172. Zusammenkunft am 06. Oktober 2011
in der Bayerischen Staatsbibliothek zu München


 

Vortrag: Prof. Dr.-Ing. Hans-Jörg Bullinger

„Menschen brauchen Zukunft – Zukunft braucht Innovation“

Meine Herren,

ich weiß die Ehre zu schätzen, in diesem Kreis zu Ihnen sprechen zu dürfen und ich muss zunächst den Organisatoren dankbar sein, zuforderst Herrn Prof. Saur für die Zuweisung zu dieser bevorzugten Tageszeit für diese Rede. Es entspricht meiner langjährigen Erfahrung, dass die Teilnehmer doch dann wesentlich sanfter und nicht so aggressiv mit den Rednern umgehen.

Wir haben auch ein Thema miteinander ausgewählt, das nicht zur Aggressivität Anlass gibt, aber doch möglicherweise entscheidenden Einfluss haben wird, wie wir in der Zukunft leben, und wie es uns gelingt, diese Gesellschaft weiterzuentwickeln. Wir wollen ein wenig darüber sprechen, was wir denn tun könnten, um über Innovationen eine bessere Zukunft zu erreichen.

Wenn wir heute mit den Unternehmen sprechen, dann höre ich allendhalben vor der Sorge nach der Innovation - da halten sie sich für sehr gut - die Sorge, wie es wohl weitergehen wird. Viele befürchten, dass die anhaltende Krise im Finanzbereich die gute Konjunktur in der Wirtschaft negativ beeinflussen könnte. Wenn wir über einen längeren Zeitraum die Entwicklung der Weltwirtschaft betrachten, dann erhalten wir nur eine gesicherte Erkenntnis, es geht auf und ab. Und wir können voraussagen, dass es auch in der Zukunft auf und ab gehen wird!

Nun, ist es vor gar nicht allzu langer Zeit stark bergab gegangen, mit Begleiterscheinungen, die wir so nicht kannten. Zum einen trat die Krise plötzlich weltweit auf: Es nützte also gar nicht, wenn man hier in Europa nicht voran kam, sich auf Asien oder Lateinamerika zu stürzen. Zum anderen war es eine Krise der Finanzwirtschaft, so dass es plötzlich schwierig war, das durchzufinanzieren.

Jetzt hat sich die Wirtschaft erstaunlich gut erholt. Dafür gibt es viele Faktoren. Ich denke ein paar sollte man nennen: Einer ist sicher, dass wir der Verlockung, uns nur noch auf die Dienstleistung zu konzentrieren, nicht ganz erlegen sind. Ich glaube persönlich - um nicht missverstanden zu werden - dass wir sehr wohl einen Aufholbedarf in Deutschland haben an wissensintensiven qualifizierten Dienstleistungen, aber ich halte es für sehr gefährlich, deshalb die Produktion geringzuschätzen oder gar ganz aufzugeben.

Wir brauchen die Produktion für die Wertschöpfung in diesem Land und können uns nicht damit begnügen, Pizza zu liefern und uns wechselseitig die Haare zu schneiden. Das wird nicht reichen, um das Land nach vorne zu bringen. Ich glaube also, dass einer der Gründe, warum wir schneller rauskamen, die gute Produktionsbasis ist.

Ein zweiter Grund hat viel mit unserem Thema Innovation zu tun. Ich kenne kein Unternehmen, das in dieser Zeit der Krise sein Bemühen um neue Produkte eingestellt hat. Es gab auch so gut wie keine Entlassungen in den Bereichen Entwicklung und Konstruktion. Auch wir bei Fraunhofer haben in den Krisenjahren 3.000 Leute zusätzlich eingestellt, die hätten wir nicht einstellen können, wenn es nicht diesen Bedarf aus der Wirtschaft gegeben hätte.

Trotz allem, kaum war die Krise vorbei, standen die Unternehmer wieder im Blickpunkt der Medien, weil sie so viel verlagern würden, so viel in Asien und in Osteuropa investieren würden!
Man konnte den Eindruck gewinnen, als ob wir über Nacht zu faul oder zu dumm geworden wären, hier unser Geschäft gut zu machen und das nur noch in Billiglohnländern möglich wäre. Ich denke, dass das gar nicht unser Problem ist. Unser Problem ist, dass die anderen so viel besser geworden sind und wir uns in breiten Kreisen der Gesellschaft hartnäckig weigern, das zur Kenntnis zu nehmen!

Wir haben unsere Kunden in China, in Lateinamerika und in Osteuropa über 30 Jahre lang trainiert, haben ihnen unsere besten Maschinen und Anlagen verkauft. Und stellen Sie sich vor, was die jetzt machen? Jetzt setzen sie die ein….! Und wir reiben wir uns irritiert die Augen und begreifen – hoffentlich endlich, dass es wohl nichts werden wird, wenn wir hier am Standort Deutschland nur das Gleiche herstellen und produzieren, was die andern auch können - viel billiger und mit erstaunlicher, wenn auch nicht mit vergleichbarer, Qualität! Wo soll da die Differenz an Lebensstandard herkommen.
Es gibt zwei Lösungsmöglichkeiten. Eine ist, wir gehen zurück auf den Lebensstandard in Rumänien, in Mexiko, in Vietnam, in China. Da kann ich wenig Bereitschaft erkennen. Wenn wir das nicht wollen - ich will es auch nicht, dann gibt es eigentlich nur einen Lösungsweg und damit sind wir mitten in unserem Thema: Wir werden um so viel schneller und besser sein müssen wie diese Differenz am Lebensstandard ist! Und Besser werden wir nicht durch wechselseitiges Schulterklopfen, sondern durch akzeptierte höhere Preise für unsere Produkte und Dienstleistungen an den Weltmärkten. Um das zu erreichen, werden wir uns mit Neuem beschäftigen müssen.
Weil ich nur wenige Stunden Vortragszeit habe, will ich Ihnen jetzt keine detaillierten Technologieroadmaps vorstellen, sondern einfach unterstellen, dass wir alle eine gute Zukunft wünschen - für uns, für unsere Kinder, für unsere Enkel. Dann schließen Sie doch einmal für eine Minute die Augen, lehnen Sie sich zurück und fragen sich, welche Produkte, welche Dienstleistungen hätte ich gerne, welche Problemlösungen wünsche ich mir?
Ich glaube, wir könnten uns schnell auf einige Punkte einigen.

Viele von uns würden das Thema Energie ansprechen.
Wir wissen, dass die Ressourcen endlich sind. Wir wissen, dass wir Probleme mit unseren Kernkraftwerken haben. Das Wiederaufbereitungsproblem ist nicht gelöst, es strahlt Jahrtausende! Da kann es ja wohl nicht drauf ankommen, ob wir es zehn Jahre länger oder weniger lang betreiben. Klar ist, solang dieses Problem nicht gelöst ist, kann das nicht die Energieform der Zukunft sein. Ob man dann abrupt eine Energiewende macht, ist eine andere Frage. Denn auch über die Folgen der Energiewende kann man lange debattieren!
Was wir jetzt entschieden haben, ist n i c h t etwa nur, dass wir ein paar Windmühlen bauen, zu besseren Wirkungsgraden bei der Fotovoltaik kommen und mehr Leitungen bauen, sondern wenn wir über dezentrale Energien reden, dann reden wir auch über die ganzen Verteilersysteme in den Städten, die wir umbauen müssen!

