972 malte Hann Trier, ein Berliner Maler, diese Decke als zeitgenössische, abstrakte Paraphrase eines 230 Jahre zuvor entstandenen Bildes von Antoine Pesne, das in der Bombennacht des November 1943 mit weiten Teilen dieses Schlosses zerstört wurde.

Es war hier eine Darstellung des Hochzeitsmahles von Peleus und Thetis dargestellt. Eine spannende Geschichte übrigens, die dann schließlich zum Urteil des Paris führt. Wir wissen, das schließlich führt zum Raub der Helena und war der Auslöser des Trojanischen Krieges.

Das spannte sich hier über den Thron- und Festsaal Friedrichs des Großen, denn dieser deshalb auch ‚Neuer Flügel‘ genannte Teil von Charlottenburg war der erste Bau, den Friedrich nach seiner Thronbesteigung 1740 errichtete, ausgehend von unverwirklichten Plänen seines Großvaters.

Das Schloss und dieses Deckengemälde von Hann Trier ist dafür ein beredtes Zeugnis. Ist eines der großen Monumente, eine der großen Leistungen der Denkmalspflege in Deutschland in der Nachkriegszeit. Eine der großen Wiederaufbauleistungen in der Republik und untrennbar verbunden mit dem Namen Margarethe Kühn, die damals 1987 übrigens ausnahmsweise als einzige Dame an dem Bremer Tabak-Collegium hat teilnehmen dürfen.

Tatsächlich war sie nämlich diejenige, die hier im Schloss die Hosen anhatte, denn ohne sie wäre es zu diesem Wiederaufbau nicht gekommen, der angesichts der Sprengung des Berliner Schlosses in der Mitte der Stadt und des Potsdamer Stadtschlosses eine Symbolfunktion bekam , eine Symbolbedeutung für die freie Welt. Ein politisches Symbol und insofern war es auch kein Wunder, dass der Senat von Berlin, dem damals noch geteilten Berlin, hierher alle Staatsgäste einlud. Alle amerikanischen Präsidenten, die Queen und viele anderen Staatsgäste sind hier empfangen worden, in diesem wieder aufgebauten Schloss.

Vieles wurde rekonstruiert. Das Deckengemälde nicht. Ein zeitgenössischer Kommentar. Eine bewusste Zutat. Sie sehen, die Rahmung analog einer verlorengegangenen barocken Stuckatur und darin eine freie, abstrakte Gestaltung.

Auch ein Respekt vor einer unwiederholbaren künstlerischen Leistung der Vergangenheit.

Damit spiegelt dieser Ort, insbesondere aber auch dieser weiße Saal, auch eine der großen Debatten unter Denkmalpflegern, Kunsthistorikern und Politikern wieder (es gibt Beschlüsse des Berliners Senates zur Gestaltung dieses Deckenbildes, die dann nicht umgesetzt wurden) jedenfalls eine Diskussion, die vor dem Hintergrund der aktuellen Rekonstruktionsdebatten in der Bundesrepublik von zwingender Aktualität ist. Ich denke da an eine Debatte am Sitz unserer Stiftung, wo es um einen anderen preußischen Ereignisort geht, nämlich den Wiederaufbau der Garnisionkirche.

Heute steht in Potsdam das Landtagsschloss wieder. In Berlin entsteht das Schloss Humboldt-Forum. Beide schärfen unseren Blick auf Charlottenburg und unseren Blick auf das Original, auf den authentischen Ort.



Aber, was heißt eigentlich Original? Für uns, meine Herren, ist das, was wir heute haben in diesem weißen Saal das Original.

Wir haben uns ganz bewusst entschieden, diese große Wiederaufbauleistung der deutschen Nachkriegs-Denkmalpflege als Originales Dokumentes zu erhalten und das heißt durchaus mit seinen problematischen Teilen, mit seinen Ecken und Ösen, und wir haben deshalb uns auch entschieden, bei den derzeit stattfindenden Instandsetzungsprozess uns genau an diesem Wiederaufbauresultat zu orientieren und es nicht besser oder anders zu machen, als in den 50er und 60er Jahren unsere Kollegen hier entschieden haben. Wenngleich wir uns die eine oder andere Verbesserung dann doch nicht verkneifen konnten, z.B. die energetische Gesamtverbesserung hier in diesem neuen Flügel.

Wir haben gerade im vergangenen Jahr mit einer Grundinstandsetzung der Hülle begonnen und wir sind sehr froh, dass uns das so gut gelungen ist bislang im Rahmen eines 10jährigen Sonderinvestitionsprogramms, das der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg für die Preußischen Schlösser und Gärten zur Verfügung gestellt haben.

Und, ich glaube in Berlin ist so ein Hinweis gestattet, wir haben eine eigene Bauverwaltung, das heißt, wir haben Lust und Last dieser Bauaufgaben im eigenen Haus, können aber deshalb auch im Zeit- und Kostenrahmen bleiben.

Da uns die Kosten manchmal wichtiger sind, als die Zeit, wird man, wie geplant ab Weihnachten auch wieder den ganzen ‚Neuen Flügel‘ besichtigen können.

