175. Zusammenkunft am 07. Juni 2013
im Rathaus zu Krakau (Wielopolski-Palais)


 

Vortrag: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Dr.-Ing. E.h. Jürgen Mittelstraß

„Kopernikus - der konservative Revolutionär“


Lieber Herr Treusch,
meine Herren,

ein Vertreter der seltsamen Zunft der Philosophen vor Kaufleuten? Das kann eigentlich nur schiefgehen. Philosophie – das bedeutet Tiefsinn, in dem üblicherweise wenig Sinn zu finden ist, überzüchtete Intelligenz, die nicht gebraucht wird, ein Leben über den Wolken, nicht unter den Wolken, dort wo unsere eigentlichen Probleme sind. Tatsächlich spielen im gesellschaftlichen Leben Philosophen heute die Rolle, die früher den Narren bei Hofe vorbehalten war. Man hört sie nicht ungern – jedenfalls, solange sie einigermaßen unterhaltsam sind -, nimmt sie nicht ernst und vergißt sie gleich wieder. Sie fallen gewissermaßen aus der modernen Welt heraus. Die denkt im wesentlichen wirtschaftlich und technologisch, vertraut dem wissenschaftlichen und technischen Verstand und versteht alles andere als angenehme Zugabe, als eine Welt nach Feierabend. Der geisteswissenschaftliche Verstand feiert, während der wirtschaftliche und technische Verstand hart arbeitet – keine erfolgversprechende Konstellation.

Wenn das auch Ihre Erwartung heute Abend ist, werde ich Sie wohl nicht enttäuschen. Allerdings werde ich auch nicht aus dem philosophischen Nähkästchen plaudern. Sicherheitshalber – und weil wir uns in Krakau in einem Zentrum europäischer Wissenschaft und Kultur befinden – weiche ich in die Welt der Wissenschaft aus. Diese gehört selbst zum intellektuellen Kern der modernen Welt und stellt zugleich einen wesentlichen Motor dieser Welt dar. Kein sonderlicher Tiefsinn also, kein Ausflug ins philosophisch Blaue, hoffentlich wenig Narrheit – ganz einfach ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Und Geschichte ist immer interessant. Schließlich ist es die Geschichte unserer Welt und unsere Geschichte.

Und noch etwas. Nach Löffeltrunk, Bremer Abendbrot, bei dem es nicht beim Brot allein geblieben ist, und zwei Tischreden, die Ihre Aufmerksamkeit wahrhaft verdient haben, will ich Ihnen nicht auch noch eine längere akademische Vorlesung zumuten. ‚Länger‘ kann sehr lang sein, ‚akademisch‘ kann sehr trocken sein, und ‚Vorlesung‘ erinnert in erster Linie an Schule. Nichts von all dem soll hier passieren (so jedenfalls mein guter Wille und, wie ich denke, Ihre Hoffnung). Außerdem ist die Wahrheit in der Regel kurz, und kurz sollte auch ihre Begründung, folglich auch ihre Mitteilung sein.

In diesem Falle geht es, dem Ort, Krakau, und auch ein wenig der deutsch-polnischen Wissenschaftskooperation geschuldet, um die astronomische Wahrheit. Die allein schon, so hoffe ich, sorgt für ein gewisses freundliches Interesse.

Von je her übt der Blick zu den Sternen, übt die Astronomie als der erklärende Blick in den Kosmos eine ungeheure Faszination auf den Menschen aus. Hier geht der Blick ins Unendliche, gleichwohl irgendwie auch Endliche und Geordnete, ins eigentlich Unvorstellbare – oder was fangen Sie mit Entfernungen von millionen Lichtjahren an? – und doch auch dem Blick Stabilität Verleihende. Selbst die moderne Terminologie transportiert noch ein ursprüngliches Erstaunen und eine seltsame Lust am Unbegreiflichen. Da ist von einem Urknall die Rede, einer Singularität, mit der alles, Raum, Zeit und Materie, begann, von schwarzen und weißen Löchern, die ständig Materie verschlingen bzw. auslassen, dunkler Materie und dunkler Energie, erwartet, berechnet, aber nie gefunden, von roten und blauen Riesen, Riesensternen mit bis zu 100 Sonnenradien. Die Astronomie steht denn auch, zusammen mit der Geometrie, am Beginn des wissenschaftlichen Denkens. Für die Griechen waren die Planeten die ersten aller Götter, im Unterschied zu den sehr menschlich agierenden olympischen Göttern eine unverrückbare, ewige Ordnung darstellend. Heute erfreut ein Krieg der Sterne den kindlichen Blick und geht es mit Star Trek und U.S.S. Enterprise in unendliche Weiten – das Technologische ersetzt das Theologische und bleibt ihm in seiner Faszination gegenüber dem Fernen und Unbekannten dennoch nah. Es ist wohl nicht zuletzt das eigentümliche Verhältnis von nah und fern – Sonne und Mond, die unsere Tage und Nächte begleiten, einerseits, Galaxien, irgendwo ‚da draußen‘, auf dem Wege zu denen selbst das Licht zu verzweifeln scheint, andererseits –, das Teil dieses Faszinosums eines geordnet Unendlichen ist.

Die Griechen versuchten dieses nahezu unfaßbare Verhältnis z.B. durch die Übertragung der Gesetze musikalischer Harmonie auf die Bewegungen der Fixsternsphäre und der Planeten verständlich zu machen. Demnach erzeugen die in harmonischen Abständen von der Erde (im geozentrischen System) angeordneten Himmelskörper (Planeten und Fixsternsphäre) hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Geschwindigkeiten Töne, die der (siebentonigen) diatonischen Tonleiter entsprechen. Diese Töne sind allerdings nur für das geistige Ohr hörbar. Noch Johannes Kepler wird, 2000 Jahre später, an dieser Konzeption einer Sphärenharmonie, die auch noch den Zeitpunkt der Erschaffung der Welt und den Anfang der Zeit erklären soll, arbeiten, womit selbst am Anfang des neuzeitlichen Denkens die Grenzen zwischen Astronomie und Astrologie, für die zwischen Mensch und Himmel nicht nur eine räumliche, sondern auch eine Lebensbeziehung besteht, noch einmal verschwimmen.

Kein Wunder denn auch, dass man in der Wissenschafts- und Geistesgeschichte alle fundamentalen Neuerungen, wissenschaftliche Revolutionen, wie es dann heißt, mit der Astronomie verbindet. Und an erster Stelle steht hier ein Mann aus Thorn, der Hansestadt, die zu Beginn des 13jährigen Krieges 1454 den Deutschen Orden verließ und sich 1467 als Teil des Königlichen Preußen dem König von Polen als Schutzherrn unterstellte. Sein Name: Nikolaus Koppernigk, mit seinem latinisierten Namen: Copernikus. Kein anderer spielt im propagandistisch artikulierten Selbstverständnis des neuzeitlichen Denkens eine derart entscheidende Rolle wie er. ‚Mit Vernunft und Geometrie bewaffnet‘ hat der spätere Frauenburger Domherr nach den Worten Georg Christoph Lichtenbergs eine 2000jährige Geschichte des Irrtums siegreich beendet, „unter allen Entdeckungen und Überzeugungen“ schreibt Johann Wolfgang v. Goethe, „möchte nichts eine größere Wirkung auf den menschlichen Geist vorgebracht haben als die Lehre des Kopernikus“. Im Anschluß an Immanuel Kant bürgert sich die Redeweise von einer ‚kopernikanischen Wende‘ für eine radikale Umbesetzung traditioneller Positionen ein, vernünftige (‚mit Vernunft und Geometrie bewaffnete‘) Selbständigkeit verbindet sich in Kopernikus mit einem Neubeginn des Denkens. Und was die Wissenschaftsgeschichte zu bestätigen scheint, macht die Geistesgeschichte perfekt: Kopernikus ist der Inbegriff des Neuen, mit ihm beginnt die moderne Zeit. Wer ist dieser Mann?

Kopernikus, geboren am 19. Februar 1473 in Thorn, studierte an drei der berühmtesten Universitäten seiner Zeit: 1491 bis 1494 in Krakau (1364 als zweite und damit zweitälteste Universität Europas gegründet), 1496 bis 1500 in Bologna, 1501 bis 1503, nach einem einjährigen Aufenthalt in Rom, in Padua; 1503 auch das Jahr seiner kirchenrechtlichen Promotion in Ferrara. Warum in Ferrara? In Ferrara kam die Promotion einfach billiger - finanziell gesehen, als in Padua. Dem Renaissanceideal des uomo universale, des universalen Künstlers und Wissenschaftlers, entsprechend widmete sich Kopernikus der Philosophie, dem Griechischen, der Mathematik, der Astronomie und der Medizin. Die Welt des Wissens war noch eine ungeteilte Welt, der Spezialist oder Experte, modernes Symbol einer geteilten Welt, war noch nicht erfunden. Kopernikus war denn auch Astronom, kirchlicher Administrator (bereits 1497 zum ermländischen Domherrn in Frauenburg gewählt) und Arzt zugleich, zusätzlich befaßt mit kartographischen Arbeiten und, seit 1517, mit dem preußischen Münzwesen. Hier entwirft er z.B. im administrativen Geiste eine Brotpreisordnung, die, für das praktische Brotgewerbe wohl eher schwer verdaulich, erstaunlich mathematisch ausfällt, beschreibt, wohl als erster, die Doppelfunktion des Geldes als Preismaßstab und Zirkulationsmittel und formuliert das später so genannte Greshamsche, oder eben auch Gresham-Kopernikanische Gesetz, wonach schlechtes Geld (Geld mit minderem Materialwert) das gute Geld (Geld mit hohem Materialwert) aus dem Umlauf verdrängt. Zu einer Revolution im Ökonomischen hat es im Unterschied zur astronomischen Revolution, von der gleich die Rede ist, nicht gereicht. 1528 erläßt der polnische König Sigismund I. eine Münzordnung, die keine Kopernikanischen Spuren trägt. In Krakau bleibt der Astronom Kopernikus im Bewußtsein der Universität fest verankert. 1578 bis 1580 hält Walenty Fontanus, Rektor der Universität, 35 Jahre nach Kopernikus‘ Tod Vorlesungen über die heliozentrische Theorie, was in der zeitgenössischen Universitätslehre ohne Vorbild ist (und worin Krakau selbst zum Vorbild der historisch bedeutsamen Reform des Astronomieunterrichts in Wien wird).

Die heliozentrische Theorie – das war das epochemachende Werk des Kopernikus. Ein erster Entwurf dieser Theorie kursierte in Form eines doppelepizyklischen Systems, d.h. eines Systems kombinierter Kreisbewegungen, mit dem auch bisher schon auf geozentrischer Grundlage der wachsenden Genauigkeit von Beobachtungsdaten Rechnung getragen wurde, in (erst 1873 wieder aufgefundenen) Abschriften. Dieser Entwurf begründete seinen Ruf als Astronom im Rahmen der Arbeiten an einer Kalenderreform. Die erste publizierte Fassung der Kopernikanischen Astronomie stellt 1540 eine Art Ankündigung, die „Narratio prima“ des Wittenberger Mathematikers Georg Joachim Rheticus, dar, der sich 1539 bis 1541 in Frauenburg aufgehalten und sich intensiv mit der Arbeit des Kopernikus befaßt hatte. Das Hauptwerk selbst, Gründungsdokument des neuzeitlichen heliozentrischen Systems, im Druck in Nürnberg zunächst von Rheticus, dann von dem lutherischen Theologen Andreas Osiander überwacht, erschien erst zwei Jahre später unter dem Titel „De revolutionibus orbium coelestium libri VI“ (sechs Bücher über die himmlischen Umdrehungen), als Kopernikus schon im Sterben lag. Dass es – dazu gleich – sein Sterben beförderte, ist eher unwahrscheinlich, aber möglich.

Der Heliozentrismus löst den Geozentrismus ab, der über 2000 Jahre die Astronomie beherrschte, damit auch die Sicht der Welt, die Weltanschauung, wie es ein schönes Wort, leider ein wenig in Mißkredit geraten, besagt. Im Geozentrismus sind Weltzentrum und Erdzentrum identisch; die Planetenbewegungen (einschließlich der Sonnenbewegung) werden geometrisch auf Kurvenbahnen um die als ruhend oder um ihre Achse rotierend gedachte Erde zurückgeführt. Kern der griechischen Astronomie, mit der die wissenschaftliche Astronomie beginnt, ist die Annahme, dass alle planetarischen Bewegungen auf Kreisbahnen gleichförmig, d.h. mit gleichförmiger Winkelgeschwindigkeit, erfolgen. Beide Annahmen, Kreisförmigkeit und Gleichförmigkeit der planetarischen Bewegungen, bilden von nun an die zentralen Grundsätze der Astronomie und damit die Prinzipien eines astronomischen Forschungsprogramms. Gezeigt werden sollte, dass sich die dem Augenschein nach unregelmäßigen Bewegungen der Planeten auf regelmäßige Bewegungen im Sinne dieser Prinzipien zurückführen lassen, dass, mit anderen Worten, die
Planetenbewegung dem irdischen Beobachter so erscheinen muß, wie sie ihm erscheint, wenn man annimmt, dass sie in Wahrheit so verläuft, wie es das mathematische Modell, hier ein geozentrisches Modell, angibt.

Das heißt nicht, dass nicht auch andere Modelle möglich und auch bekannt waren, z.B. in Form heliozentrischer Hypothesen. Heliozentrische Hypothesen, d.h. Hypothesen, nach denen sich im Gegensatz zum Geozentrismus die Sonne im Mittelpunkt des Planetensystems befindet, waren tatsächlich schon in der Antike bekannt, besaßen aber gegenüber dem Geozentrismus den Nachteil, dass sie sich physikalisch nicht erklären ließen. Die Aristotelische Physik, die konkurrenzlos das physikalische Denken bis in die Neuzeit bestimmte, ließ – und hier liegt die Gefahr einer längeren Vorlesung nahe, der ich aber artig widerstehe – nur geozentrische Erklärungen zu, d.h., sie zeichnete geozentrische Annahmen gegenüber heliozentrischen Annahmen physikalisch aus. Der mathematischen Phantasie im Erfinden alternativer Modelle waren keine Grenzen gesetzt, die (physikalische) Wahrheit aber war nun einmal geozentrisch.

Kodifiziert und wissenschaftstheoretisch auf den Punkt gebracht wurde dieser Umstand in der Unterscheidung zwischen einer mathematischen, sich auf geometrische Beschreibungen von Bahnbewegungen beschränkenden (kinematischen) Astronomie und einer physikalischen, zusätzlich physikalische Gründe angebenden (dynamischen) Astronomie. Nach dem Aristoteles-Kommentator Simplikios, der im 6. nachchristlichen Jahrhundert schrieb, ist es die Aufgabe der physikalischen Astronomie, das Wesen des Himmels und der Gestirne zu erforschen (wozu die Aristotelische Physik eine konkurrenzlose Voraussetzung bot), die Aufgabe der mathematischen Astronomie, zu beweisen, dass die planetarische Welt wirklich ein Kosmos, d.h. ein nach geometrischen Gesichtspunkten geordnetes System, ist (was auf der Basis unterschiedlicher, darunter auch heliozentrischer Annahmen, geschehen konnte). Diese Unterscheidung blieb maßgeblich für die Astronomiegeschichte bis in die Neuzeit hinein, d.h. auch im Falle der Kopernikanischen Astronomie, obgleich sich Kopernikus selbst über sie hinwegzusetzen suchte. Doch zunächst zum Kopernikanischen Programm selbst.

Das geozentrische Modell der Planetenbewegungen war im Laufe der Geschichte der Astronomie immer komplizierter geworden. Die Astronomie experimentierte, wie zunächst auch noch Kopernikus selbst, mit seltsamen Kombinationen von Kreisbewegungen, der vielfachen Überlagerung gleichförmig durchlaufener Kreisbahnen, und exzentrisch liegenden Mittelpunkten. Die ursprünglichen Grundsätze der griechischen Astronomie, die einfach und anschaulich sein sollten, waren kaum mehr erkennbar. Und eben das störte Kopernikus. Sein zentrales Bestreben war es, diesen Grundsätzen wieder Geltung zu verschaffen, das astronomische Modell wieder einfach und anschaulich zu machen, wie es einmal war. Ziel war es, die ursprünglichen astronomischen Verhältnisse wiederherzustellen, und sei es auf der Basis einer heliozentrischen Hypothese. Nicht dem Mittelpunktskörper, bisher der Erde, galt von jeher das eigentliche astronomische Interesse, sondern der Ordnung der Planetenbewegung. Die wiederum erschien mit den Grundsätzen der griechischen Astronomie, Kreisförmigkeit und Gleichförmigkeit, ein für allemal gegeben.

Die Kopernikanische Revolution fällt damit im Grunde erstaunlich konservativ aus: Sie kehrt mit der Absicht, die astronomischen Dinge zu verändern, methodologisch gesehen an den griechischen Anfang der Astronomie zurück, weshalb im übrigen auch die Kopernikus-Propaganda, die, wie z.B. der unglückliche Giordano Bruno, der wegen seiner Viele-Welten-Theorie in Rom verbrannt wurde, in Kopernikus nicht etwa den Begründer einer neuen, sondern den Erneuerer einer alten ‚Philosophie‘ sieht, so Unrecht nicht hat. Die spätere und nach wie vor gewohnte geistesgeschichtliche Einordnung der Kopernikanischen Astronomie erweist sich tatsächlich, mit nüchternen wissenschaftshistorischen Augen betrachtet, als ein Mißverständnis. Was Kopernikus methodologisch wollte, nämlich die strikte Durchsetzung der Grundsätze der griechischen Astronomie, führt nicht in eine neue Zeit, sondern eher in die Vergangenheit. Die endet erst mit Kepler in dessen Astronomie Ellipsenbahnen an die Stelle von Kreisbahnen und ungleichförmige Bewegungen an die Stelle von gleichförmigen Bewegungen treten. Die griechischen Grundsätze einer wissenschaftlichen Astronomie haben erst jetzt, mit Kepler, ausgedient.

Das Kopernikanische Programm bleibt damit in gewisser Weise auch noch innerhalb der Unterscheidung zwischen einer mathematischen Astronomie mit ihren geometrischen Erklärungen und einer physikalischen Astronomie mit ihren (auch) dynamischen Erklärungen. Denn auch der Heliozentrismus der Kopernikanischen Astronomie verfügt zunächst noch über keine physikalischen (dynamischen) Erklärungen, um die sich Kepler bemüht, die aber erst Isaac Newton später nachliefern wird. Kopernikus‘ Anspruch, die wahre ‚Form der Welt‘ (forma mundi) demonstriert zu haben, bleibt erst einmal selbst eine Hypothese, weshalb auch jener Osiander, der schlußendlich den Druck des Kopernikanischen Werkes besorgte, gar nicht so danebenlag, wenn er in einem umstrittenen anonymen Vorwort auf diesen Umstand aufmerksam macht.

Ein anonymes Vorwort – eine vertrackte Geschichte. Zur Erinnerung: Osiander besorgt die erste Auflage des Kopernikanischen Werkes, nachdem Rheticus die vorgesehene Aufsicht über den Druck im November 1542, aus Gründen der Übernahme einer Mathematikprofessur in Leipzig, an diesen abgegeben hatte. Gegen das Kopernikanische Selbstverständnis und dessen propagandistische Darstellung durch Rheticus verweist Osiander nachdrücklich auf den hypothetischen Charakter des Kopernikanischen Systems. Er schreibt wörtlich: Es ist die „Aufgabe des Astronomen, Kenntnisse von den Bewegungen am Himmel mithilfe sorgfältiger und kunstfertiger Beobachtung zu sammeln, darauf deren Ursachen – oder doch wenigstens Hypothesen, falls er die wahren Ursachen auf keine Weise ermitteln kann – irgendwelcher Art dafür auszudenken und ausfindig zu machen, unter deren Voraussetzung eben diese Bewegungen aus Grundsätzen der Geometrie für die Zukunft wie für die Vergangenheit richtig berechnet werden können. Beides hat dieser kunstfertige Mann hervorragend geleistet. Es ist nämlich gar nicht notwendig, dass diese Voraussetzungen wahr sind, nicht einmal dass sie wahrscheinlich sind, es genügt vielmehr, wenn sie eine mit den Beobachtungen übereinstimmende Berechnung darstellen.“ Und am Ende heißt es: „Lassen wir es also zu, dass diese neuen Hypothesen unter den alten, nicht wahrscheinlicher als diese, bekanntwerden, zumal sie bewundernswert und zugleich leicht faßlich sind und einen riesigen Schatz gelehrtester Beobachtungen mit sich führen. Und niemand soll, was diese Hypothesen betrifft, von der Astronomie Gewißheit erwarten, da sie selbst nichts dergleichen leisten kann, damit er nicht, wenn er sich zu anderem Zwecke gebildete Annahmen aneignet, törichter von dieser Wissenschaft von hinnen geht, als er zu ihr gekommen ist.“ Nach Osiander besteht die Leistung des Kopernikus also nicht darin, die ‚wahre Form der Welt‘ demonstriert zu haben, sondern darin, eine Hypothese formuliert zu haben, die ebenso wie frühere Hypothesen geeignet war, das planetarische System in seinen Bewegungsformen geometrisch darzustellen, nur eben besser und erfolgreicher.

Steht am Anfang der neuzeitlichen Astronomie ein Verrat, eine bewußte Täuschung des Autors? Möglicherweise im Bunde mit dem Drucker Johannes Petreius und Friedrich Pistorius, dem früheren Abt des Nürnberger Ägidienklosters, der nach Aufgabe seines Amtes als Korrektor in der Druckerei beschäftigt war? Schließlich könnte hier ein kirchliches Interesse an der Einstufung des Kopernikanischen Systems gewirkt haben. Doch das ist wenig wahrscheinlich. Immerhin arbeitet Osiander nicht im Verborgenen. In einem Brief vom 20. April 1541 schreibt er unter Hinweis auf den hypothetischen Charakter geometrischer, kinematischer Modelle in der Astronomie an Kopernikus (dessen vorangegangener Brief vom 1. Juli 1540 heute verloren ist), dass es wünschenswert wäre, wenn dieser darauf in seiner Einleitung einginge: „Denn auf diese Weise würdest Du die Peripatetiker (also die Aristoteliker) und Theologen beruhigen, deren Opposition Du fürchtest.“ Und am selben Tag an Rheticus: „Die Peripatetiker und Theologen werden sofort beruhigt sein, wenn sie hören, dass es unterschiedliche Hypothesen für dieselbe erscheinende Bewegung gibt, dass diese Hypothesen vorgelegt werden, nicht weil sie in Wirklichkeit wahr sind, sondern weil sie die Berechnungen der erscheinenden und miteinander verbundenen Bewegungen so gut wie nur irgend möglich regeln, dass es für jeden möglich ist, unterschiedliche Hypothesen zu entwickeln; dass der eine sich ein geeignetes System ausdenken kann und der andere ein anderes.“ Mit anderen Worten: Kopernikus war gewarnt, aber er ging auf diese Warnung nicht ein. Zwar verwendet auch er in der Beschreibung seines Systems den Ausdruck ‚Hypothese‘, nur versteht er darunter nicht wie üblich hypothetische Annahmen, die sich widerlegen lassen, sondern Prinzipien in einem grundsätzlichen axiomatischen Sinne.

Also zumindest Täuschung des Lesers? Wohl nur auf den ersten Blick. Die Autorschaft des Osiandrischen Vorworts bleibt anonym, doch verweist Osiander in seinem Vorwort wiederholt auf ‚den Autor‘ des Werkes und auf das ebenfalls abgedruckte originale Vorwort des Kopernikus, die „Praefatio Autoris“. Als Grund für die Anonymität des Osiandrischen Vorworts mag wiederum vermutet werden, dass die offene Intervention eines bekannten Lutheraners für zusätzliches Aufsehen, möglicherweise abträglich für die Aufnahme des Werkes, gesorgt hätte. Im übrigen genoß Osiander trotz des Umstandes, dass er kein Wissenschaftler war, keine wissenschaftliche Ausbildung besaß, wissenschaftliche Reputation, Kepler z.B. nennt ihn in Bezug auf die astronomische Forschung einen „ausgewiesenen Kenner in diesen Dingen“. Die Wissenschaftsgeschichte gibt Osiander recht, gegen die Kopernikanische Überzeugung. Kopernikus selbst erfährt von diesem editorischen Eingriff, wenn überhaupt, erst nach erfolgter Drucklegung, und das heißt: kurz vor seinem Tode. Was er gedacht haben mag – aufkommende Einsicht oder
gewaltiger Ärger, vermutlich dieser – wissen wir nicht.

Kopernikus – ein konservativer Revolutionär. Ein Revolutionär, weil seine Astronomie den definitiven Abschied vom griechischen und mittelalterlichen Weltbild bedeutete, ein konservativer Revolutionär, weil dieser Abschied noch mit den Mitteln der traditionellen Astronomie, nämlich auf der Basis ihrer Grundsätze, gelingen sollte. So steht am Anfang des neuzeitlichen Denkens ein Mann, dessen wissenschaftliche Arbeit mehr Kontinuität erkennen läßt, als es uns die Geistesgeschichte glauben machen möchte. Die Wissenschaft und die Wissenschaftsgeschichte selbst denken da sehr viel nüchterner. Wissenschaft ist zu ihren größten Teilen ein mühsames Geschäft, das weniger den ungestümen Geist als den ausdauernden Verstand belohnt, für den wiederum Kontinuität so wichtig ist wie Diskontinuität, revolutionär gesehen oder nicht. Kopernikus, der Kanonikus, Arzt und Astronom, ist da keine Ausnahme. Das Großartige an seinem wissenschaftlichen Werk ist gerade die Verbindung des Alten mit dem Neuen, des langen Atems der Wissenschaft mit der neuen Einsicht. Das Bestehen auf der ganzen astronomischen Wahrheit war verfrüht, aber es öffnete den Weg in diese Wahrheit – die eben nur eine mathematische und eine physikalische Wahrheit sein konnte.

Und noch etwas, das hier mit einem anthropologischen Blick auf die Wissenschaftsgeschichte zusammenhängt: In einer geistesgeschichtlichen Optik erscheint
die Kopernikanische Astronomie, obgleich ihr revolutionärer Charakter betont wird, als eine Kränkung des Menschen. Diese Kränkung besteht darin, dass der Mensch aus der Mitte der Welt in die planetarische Peripherie rückt (von Siegmund Freud gleich noch um zwei weitere Kränkungen ergänzt: In Charles Darwins Evolutionstheorie wird der Mensch ein Tier unter Tieren; in Freuds eigener psychoanalytischer Theorie ist er nicht länger Herr, d.h. ein starkes Ich, im eigenen, psychischen Haus). Der Biologe Jacques Monod hat die kosmologische Kränkung später drastisch in der Weise zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch nun weiß, „dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden und Verbrechen“. Ein ‚Zigeuner am Rande des Universums‘ – der griechische Geist, der am Anfang der philosophischen und wissenschaftlichen Entwicklung steht und dem sich Kopernikus mit dem Festhalten an den Grundsätzen des griechischen astronomischen Forschungsprogramms so verbunden sieht, hätte das ganz anders gesehen: Dass der Mensch mit der Kopernikanischen Astronomie seine zentrale Stellung im Universum verliert, bedeutet hier gerade nicht Kränkung oder Verlust, sondern das Einrücken der Erde in die Welt der Planeten, in eine Welt, die das Geordnete, das Ewige und das Göttliche symbolisiert. Und welche Revolution, meine Herren, könnte für den Menschen großartiger ausfallen als diejenige, die ihn unter die Götter versetzt?