Wir gehen davon aus, dass in Zukunft jedes Haus zum kleinen Kraftwerk wird. Und natürlich helfen Sie ihrem Nachbarn gerne mit der Energie aus, wenn er sie braucht. Aber nicht unverrechnet! Und wenn sie aus ihrer Fahrzeug-Batterie Strom beziehen für andere Zwecke, dann spielen da Regel- und Abrechnungsmechanismen eine wesentliche Rolle. Wir werden Energie sparen und die Energieerzeuger und Verteiler werden Chancen haben für neue Produkte. Aber nicht nur die. Unser Institut in Bremen hat zusammen mit einem Unternehmen einen Lack entwickelt, der eine Struktur wie die Haifischhaut hat. Haifische hatten in der Evolutionsgeschichte weiß Gott genug Zeit, sich dem Wasserwiderstand möglichst günstig anzupassen. Wenn sie mit diesem Lack Schiffsrümpfe oder Flugzeuge bestreichen, haben diese deutlich weniger Reibung. Das heißt, man kann Millionen Tonnen CO2 und Treibstoff einsparen. Das Unternehmen, das den Lack herstellt, hat nichts mit Energieerzeugung und Verteilung zu tun. Aber es ermöglicht energieeffizientere Produkte. Für Deutschland wäre es eine gute Strategie, wenn wir das „Made in Germany“ ergänzen durch besonders energieeffiziente Produkte. Wer heute ein Produkt hat, das die Umwelt weniger schädigt oder sogar einen positiven Beitrag zu Umweltproblemen leistet, wird Vorteile haben.
Das Ziel der Umweltdebatte kann ja wohl nur vernünftigerweise lauten, dass wir unseren Urenkeln die Welt so übergeben, dass die selber noch Entscheidungen treffen können und nicht fixiert sind durch Entscheidungen, die wir getroffen haben. Und wir werden uns eines Tages fragen, ob es wirklich so schlau gewesen sei, das Oel zu verheizen, das wir später als Rohstoffbasis dringend brauchen können.

Das zweite Thema ist Sicherheit!

Wir erleben, wie das Leben durch Naturkatastrophen, Unfälle, Kriminalität und Terrorismus bedroht wird. Aufgabe ist, besser vorherzusagen und besser zu helfen. Wir müssen unsere Infrastrukturen besser planen und schützen, damit bei einem Terroranschlag möglichst wenig zerstört wird. Wenn Sie an die Sicherheitskontrollen in den Flughäfen denken, dann ist Ihnen schnell klar, dass dies nicht das Ende des technisch Möglichen sein kann.

Ein anderes brennendes Thema ist IT-Sicherheit. Wir haben gerade in München ein neues Institut gegründet, das zweite, das sich nur mit Fragen der Datensicherheit beschäftigt. Wenn Sie aus den Medien hören, dass amerikanische und israelische Geheimdienst versucht haben sollen, die Steuerung von Kernkraftwerken im Iran zu beeinflussen, dann kann man sich ja auch einmal fragen, ob so etwas bloß mit Kernkraftwerken geht. Wir haben auch an der Entwicklung des neuen Personalausweises mitgewirkt, der eine neue Sicherheitsqualität bietet. Es ist sicher eine realistische Einschätzung, dass wir vom Bedrohungspotential der IT-Kriminalität bis dato allenfalls die Spitze des Eisberges gesehen haben!
Sicherheit hat immer auch etwas mit Vermeidung von Unfallrisiken zu tun. Wer ein sichereres Fahrzeug, eine sicherere Maschine anbieten, eine Sicherheits-Dienstleistung offerieren kann, wird Vorteile haben.

Der nächste Punkt ist Mobilität.

Da denken alle sofort ans Auto und an die aktuelle Debatte über Elektromobilität. Zunächst ist festzuhalten, dass Mobilität für uns alle ein hohes Gut ist. Ob man aber ein Auto mit 400 PS braucht, das 2,5 Tonnen wiegt, um 80 Kilo zu transportieren, muss man doch in Frage stellen. Wir müssen neben dem Fahrzeug das gesamte Verkehrssystem mit Eisenbahn, Flugzeug und Nahverkehr betrachten. Und nicht nur das, sondern das moderne mobile Leben! Für die meisten von Ihnen gäbe es, außer dass wir hier so ein schönes Meeting haben, gar keinen vernünftigen Grund, jetzt nicht zu arbeiten. Sie könnten sich in ihr Netz einwählen und arbeiten! Aber wir gehen immer noch alle von 8.00 bis 17.00 Uhr plus minus Gleitzeit - Sie natürlich ein bisschen länger - zum Arbeiten. Das ist kein mobiles Leben, denn wir arbeiten zur festen Zeit am festen Ort. In Zukunft heißt es: Arbeite wann und wo du willst!

Mein sechster und letzter Punkt ist das Thema Gesundheit!

Wenn heute in München ein weibliches Baby geboren wird, kalkulieren unsere Lebensversicherer 105 Jahre Lebenserwartung. Bei den Männern ist es noch deutlich weniger, aber zumindest wir in Baden Württemberg gehen jetzt davon aus, dass unsere neue Landesregierung das bei uns mit dem nächsten Gleichstellungsgesetz regeln wird!

Wir glauben, dass wir große Chancen haben, wenn wir in diesen sechs Feldern Lösungen entwickeln. Unternehmen müssen nicht im Kern dieser Felder stehen, aber Beiträge leisten. Wenn wir eine gute Zukunft wollen, dann werden wir akzeptieren müssen, dass wir dafür das Neue brauchen. Daher kommt dieser Innovationsdruck. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob es Sinn macht, alle 2 Jahre einen neuen Computer, alle halbe Jahre ein neues Telefon, alle 3-4 Jahre ein neues Auto? Wenn wir aber unseren hohen Lebensstandard halten wollen, dann wird das nur über technischen Vorsprung gehen.

Die sechs Felder, die ich Ihnen nannte, wurden so auch in der Hightech-Strategie der Bundesregierung definiert. Sie wurde von der Forschungsunion entwickelt, die sich etwa zu einem Drittel aus Unternehmern, zu einem Drittel aus Politikern und zu einem Drittel aus Wissenschaftlern zusammensetzt. Die Hightech-Strategie gilt für alle Ministerium. Deshalb muss man auch erwähnen, dass nur die Hälfte des Forschungs-Budgets der Bundesregierung an das Forschungsministerium geht. Wir haben die Hightech-Strategie schon zum zweiten Mal gemacht. Was heißt das? Macht jetzt der Staat für uns die Vorgaben in der Innovation? Ich glaube, das wäre ein törichtes Ansinnen. Aber wir müssen sehen, von den Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in Deutschland stammt ein Drittel aus der öffentlichen Hand, zwei Drittel kommen aus der Wirtschaft. Es reicht also nicht aus, den Universitäten und Forschungseinrichtungen ein bisschen mehr Geld zuweisen.
Aber wenn es um dieses Drittel des Steuerzahlers geht, dann werden irgendwo einen Kompromiss finden und Schwerpunkte definieren müssen, denn wir können nicht alle Themen gleichermaßen beforschen.

Natürlich haben wir uns auch Gedanken gemacht, welche Schlüsseltechnologien uns in diesen sechs Feldern helfen? Ich kann sie ihnen kurz berichten. Da geht es um die Informations- und Kommunikationstechnologien, optische Technologien wie die Lasertechnik, Nanotechnologie, Biotechnologie, Mikrosystemtechnik, fortgeschrittene Produktionstechnologien und um Werkstofftechnologien. Das möchte ich näher erläutern.

Die Bedeutung der Werkstoffe wird oft in der Gesellschaft unterschätzt. Wir glauben, dass zwei Drittel aller Innovationen direkt oder indirekt mit besseren Materialien zu tun haben. Eine neue Funktion in einem Produkt kann verhältnismäßig schnell von einem Wettbewerber nachgeahmt werden. Wenn wir ein überlegendes Material für eine Aufgabe entwickeln, wird er das irgendwann auch bekommen, aber es dauert deutlich länger!

Die Forschungsunion, die ich zusammen mit dem Herrn Oetker aus der Wirtschaft leiten darf, ist sich sicher, dass wir mit diesen Schlüsseltechnologien unsere starken deutschen Anwendungsgebiete stabilisieren können: Automobilbau, Medizintechnik, Maschinenbau, Logistik.

Beispielhaft will ich die Innovationschancen an drei Themenfeldern erläutern. Beginnen wir mit dem Wachstumsfeld Energie.

Was wird ein Schwabe wohl sagen, wenn es um das Thema Energie geht? Sparen!!! Das ist ein guter Ansatz! Ich nenne Ihnen mal als praktisches Beispiel die EU-Vorschrift für Beleuchtungsmittel. Eigentlich schade um die Glühbirne: Doch hat man sie gekauft, um zu leuchten, nicht um zu heizen! Wenn sie mal Europa nehmen, dann ist das Einsparpotenzial durch diese pingelige Beleuchtungsvorschrift in der Industrie 40 Terra-Watt-Stunden pro Jahr, im Haushaltsbereich 16 Terra-Watt-Stunden pro Jahr. Zum Vergleich: 10 Terra-Watt- Stunden entsprechen in etwa der Produktion eines Atomkraftwerkes oder zwei Fünfhundertmegawatt-Kohlekraftwerken, oder an Land 2000 Windkraftanlagen der 2 Megawatt-Klasse. Wir könnten also allein durch diese Beleuchtungsvorschrift viereinhalb Atomkraftwerke in Deutschland sparen.

Noch ein anderes Beispiel – nur für Deutschland: Wenn wir drehzahlgeregelte Antriebe verwenden würden anstatt von Antrieben, die immer mit der höchsten Leistung und fester Drehzahl fahren, könnten wir allein in Haushalten acht Terra-Watt-Stunden einsparen.
Solche Antriebe sind in Heizungspumpen. Und das wird auch einem Nicht-Ingenieur einleuchten. Es ist nicht besonders clever, ständig heißes Wasser mit höchster Pumpenleistung gegen Ihr abgesperrtes Ventil im Schlafzimmer zu drücken. In der Industrie, das haben wir hochgerechnet, könnten wir mit der Umstellung auf drehzahlgeregelte Antriebe noch einmal 25 Terra-Watt-Stunden sparen. Wir könnten damit in Deutschland drei Kernkraftwerke zumachen.

Welche Einsparpotentiale haben wir in der Produktion? In einer Energiestudie unseres Chemnitzer Instituts haben wir festgestellt, dass etwa ein Drittel also über 30 Prozent eingespart werden können, wenn wir auf Energieeffizienz achten!

Also, wir haben enorme Spar-Potentiale! Gleichzeitig müssen wir die regenerativen Energien entwickeln. Wir haben ein halbes Jahr vor Fukushima eine Studie vorgestellt, die untersucht, ob man Deutschland bis zum Jahre 2050 mit regenerativer Energie versorgen kann. Die Antwort heißt: Ja!

Die Studie geht davon aus, dass wir im Jahr 2050 weniger Energie brauchen als heute, weil wir die Einsparungspotentiale nutzen.
Heute haben wir in Deutschland bereits etwa 15 Prozent regenerative Energie. Auf die Republik verteilt hatten wir einen Anteil von Nuklear-Energie von 22-23 Prozent. Im Süden, in Bayern und in Baden Württemberg sind die Anteile der Kernkraft deutlich höher, weil wir uns gegen die „Verspargelung“ der Landschaft gewehrt hatten, was sich möglicherweise in diesen Tagen rächt.

Wenn Sie den heutigen Anteil regenerativer Energie nehmen, dann entfallen davon ganze 2 Prozent auf die Photovoltaik, aber schon über 10 Prozent auf Wind. Wenn wir die Ziele erreichen wollen, die wir uns für 2020 und 2030 vorgenommen haben, dann wird der Ausbau vorzugsweise über Wind erfolgen müssen. Dabei müssen wir die Chancen an Land ebenso ausbauen wie Offshore. Wir haben eigentlich ideale Voraussetzungen in der Nordsee. Der Hintergrund ist einfach: Die Nordsee hat nicht den stärksten Wind, aber genügend Wind, vor allem aber ist sie nicht tief. Zur Zeit werden Windparks geplant und gebaut, die bis zu 100 Kilometer von der Küste weg sind. Da reicht schon die Erdkrümmung aus, dass sie nichts mehr sehen.

Bis etwa 2009 waren wir auch in absoluten Zahlen führend in der Nutzung regenerativer Energie! 2009 haben uns die USA überholt und 2010 China. Wenn wir aber anschauen, wer am meisten Kilowatt pro Quadratmeter Land erzeugt, dann heißt der Spitzenreiter Dänemark! Allerdings kommen wir dann gleich an zweiter Stelle!

Bei der Nutzung der Windenergie gibt es noch viele spannende Fragen zu klären. Wir mussten in Bremerhaven zunächst einmal ein neues Labor bauen, damit wir diese riesen Windflügel prüfen können. Wenn sie in die 5 Megawattklassen gehen - wir planen in unseren Labors bereits die 10 Megawattklassen - dann erreichen die Propeller einem Durchmesser von 80 Metern. Ein Windflügel ist dann fast 90 Meter lang und muss sich um 8 bis 9 Meter bewegen können, wenn hoher Sturm herrscht. Da muss sich gut überlegen, wie und aus welchen Materialien die Flügel gestaltet werden. Daneben gibt es jede Menge von Aufgabenstellungen für Getriebe- oder getriebelose Lösungen. Deutschland ist mit seiner guten Maschinenbauertradition dafür hervorragend gerüstet.

Wir haben den Alpha Ventus-Park in der Nordsee begleitet, der 45 Kilometer vor Borkum gebaut wurde. Ein kleiner Park mit zwölf 5-Megawattanlagen. 100 Kilometer vor Cuxhaven wird gerade einer geplant mit 80 Windkraftanlagen. Mit diesen achtzig 5-Megawatt-Windmühlen können sie eine Million Haushalte versorgen.

Ein zweites Thema ist die Solarenergie. Ich habe Ihnen vorher berichtet, dass wir mit der Nutzung der Photovoltaik noch nicht zufrieden sind. Wir halten mit unserem Institut in Freiburg im Moment den Weltrekord beim Wirkungsgrad von Solarzellen. Das sind über 40 Prozent! Wenn Sie aber durch das Land fahren und betrachten, was auf den Häusern installiert ist, dann hat das einen Wirkungsgrad zwischen 15 und 20 Prozent. Da könnte man leicht sagen: Ja prima, verdoppeln, dann sind wir ja bald soweit!
Doch diese Hochleistungssolarzellen sind sehr teuer. Was haben wir also gemacht? Wir haben ein Konzentratorsystem mit einer Fresnellinse entwickelt, das die Sonnenstrahlen wie ein Brennglas auf die Solarzellen konzentriert. Dieses System eignet sich vor allem für Länder mit hoher Sonnenstrahlung,

Ein zweites Wachstumsfeld ist die Ressourceneffizienz. Wir sprachen ja nun gerade darüber, dass wir Energie sparen müssen – beispielweise bei der Produktion eines Fahrzeuges. Doch wir müssen alle Ressourcen sparsam einsetzen. Wir werfen in Extremfällen bis zu 50 Prozent Blech weg, bis Ihr schönes Fahrzeug entsteht. Prinzipiell gilt: Jedes Ausschussteil ist ein Verstoß gegen das Prinzip der Effizienz. Auf für das, was ich wegwerfe, habe ich Energie aufgewandt und womöglich brauche ich für das Recycling noch einmal Energie. In der Ressourceneffizienz geht es nicht nur um Blech, sondern vor allem um wertvolle Rohstoffe wie etwa seltene Erden. China besitzt hier die meisten Vorkommen und hat sich durch eine kluge Entwicklungspolitik, auch in Afrika viele Ressourcen gesichert. Tatsache ist, dass wir eine starke Abhängigkeit in diesem Feld haben. Wir werden uns deshalb mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie wir wertvolle Rohstoffe zurückgewinnen oder ersetzen können. In einem Handy sind beispielsweise bis zu dreißig unterschiedliche Funktionsmetalle, in einem Computer bis zu fünfzig. Wir müssen dann auch darüber nachdenken, wie man ein Handy oder einen Computer wieder automatisch demontiert, um an diese seltenen Metalle heranzukommen.

Wir haben jetzt zusammen mit der Industrie in Alzenau bei Hanau eine Projektgruppe gegründet, die sich genau dieser Thematik zuwendet.

Ressourceneffizienz heißt auch: Gewichtsreduktion. Der VW Golf hat im Jahr 1975 nur 750 Kilo gewogen, im Jahr 2004 aber 1.300 Kilo. Es vielerlei Gründe, warum das Gewicht zugenommen hat: Komfortgründe, Sicherheitsgründe, Gesetzgebungsgründe. Wenn wir geringen Verbrauch wollen, dann geht es nicht nur um Antriebskonzepte, sondern ganz zentral auch ums Gewicht.

Wir brauchen ganz andere Karosserie-Konzepte, auch Leichtbaukonzepte. Wir haben eine innen hohle Zahnradwelle entwickelt, mit der sich etwa 1,2 Kilo pro Stück einsapren lassen. Nur ein Beispiel das zeigt, welche Potentiale durch neue Leichtbautechniken erschlossen werden können. Mit einem Hersteller sind wir gerade dabei ein Fahrzeug im Mittelklassebereich von etwa 1.800 Kilo auf rund 1.200 Kilo abzuspecken. Dazu setzen wir leichte Materialien wie Aluminium, Magnesium und Kohlefaser-verstärkte Kunststoffe ein. Mercedes hat es selbst angekündigt - deshalb darf ich es hier auch erwähnen - wird nächstes Jahr eine S-Klasse herausbringen, da werden sie mit 4,7 Litern pro 100 km fahren können. Das wird Sekundäreffekte geben, weniger Hubraum, weniger Verbrauch, kleinerer Tank, weniger Gewicht, geringere Trägheit. Wir glauben auch, dass wir im Werkzeugmaschinenbau eine ganze Menge machen können. Mit andere Werkstoffen wie Keramik oder Faserverstärkten Materialien für Fräsmaschinen oder Roboterarme. Ein anderer Weg zu mehr Effizienz ist, möglichst ohne Kühlmittel auszukommen, auch das ist eine ganz wichtige Ressource. Wenn sie ein durchschnittlich großes Automobilwerk in Deutschland betrachten, dann hat es einen Wasserverbrauch, der in die Größenordnung der Stadt Ulm geht, nur um mal eine Vorstellung zu erzeugen von der Dimension.

Das letztes Wachstumsfeld, das ich ansprechen möchte, ist die Mobilität. Daran kommt kommt in diesen Tagen keiner vorbei, wo doch in Deutschland allenthalben über Elektromobilität diskutiert wird. Meine Kollegen und ich werden oft gefragt: Ja, warum denn jetzt erst Elektromobilität? So ganz neu ist die Idee vom Elektromotor doch nicht. Wir hatten schon kurz nach 1900 einen Lohner-Porsche – sogar mit Radnabenmotor.

Wir hatten große Feldversuche in den siebziger Jahren mit Elektrogetrieben für Busse in Berlin und in andern großen Städten. Das wurde alles wieder eingestellt. Im Grunde aus dem immer gleichen Grund, weil das Batterieproblem nicht gelöst war. Das haben wir auch heute noch nicht. Wenn sie einen Liter Benzin im Tank durch Batterien ersetzen wollen, benötigen sie mindesten 50 Lithium-Batterien. Kaufen Sie sich also gleich einen Anhänger, aber es gibt ja noch ein paar andere Probleme. Im Winter ist es schwierig mit der Leistung, bei heißen Temperaturen auch; und wenn dann müssen sie auch noch mit der Gefahr leben, dass die Batterien explodieren. Man muss also noch Einiges tun, ich bin da aber nicht ohne Zuversicht!
Wenn man bessere Batterien bauen will, muss man zwei Dinge beherrschen. Man braucht bessere Materialien. Da, glaube ich, sind wir in Deutschland ganz gut. Man braucht aber auch eine bessere Elektrochemie. Natürlich wissen, wir wie Elektrochemie geht. Es gibt aber praktisch keinen großen Batterien-Hersteller mehr in Deutschland. Wir müssen hier erheblich aufholen.

Die Elektrifizierung des Fahrzeugs betrifft nicht nur die Antriebssysteme, es geht auch ums Interface. Wir überlegen heute „Car to Car Kommunikation“, wo die Fahrzeuge miteinander reden. Wir müssen uns überlegen, welche Infrastrukturen und Bussysteme wir in die Fahrzeuge einbauen. Wir arbeiten da ja zum Teil mit riesigen Strömen?

Wir werden die Frage der Elektromobilität nur beantworten können, wenn wir einen systemischen Ansatz wählen. Stellen Sie sich mal eine Minute vor, wir hätten alle diese Elektrofahrzeuge. Wo käme der Strom dafür her? Aus Kohle, Öl- und Gaskraftwerken? Dann wäre die Umweltbelastung nicht geringer, sondern nur verschoben. Wer also sagt: „Ich will Elektromobilität!“ der muss im nächsten Atemzug sagen: „Ich bin dafür, dass wir die regenerativen Energien massiv ausbauen.“
Aber wenn wir die regenerativen Energien ausbauen, brauchen wir Speichertechnik. Wir bei Fraunhofer sind davon überzeugt, dass die Windmühlen am besten funktionieren, wenn der Wind bläst! Wir glauben auch, dass das mit der Fotovoltaik nachts schwierig ist! Wir brauchen also bei diskontinuierlich anfallender Energieerzeugung Speichersysteme. Große, Kleine an den verschiedensten Stellen.

Also, ich hoffe Ihnen mit den paar Beispielen gezeigt zu haben, dass wir enorme Chancen haben! Wir starten, was auch alle internationalen Statistiken und Rankings zeigen, von einer guten Innovationsposition, aber wir dürfen auf keinen Fall nachlassen.

Innovation kann unterstützt werden. Dafür setzen wir heute Computer ein. Am Ende des Tages werden Innovationen aber von Menschen gemacht. Doch im Jahr 2010 fehlten in Deutschland etwa 60.000 Ingenieure. In den nächsten 5 Jahren scheiden jährlich knapp 40.000 Ingenieure aus. Und wir können nicht einmal diesen Altbestand ersetzen - der Faktor ist 0,9. Das gilt im Übrigen nicht nur für Ingenieurstudiengänge, das gilt für alle naturwissenschaftlich-technischen Studiengänge. Da ich selber Ingenieur bin, habe ich die Zahlen von den Ingenieuren im Kopf. Allein die fehlenden Ingenieure verursachen einen volkswirtschaftlichen Schaden von etwa 3,3 Milliarden Euro.

Die Frage, wie gut mit der Innovation voran kommen, hat viel mit den Menschen und den Innovationskulturen unserer Unternehmen zu tun. Mein eigenes Fachgebiet war Technologiemanagement. Das habe ich auch 20 Jahre in der Arbeitswissenschaft unterrichtet. Also, ich beschäftige mich schon seit einiger Zeit mit dem Planen von Neuem. Aber auch nach so langer Zeit weiß ich, wie schwierig es ist, etwas ganz präzise und genau zu planen, was noch nicht erfunden ist. Das wird nur in einer Vertrauenskultur gelingen. Das wird nur gelingen, wenn Menschen nicht nur loyal, sorgfältig und qualifiziert sind, sondern wenn wir eine Kultur haben in den Unternehmen, die von Respekt und Offenheit geprägt ist, wo ein leidenschaftliches Bestreben herrscht, das Beste zu entwickeln. Der Schlüssel zum erfolgreichen Innovationsmanagement ist eine innovationsfreundliche Unternehmenskultur. Einen zweiten Punkt möchte ich in diesem Kontext erwähnen. Wir haben enorme Potentiale in Deutschland über die Vernetzung. Nehmen wir mal als Beispiel das Fahrzeug, mit dem sie morgen früh wieder zurückfahren. Die Hersteller haben im Durchschnitt noch eine eigene Wertschätzungstiefe von 35 Prozent. Das heißt 65 Prozent der Teile sind gar nicht von dem Hersteller produziert, dessen Laible am Kühler prangt. Im zunehmenden Masse auch nicht bei ihm entwickelt. Da sind große Zulieferer dabei, wie Bosch oder Siemens oder ZF, die ihrerseits wieder einen Schwarm von Zulieferanten haben. Was ich damit sagen will, wir haben eine ausgezeichnete Infrastrukturbasis in diesem Land, wo wir über Vernetzungen große Potenziale hebeln können. Wir haben Untersuchungen dazu gemacht. Auch mal eine in Europa mit über 1.600 Unternehmen. Wir haben dann die Unternehmen gruppiert. Ihr Unternehmen hätten wir hoffentlich zu der Klasse der Wachstumschampions gezählt, wenn sie in Ihrer Branche zu den 10 Prozent der am schnellsten und profitabelsten wachsenden Unternehmen gehört hätten.
70 Prozent dieser Wachstumschampions haben sich dadurch ausgezeichnet, dass sie besser vernetzt waren. Im eigenen Haus, mit Kunden, mit Zulieferanten, möglicherweise für bestimmte Fragestellungen sogar mit Wettbewerbern.

Ich will zwei Beispiele hervorheben. Umsatzgenerierung aus Produkt- und Dienstleistungsinnovation in den letzten 3 Jahren: Die stark vernetzten hatten einen Anteil von 25 Prozent. Die weniger stark vernetzten hatten einen Anteil von 10 Prozent an ihrem eigenen Umsatz. Oder Umsatzwachstumsraten im Durchschnitt der letzten 4 Jahre: Die stark vernetzten hatten ein Wachstum von etwa 7,2 Prozent, die weniger starken von 3,2 Prozent.

Wenn wir denn qualifizierte Menschen haben, die etwas erfinden, dann reicht es immer noch nicht! Wir haben mal in Deutschland das Fax erfunden. Haben sie ein deutsches Fax daheim? Wir haben mal den Computer erfunden. Haben Sie einen deutschen Computer daheim? Wir haben bei Fraunhofer den MP3 Standard erfunden, hier in Bayern, in Erlangen, und halten Gott sei Dank immer noch alle Lizenzrechte weltweit. Es sind zwischenzeitlich 600 Patente. Aber es ist uns zwei Jahre in Deutschland nicht gelungen, ein Unternehmen zu finden, das bereit gewesen wären, den Standard mit uns im Markt einzuführen. Der Tatbestand, dass ich was erfunden habe, heißt noch lange nicht, dass ich daraus ein gutes Geschäft machen kann. Es muss also noch etwas dazu kommen - ein gutes Management! Wenn Innovation eine Aufgabe in unseren Unternehmen ist, dann ist ja klar, dass es auch eine Managementaufgabe ist. Nach dem vorletzten größeren Tal, als es um Management und um schlankere Produktion ging, haben wir uns auch nicht hingesetzt und gesagt: „Jetzt produziert mehr Qualität!“ Sondern wir haben gesagt, jetzt definieren wir Qualitätsstandards, die wir messen und dann verbessern können. So haben wir auch jetzt Methoden entwickelt für Innovationsaudits nach dem Balanced-scorecard-Ansatz. Wenn sie das wirklich interessiert, können sie ins Netz gehen unter www.innoscore.de. Dort sind die Verfahren so dargestellt, dass man keinen Berater braucht.

Sie können Hoffnung schöpfen, ich bin demnächst fertig! Aber zum Schluss denke ich, sollen wir noch einmal auf die Projekte schauen, die wir bei Fraunhofer untersucht haben. Was unterscheidet die erfolgreichen Innovatoren von den weniger erfolgreichen? Dabei sind uns 5 Punkte aufgefallen, die wollte ich Ihnen zum Abschied gerne nennen möchte.

Das erste, was die Erfolgreichen hatten, war eine klare Strategie. Sie wussten, wo Sie hinwollen. Sie wussten auch, was sie zu den sechs Zukunftsmärkten, die ich eingangs nannte, beitragen wollten. Denen ging es nicht so, wie Mark Twain einmal beschrieben hat: „Als sie ihr Ziel völlig aus den Augen verloren haben, haben sie die Anstrengungen verdoppelt.“ Das erste ist also ein klare Strategie!

Das zweite, was uns aufgefallen ist. Die Erfolgreichen hatten das beste Team und die besten Arbeitsbedingungen. Ich erlebe das immer wieder, wenn ich mit Unternehmern über Innovation rede und zu diesem Punkt komme. Dann sagen die mir immer: „Aber wir liefern heute schon weltweit!“ Darauf kann ich nur antworten: „Dann braucht ihr weltweit das besten Team!“

Mein dritter Punkt! Ein unbeugsamer Wille zum Gewinnen! Wir in Stuttgart haben in der letzten Saison mit dem VFB gelernt, dass man nicht Deutscher Meister wird, ohne einen unbeugsamen Willen zu gewinnen! Glauben Sie, dass man Sieger in der Wirtschaft wird, ohne den klaren Willen zum Gewinnen? Wenn ich morgen mit Ihnen durch Ihr Büro oder Ihre Fabrik gehe und einen Mitarbeiter fragen würde: „Sage mal, gegen wen wollt ihr eigentlich gewinnen in diesem Jahr? Wie und womit?“ Was würde der denn antworten? Wenn sie den gleichen Test in Osteuropa oder in Asien machen, werden sie – nicht überall, aber immer mehr eine klare Ansage kriegen.

Den vierten Punkt habe ich Ihnen schon ausgebreitet. Es ist die Vernetzung mit Partner und Kunden. Also, all das nutzen, was an Potential vorhanden ist und hebeln?
 
Der fünfte Punkt wird auch bei meinen Kollegen bei Fraunhofer nicht so geschätzt. Auch für den Innovations-und Entwicklungsprozess braucht man so etwas wie Controlling. Die erfolgreichsten Innovatoren, das zeigt die Untersuchung, haben eine laufende Qualitäts- und Ergebniskontrolle.

Ich hoffe, Sie haben aus meinen Äußerungen herausgehört, dass es eine Menge zu tun gibt. Dass uns aber nicht bange ist. Wir sehen mit hohem Respekt, was um uns herum in der Welt aufgeholt und geschaffen wurde. Wir haben klare Zielpositionen und sehen, was wir dort erreichen können. In diesem Sinne will ich Ihnen ein Motto mit nach Bremen geben, das uns verbinden sollte: Vorne ist uns zu weit hinten!“

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns viel Erfolg beim Innovationsgeschehen, danke schön!

 

Diskussion

Lieber Herr Bullinger, ganz herzlichen Dank, der Beifall hat es gezeigt, Sie haben uns unendlich viele Hinweise und Informationen geliefert. Sie haben aber, wie ein Kriminalautor immer wieder, wenn Sie uns die Hinweise gegeben haben – und wir schon glaubten, eine Antwort zu hören die Frage gestellt und uns wieder abstürzen lassen.

Ich bin dankbar, dass Sie Ihre Zeit überzogen haben, denn die letzten fünf Minuten, die waren für mich das Allerwichtigste! Und ein Punkt berührt mich direkt, wenn Sie sagen, wir haben
zu wenig Ingenieure. In meiner Familie war mein Vater Ingenieur, mein Onkel, meine beiden Großväter - und mein Großvater war übrigens der Erfinder der Wuppertaler Schwebebahn - der wollte gewinnen, wie er diesen Auftrag bekommen hat. In meiner Generation gibt es einen angeheirateten Schwager, der sich Ingenieur nennt. In meiner weiteren Generation keiner, bei meinen Kindern und Stiefkindern und Schwiegerkindern, kein Einziger! Also da sieht es ganz schlecht aus. Aber, Herr Bullinger ist bereit, Fragen zu beantworten, und ich darf Sie nun bitten, die Zettel, die Sie haben mit „Wortmeldungen“ mit Ihrem Namen auszufüllen, und die werden eingesammelt und dann werden wir Fragen zusammenstellen und noch einige Antworten erbitten. So, wer hat eine Frage, der darf sie abliefern.

So, die erste Frage kommt von Professor Klaus- Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, Präsident mult., weil er auch Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz war und vormals Generaldirektor der Deutschen Bibliothek, und was man bei diesen Berufsbezeichnungen zunächst nicht vermutet, er ist Physiker und Mathematiker!

Frage von Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann: Ich wollte gerne auf das Phänomen der Mobilität eingehen, die Sie hier angesprochen haben und Mobilität ist ja nicht nur ein technischer Ansatz, sondern es ist ja ein gesellschaftspolitischer Ansatz, und Sie haben zu Recht gesagt:

Es ist im Grunde ein Kennzeichen unseres 21. Jahrhunderts, dass die Mobilität in dieser Weise wahrgenommen wird. Es ist nicht nur eine erzwungene Mobilität aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, sondern eine freiwillige Mobilität im Hinblick auf eine Wahlmöglichkeit, die man hat, dort hinzugehen wo man glaubt seine eigenen Ideen auch verwirklichen zu können. Meine Frage ist: Wie ist unser eigenes Land gerüstet mit dem Begriff der Mobilität positiv und offen umzugehen? Es gibt eine Vielzahl von Barrieren, ob das Visa sind, ob das Niederlassungen sind, ob das Arbeitsmöglichkeiten sind, und der Punkt ist natürlich die Wissenschaft ist angewiesen auf eine offene Gesellschaft, auf eine Willkommensgesellschaft, um die besten Köpfe dann auch in Deutschland zu haben und umgekehrt, dass die deutschen Wissenschaftler sich auch international vernetzen und das Niveau, das wir haben, auch in der Zukunft auch mit den demographischen Daten, die wir alle kennen, zu erhalten. Also, meine Frage: ist dieses Land gerüstet im Hinblick auf Mobilität oder welche Empfehlungen würden Sie diesem Land geben, um die Vernetzung der Wissenschaft zu optimieren?

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Ja, Sie haben mit der Mobilität im Ganzen begonnen, dann aber die Wende genommen zu einer Problematik, die uns bei Fraunhofer selber berührt, wie wir die Vernetzung im Wissenschaftssystem vorantreiben. Sie haben von Herrn Saur gehört, dass wir uns zu zwei Drittel selber finanzieren. Wenn Sie unsere Einnahmen aus der Wirtschaft nehmen, kommen heute bereits 20 Prozent aus dem Ausland.

Es ist nicht so ganz einfach gewesen, bei Fraunhofer die Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen, und ich merke das auch im Diskurs mit anderen Forschungseinrichtungen. Wir arbeiten zu stark im eigenen Saft. Wir begutachten uns selber und es ist ja völlig objektiv, wenn wir zwei in der gleichen Branche aufgewachsen sind, dass wir vorurteilsfrei uns wechselseitig unsere Leistung bescheinigen. Also nur ein Schelm könnte da auf komische Gedanken kommen. Und dann zählen wir noch unsere Publikationen - ist alles wichtig - auch wir bei Fraunhofer zählen die Publikationen unserer Wissenschaftler. Aber am Ende des Tages wird man in der Zukunft eine Universität und eine Forschungseinrichtung fragen, dass man sagt: „Wenn Ihr so toll seid“, wie ihr dauernd erzählt, „könnt Ihr uns dann erklären, warum Euch niemand aus dem Ausland beauftragt?“ Das heißt, die internationale Evaluierung, wie sie heute im Wettbewerb bei den Unternehmen üblich ist, die wird natürlich in der Wissenschaft auch kommen, und das wird bedeuten, dass wir uns vorwärts und rückwärts forscher bewegen müssen. Der Tatbestand, dass wir in so vielen Ländern im Ausland Dependancen haben, ist bei uns nicht so sehr, dass wir das Fraunhofer-Modell über die Welt ausrollen wollen. Wir müssen es schon tun, weil uns sonst die Unternehmen im Inland nicht mehr für kompetent halten. Aber das ist für uns eine wichtige Quelle an den Wissenschaftssystemen im Ausland zu partizipieren und auch ausländische Wissenschaftler nach Deutschland zu kriegen. Also, zunächst einmal glaube ich – das habe ich rausgehört aus Ihrer Frage – haben wir die gleiche Grundhaltung, da muss sehr viel mehr Freiheit einziehen.

So jetzt sind wir bei einem Punkt, wo wir nur gemeinsam fordern können, denn wir können es nicht ändern. Ich weiß nicht, ob Ihnen das allen klar ist, eine heulende junge Frau holt einen jungen Mann aus dem Ausland nach Deutschland, lassen den hier studieren, der kriegt beste Ergebnisse, danach würden wir sagen, wir beschäftigen ihn weiter. Das geht vielleicht mit Mühe, aber auf keinen Fall so, wie wir uns das vorstellen würden, dass das ein Normalfall ist, weil er dann Aufenthaltsrecht, Arbeitserlaubnis und ähnlichen Folgen mit größten Problemen rechnen muss. Ich glaube, da haben wir einiges verbessert in den letzten Jahren, da müssen wir noch sehr viel mehr verbessern. Wir sind absolut überzeugt, dass die Verflechtung, die wir heute auf der Welt haben, auch eine ganz starke Verflechtung im universitären Forschungsbereich nach sich ziehen wird und das diese Bewertungsmaßstäbe so kommen, wie ich sie angedeutet habe.

Prof. Klaus G. Saur: Vielen Dank, ich wäre dankbar, wenn die weiteren Fragen auch am Mikrophon gestellt werden könnten. Es hat sich gemeldet Herr Schmelzle, Vorsitzender des Beirats der Kaefer Isoliertechnik.

Norbert Schmelze: Ich habe einen bösen Satz von Herrn Rürup im Kopf, ich weiß nicht, ob der wissenschaftlich haltbar ist. Der sagt: „Das Schlimme an unserer Demografie ist, dass Sie nicht die nötige Intelligenz in Zukunft erzeugen wird, weil durchschnittlich gut begabte Eltern im Schnitt vier Kinder brauchen nach dem Mendelschen Gesetz, um einmal plus/plus zu kriegen.“ Und wenn wir 40 Prozent unserer akademisch ausgebildeten Frauen ohne Kinder haben, glaube ich, haben wir da ein langfristiges Problem. Haben Sie nicht Angst, dass die Grundlage für Innovation in Deutschland auch genetisch daher scheitert, oder bietet diese neue Technologie der Vernetzung des Intranets und was es da so alles gibt, eigentlich eine Chance, dass auch drei nicht hochbegabte Hochleistungen durch diese Vernetzung produzieren können?

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Ja, das ist eine gute Frage, wir beschäftigen uns zwar unter anderem auch mit Biotechnologie, aber nicht mit dem Hintergrund Ihrer Frage. Ich kann nur die Statistiken bestätigen, über die Sie eben berichtet haben. Das ist so und ich glaube, es ist für jedermann einsichtig, dass wir da ein Problem haben. Ob solche gesellschaftlichen Werthaltungen so bleiben, weiß ich nicht. Also, ich könnte – das ist jetzt keine wissenschaftliche Aussage sondern aus der Beobachtung das Gefühl gewinnen, dass je besser wir Arbeitsbedingungen auch für junge Akademikerinnen machen. Wir haben bei uns jetzt zwischenzeitlich an fast allen Instituten Kindergärten eingerichtet, um bloß ein simples Instrument zu nennen, mit dem dann auch andere Lebensentwürfe wieder möglich werden.

Was ich entschieden verneinen würde, ist Ihre Vermutung, dass man mit drei Halbbegabten einen Begabten ersetzen kann, ich glaube, darauf sollten wir nicht setzen, wir sollten aber was anderes berücksichtigen, dass auch der Nicht-Spitzenbegabte genügend Beiträge zur Verbesserung machen kann. Nämlich zur Verbesserung in seinem unmittelbaren Arbeitsumfeld und wir da ein großes Potential an Verbesserungen in den Betrieben haben, was so Ansätze, was wir so im Jargon „KVP“ nennen - „kontinuierliche Verbesserungsprozesse“ - gezeigt haben. Aber das wird nicht die Spitzenleistung in der Innovation ersetzen können, und da haben Sie aus meinem Vortrag herausgehört, dass ich mir da Sorgen mache, dass wir nicht genügend Menschen haben, und jetzt sage ich es nochmal eine Stufe deutlicher. Wenn ich dann in Unternehmen komme und feststelle, dass die Teile der Konstruktion in Entwicklung verlagert haben und auf meine Frage: „warum?“ antworten: weil sie hier nicht genügend Menschen finden, dann wird´s natürlich schon bedenklich für den Standort hier. Also ich glaube schon, wir haben dort eine riesige gemeinsame Aufgabe, zu der können wir auch beitragen, indem wir den Diskurs vor allem mit den Schulen intensivieren. Also, da haben wir alle eine große Aufgabe, denn wie soll ein junger Mensch über die Vielfalt der Berufe Bescheid wissen, das kann ja nicht ein Lehrer, der immer auch nur eine Disziplin studiert hat, vermitteln, sondern dann müssen wir halt mal ein bisschen intensiver hin und ich habe vorhin schon gehört, Herr Saur, dass sie sich jetzt schon als Großvater in der Familientradition ein Ziel gesetzt haben.

Prof. Dr. Klaus G. Saur: …ohne Erfolg, so vielen Dank! Die nächste Wortmeldung ist von Herrn Singer, Bürgermeister von Helgoland.

Frage von Bürgermeister Jörg Singer: Herr Prof. Bullinger, Sie haben sehr viel über technologische Innovation gesprochen die wir in den nächsten Jahren brauchen. Die Frage, und da mache ich mir ein bisschen Sorgen drum, wo die gesellschaftlichen Innovationen sind? Wo Sie dort die Potentiale sehen, der Kultur innovativ zu sein, nicht nur zu perfektionieren, wie man Dinge optimiert, also das wir unseren Status quo von 98 auf 99 Prozent bringen, sondern wie wir im Prinzip eine gesellschaftliche Struktur – Sie haben gesagt Planfeststellungsverfahren, Innovationsschnelligkeit - wo sind da die Potentiale, lieber Herr Professor Bullinger?

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Potentiale ohne Ende! Ich glaube, dass wir gerade durch das, was wir uns erwirtschaftet haben zusammen, in der Wirtschaft, Chancen haben, ganz neue Strukturen zu überdenken. Nur an das Thema, das ich ihnen heute nannte, dass wenn heute ein Baby geboren wird – ein weibliches – die Versicherungen über 100 Jahre kalkulieren. Okay, wenn Sie mit einem Risikozuschlag rauskommen, sind wir trotzdem nahe an den 100 Jahren dran. Wenn Sie mal sehen, wie denn unsere Sozialsysteme aussehen, dann sind die natürlich nicht auf so eine Perspektive ausgerichtet. Die haben früher gestimmt die Sozialsysteme, als der mit 65 mit Mühe das Pensionsalter erreicht hatte, mit 67 starb, da war das in Ordnung. Heute lässt sich der mit 80 eine neue Hüfte einsetzen und steht mit 82 wieder am Lift. Das ist ja schön, dass das möglich ist, aber es ist natürlich unmittelbar einsichtig, dass die Systeme, die wir da gebaut haben, nicht mehr funktionieren können. Wir sagen, in dieser Gesellschaft kann man nicht mehr ausgeben für Gesundheit. Ja, meine Frage heißt: Warum kann man denn das nicht? Was wir meinen ist: Wir können über das uns bekannt System der Solidargemeinschaft Krankenkasse nicht mehr ausgeben, das kann ja sein. Aber da werden ganz neue Dienstleistungen, ganz neue Strukturen, ganz neue Arbeitsentwürfe entstehen. Also, insofern glaube ich, dass gerade diese neuen Technologien ganz anderes Zusammenwirken ermöglichen.

Wir saßen heute Abend mit Herrn Ude am Tisch, und natürlich ging es unter anderem auch um Volksabstimmungen. Nur ein Schelm käme auf die Idee, dass er da auch an Stuttgart 21 gedacht hat, und alles Mögliche. Stellen Sie sich mal moderne Technologien vor, wenn Sie das wollten und für den richtigen gesellschaftlichen Entwurf halten, einer größeren Bürgerbeteiligung, solche Dinge wären früher daran gescheitert, dass sie technisch nur mit riesigem Aufwand machbar gewesen wäre, heute wären solche Dinge denkbar.

Wenn Sie sehen, was heute Geschäfte laufen im Netz, auch mit Social Network und allem was dazugehört, dann sind das natürlich Bezüge, die wir so in der Vergangenheit nicht hatten und die enormen Einfluss auf unser Leben haben. Also, ich glaube ganz sicher und insofern haben Sie recht was meinen Vortrag anbetraf, dass ich darauf nicht so stark eingegangen bin, aber ich bin überzeugt, dass wir gerade mit diesen neuen Möglichkeiten, uns auch in ganz neue Entwürfe in Innovationen. In der Frage des Zusammenlebens in unseren Sozialsystemen und was unser Leben dort betrifft, heranwagen können.

Prof. Dr. Klaus G. Saur: Vielen Dank, die nächste Wortmeldung ist von Herrn Dr. Staroßom, von der Sparkasse Bremen

Frage von Dr. Heiko Staroßom: Herr Bullinger, Sie haben große Zustimmung bekommen in dem Sie sagen, dass Innovation und Innovationsfähigkeit ganz wichtig ist um unseren Lebensstandard zu erhalten, das ist ganz eindeutig so. Auf der anderen Seite, leben wir in einer alternden Gesellschaft und ich muss sagen, grundsätzlich finde ich das gut. Ich sage immer: Wer nicht alt werden will, der muss früh sterben, das will aber kaum jemand. Nun ist es aber so, dass die Lebenserfahrung doch zeigt, dass Menschen mit zunehmendem Alter nicht automatisch risiko- und innovationsfreudiger werden. Was müssen wir an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern, um in einer alternden Gesellschaft unsere Innovationsfreude, unsere Risikofreude erhalten zu können?

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Ja, eine wichtige Frage, für die es keine einfache Antwort gibt. Wir haben nicht zu viel Alte, wir haben zu wenig Junge und die werden wir in jedem Fall brauchen, diesen jungen Nachfluss, für Kreativität, für Innovationen. Es gibt keine mir bekannte Untersuchung, die belegen würde, dass Menschen in dem Alter, an das Sie denken, wenn sie eben näher zur Pensionierungsgrenze kommen plus/minus ein paar Jahre, nun nichts mehr lernen könnten oder nicht kreativ sind. Aber es gibt natürlich viel praktische Gründe, dass die sagen, nach einem Arbeitsleben, wo sie vielleicht viel erreicht haben, warum soll ich jetzt nochmal alles riskieren, in den letzten paar Jahren?
Ich sage Ihnen mal eine erste Analyse, wo Sie schon sehen, was wir tun müssen. Wenn Sie mal in die Weiterbildungsstatistiken vieler Betriebe schauen, dann stellen Sie fest, wenn Sie das darstellen über dem Lebensalter, dass mit der Altersgruppe 50 das fast abbricht. Daraus kann man nur schließen, entweder werden sie nicht mehr hingeschickt zur Weiterbildung, oder sie wollen es selber nicht. Das muss man nochmal genauer analysieren. Aber klar ist natürlich, dass wenn dort aus welcher dieser beiden genannten Gründen auch immer, nicht genügend nach- und weiterqualifiziert wird, muss es diesen Abbruch geben. Ich glaube, dass wir gute Ergebnisse erzielen können, indem die Weiterbildungsbemühungen für die Älteren weitergetragen werden und wir dann – zumindest haben wir damit die besten Erfahrungen gemacht – gemischte Innovationsteams bilden. So wie das Leben sonst auch die Geschichten schreibt. Mit Jungen, Mittelalten und etwas Älteren. Wir brauchen diese Gemischte-Struktur, weil das ja auch in aller Regel auch auf die Bedürfnisse am Markt zutrifft, wo wir auch wieder solche Gemischten-Strukturen haben. Also ich denke, da können wir noch einiges miteinander bewegen, aber ohne Nachwuchs wird es nicht funktionieren, das haben wir glaube ich, jetzt mehrfach schon miteinander diskutiert und deshalb muss das eine Aufgabe sein, um die wir uns kümmern.

Saur: Vielen Dank, die nächste Wortmeldung ist von Prof. Dr. Claus Belka, Chefarzt am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität

Frage von Prof. Dr. Claus Belka: Herr Bullinger, ich möchte allen Punkten Ihrer Rede zustimmen und möchte einen Fokus vielleicht noch aufbringen, auf den Sie nur in der Randbemerkung der Planfeststellungsverfahren eingegangen sind. Das ist der Punkt: „Innovation braucht adäquate politische Rahmenbedingungen“. Und ich denke alle im Raum sind, glaube ich, unisono einig, dass wir Innovation brauchen, weil wir eigentlich kein Erdöl oder auch keine seltenen Erden Reserven haben. Was ich feststelle, ist genau der Spagat, die politischen Rahmenbedingungen sind zum Teil so schwierig, dass selbst wenn Innovation da ist, wir sie in diesem Lande nicht mehr umsetzen können.
Wenn wir jetzt den Bereich - Sie hatten als Ihren letzten Punkt die Gesundheit genommen - wenn ich das jetzt hier vor Ort aus einem großen Münchner Universitätsklinikum sagen darf, die gesetzlichen Vorgaben für die Durchführung klinischer Studien sind in Deutschland in der Umsetzung von EU-Richtlinien - der härtesten in der Umsetzung von EU-Richtlinien - so problematisch, dass es einer solchen großen Universität nicht mehr gelingt, aus Eigenmitteln Medikamente in der Härte zu beforschen, sondern wir in eine völligen Abhängigkeit in der pharmazeutischen Industrie kommen. Das heißt, was machen wir um politische Rahmenbedingungen in vielen, vielen Bereichen einfacher zu machen, dass wir Innovation auch wirklich umsetzen können?

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Ja, ich hatte immer gehofft, es kommt noch einer der eine einfache Frage stellt!

Prof. Dr. Claus Belka: Das ist unser Tagesgeschäft!

Antwort von Prof. Dr. Hans-Jürg Bullinger: Ja, es ist auch in gewisser Weise für uns ein Tagesproblem. Zunächst einmal ist es sicher richtig, dass wir starke Einschränkungen haben, wir haben starke Einschränkungen in der Forschung, ich habe das vorher nicht erwähnt. Wenn Sie es hier so sagen, einer der Gründe, warum wir ins Ausland sind, etwa mit unserer ganzen grünen Genforschung, auch zum Teil mit der Arzneimittelforschung, vorzugsweise nach USA, hängt natürlich genau mit dem Thema zusammen. Wir sind vor 15 Jahren mit diesen Forschungen nach USA, sind heute dort sehr erfolgreich, indem wir unter anderem aus Tabakpflanzen Impfstoffe gegen Malaria mit Pfizer und anderen entwickeln. Wir wären aber völlig weg von der Spitzenforschung, wenn wir diesen Schritt nicht gemacht hätten, wenn wir gar nicht die Möglichkeit gehabt hätten, das zu verproben. Also, das ist sicher richtig, da weiß ich auch kein Patentrezept, außer dass wir alle miteinander und die, die es verstehen, ganz besonders versuchen müssen, dort hinzugehen. Was die Arzneimittelforschung betrifft, haben wir ähnliche Überlegungen gemacht. Wir haben in Fraunhofer zwei GNB Production Linien, eigene! Das kostet natürlich sehr, sehr viel – GNB Production ist eine Versuchsanlage für Arzneimittel, dürfen Sie sich nicht vorstellen wie einen sonstigen Versuch, da brauchen Sie Genehmigungen vom Innenministerium und Auflagen ohne Ende, um das zu betreiben. Wir haben das dennoch gemacht. Das heißt, so ein Fraunhofer Instinkt, das die GNB-Linie betreibt, die haben dann 400/500 Leute, das heißt, da lohnt sich irgendwo so eine GNB-Linie und jetzt muss man eben auch in der universitären Forschung mit außeruniversitären Einrichtungen Strukturen finden, so dass sich das Invest lohnt. Was eben – da tun wir uns ein bisschen schwer – die beiden Münchner Universitäten ja viel weniger als andere, als Exzellenz-Universitäten. Es fällt uns immer ein bisschen schwer, weil wir eben immer glauben, wir müssten alles an jeder Universität beforschen. Also, zwei Antworten drauf, die erste nicht befriedigend, wir sehen das auch so, wir müssen versuchen daran zu arbeiten, das tun wir auch, wenn wir es können. Das zweite, da können wir vielleicht wechselwirkend in unseren Feldern einen Beitrag leisten mit anderen Strukturen.

Schlusswort von Prof. Dr. Klaus G. Saur: Vielen Dank, das war die letzte Frage. Ich danke allen Fragenden, für die tatsächlich keineswegs einfachen Fragen. Ich danke aber vielmehr Herrn Prof. Bullinger für seinen hervorragenden, für seinen absolut hervorragenden Vortrag und für die unerhört klare und präzise Beantwortung dieser Fragen. Ich freue mich, dass der Vortrag von Herrn Bullinger und auch die gehaltenen Reden alle gedruckt werden, allen Teilnehmern zugehen werden und ich darf Sie jetzt bitten, zum Gulaschessen, zum Biertrinken – wieder Beck´s Bier – zurück zugehen und jetzt aber die rechte Seite benutzen, um zu diesem Abschluss zu kommen.

Vielen Dank, einen wunderbaren Abend!