Das Tabak-Collegium ist die erste Veranstaltung nach einem weitgehenden Abschluss der Restaurierungsmaßnahmen Außen und teilweise auch Innen. Aber wir haben dann doch eher auf die Kosten geguckt und es ist der guten Baukonjunktur in Berlin geschuldet, dass wir momentan hier wenig gute Firmen kriegen oder zu Preisen, die wir nicht bereit sind zu zahlen, und deshalb sind wir noch nicht an allen Punkten so weit, wie wir sein wollten. Aber ich denke nicht nur die Bremer Kaufleute unter Ihnen werden für diese preußische Haltung Verständnis haben.

Wenn wir bis 2017 diese Hüllensanierung abgeschlossen haben werden, dann stehen andere Projekte an, z.B. im Bereich des Besucherservice, Themen wie Barrierefreiheit und anderes, die damals – weder zu Zeiten Friedrichs des Großen noch in der Nachkriegssituation eine Rolle gespielt haben – ohne die es aber heute nicht mehr geht.

Denn: wir stehen heute in einem heftigen internationalen Wettbewerb. Anstelle des Jetset gibt es heute den Easyjetset, sagt unser Marketing-Chef immer. Und die Generation der Easyjetsetter entscheidet sich zum Teil ziemlich spontan, wo sie hinfliegt übers Wochenende und da stehen wir halt in der Konkurrenz mit Versaille, mit Schönbrunn, mit Peterhof, mit Madrid und da entscheidet im Endeffekt nicht nur der Glanz der Häuser, sondern vor allen Dingen auch der Service und die Vermittlungsangebote.

Mein letzter Blick, meine Herren, geht 599 Jahre zurück. Damals im Jahre 1415 belehnte der Kaiser in Konstanz die Burggrafen von Nürnberg mit dem ziemlich heruntergekommenen Kurfürstentum hier in Brandenburg. Nichtahnend, dass die Hohenzollern hier einmal selbst Kaiser eines dann ganz anderen Deutschen Reiches werden würden.
Die Entwicklung dieser Dynastie schlägt sich in diesem Schloss nieder. In einem Schloss, in dem sieben Generationen von Hohenzollern sich baulich verwirklich haben. Vom ersten preußischen König bis zum letzten Kaiser.

Wenn Sie so wollen, ist Charlottenburg auch ein Spiegel des Aufstieges Preußens und des Hauses Hohenzollern, von der Regionalmacht zu einem Global-Player, was dann in der Katastrophe des ersten Weltkrieges endete.

Die Anfänge dieses Schlosses aber - wir haben es von Ihnen gehört Herr Mellinghoff - die gehen aber eigentlich auf eine Frau zurück. Sophie Charlotte aus dem Hause Hannover.

Und ohne Frauen gäbe es diese Hohenzollern-Dynastie nicht. Sie wird bisher bloß in den Geschichtsbüchern weitgehend als Geschichte von erfolgreichen Männern erzählt.

Wir haben uns deshalb entschieden, die große Jubiläumsausstellung im nächsten Jahr, den Frauen zu widmen. Den großen Frauen bei den Hohenzollern. Der Titel der Ausstellung hier im Schloss Charlottenburg wird sein: FRAUENSACHE. Wie Brandenburg Preußen wurde.

Denn es wird bei genauerem Hinsehen sehr schnell deutlich, dass es vor allen Dingen die Frauen waren, die den Hohenzollern-Hof mit den europäischen Dynastien vernetzten, die zu anderen Höfen Beziehungen unterhielten, die hier Berlin-Brandenburg Internationalität verschafften.

Elisabeth Christine, die Frau von Friedrich dem Großen, stand eben nicht in dessen Schatten, wie wir gemeinhin meinen, sondern, die hatten eine gut funktionierende Arbeitsteilung.

Elisabeth von Dänemark. Ohne sie gäbe es keinen Protestantismus hier am Hohenzollern- Hof.

Anna von Preußen und ihrer beherzten Diplomatie verdankt man überhaupt Preußen und die Erbschaftsansprüche auf niederrheinische Territorien. Sie hat Mark, Kleve und Ravensberg mit in diese Dynastie eingebracht. Ohne die gäbe es die charakteristische und später auch problematische Ost-West-Ausdehnung von Brandenburg-Preußen gar nicht.

Oder denken Sie an Vicky, die älteste Tochter von Queen Victoria, die als Frau des 99-Tage-Kaisers ganz entscheidend im späten 19. Jahrhundert das Bild von Preußen und von Deutschland im In- und Ausland bestimmt hat.

Wenn Sie mehr über diese starken Frauen wissen wollen, kommen Sie einfach nächstes Jahr wieder hierher nach Charlottenburg. Sie sind herzlich eingeladen, Sie müssen nicht warten bis zum nächsten Tabak-Collegium, wann immer das auch sein mag.

Egal wann, ich wünsche Ihnen und uns, dass man dann in Erfahrung einer starken europäischen Verfasstheit und mit dem Wissen um eine starke Europäische Union unsere Reden von heute als historische Dokumente liest.

Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben!